Leserdebatte: Überfälliger oder überflüssiger Großstreik? So sieht es die Handelsblatt-Leserschaft

Mit einem großangelegten bundesweiten Warnstreik haben die Gewerkschaften EVG und Verdi am Montag weite Teile des öffentlichen Verkehrs lahmgelegt.
Foto: dpa„Es war ein Tag mit vielen Erschwernissen, Hürden, aber nur ein Tag“, resümiert ein Handelsblatt-Leser mit Blick auf den Großstreik am Montag. Wir haben die Handelsblatt-Leserschaft in dieser Woche nach ihren Erfahrungen und Meinungen zum Streik gefragt.
Und in einigen Zuschriften klingt es so, als hätten sich Leserinnen und Leser aufgrund der Ankündigung gut auf die Einschränkungen vorbereiten können: Die einen fuhren mit dem Fahrrad zur Arbeit, andere arbeiteten im Homeoffice.
Ein Leser machte sogar eine unerwartet positive Erfahrung: Da auf seinem Arbeitsweg weniger Fahrzeuge als sonst unterwegs gewesen seien, kam er „zur richtigen Zeit, eher früher, am richtigen Ort“ an. Ein Leser vermutet: „Anscheinend haben drei Jahre Corona nicht nur Schaden angerichtet, sondern die Wirtschaft wesentlich flexibler und damit resilienter gemacht als gedacht.“
Doch komplett störungsfrei ist der Großstreik nicht abgelaufen. So empfindet ein Leser vor allem die Auswirkungen für die Eltern „langsam echt lästig, besonders was die Betreuung der kleinen Kinder (Kita etc.) angeht“. Zudem finden einige, dass der Streik den „falschen Personenkreis“ getroffen habe, da die verhandelnden Entscheider einen Fuhrpark und weitere Hilfen zur Verfügung hätten.
„Trotzdem muss bedacht werden, dass Streiks oder auch nur deren Androhungen die einzige Option in einem Angestelltenverhältnis sind, klar auf Missstände wie einen unverhältnismäßig geringen Lohn aufmerksam zu machen“, stellt ein Leser heraus. Allerdings sind sich die Handelsblatt-Leserinnen und -Leser uneinig, ob die Forderungen übertrieben und der Zeitpunkt richtig gewählt sind. Dazu zitiert ein Leser Erich Kästner: „Man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht darauf sitzen.“
Aus den Zuschriften der Handelsblatt-Leserschaft haben wir eine Auswahl für Sie zusammengestellt.
A Day in the Life
„Ich musste an die Beatles denken – A Day in the Life. Es war ein Tag mit vielen Erschwernissen, Hürden, aber nur ein Tag. Und nicht ein Zeichen für das Ende der Demokratie oder den Niedergang der deutschen Wirtschaft. Es hat mir gezeigt, wie wichtig Flexibilität ist – auch im Denken: Wir brauchen mehr Krisenresilienz.“
Wolfgang Borgfeld
Die Forderungen sind maßlos übertrieben
„Der Streik hatte unerwarteterweise positive Auswirkungen auf den Straßenverkehr, da erstaunlicherweise weniger Fahrzeuge als sonst unterwegs waren. Ich war zur richtigen Zeit, eher früher, am richtigen Ort.
Die Forderungen sind maßlos übertrieben, da diese unverhältnismäßig gegenüber anderen Tarifparteien und Branchen sind. Das Recht auf Streik finde ich grundsätzlich im Rahmen der Tarifautonomie in Ordnung, sofern es verhältnismäßig und als letztes Mittel zum Ende einer Verhandlung angewendet wird und nicht wie in diesem Fall als ‚Druckmittel‘ zu Beginn einer Verhandlung. Streiks sind für mich selbst kein Thema.“
Joachim Vogler
Alles lief gut – dank der Ankündigung
„Aufgrund der ausreichenden Ankündigung lief alles gut. Ich habe meine Praxis mit dem Fahrrad gut erreicht und auch mein Personal war überpünktlich, da es statt mit ÖPNV mit dem Auto – eine Stunde vor der üblichen Zeit – angekommen war. Auch meine ersten Patienten waren pünktlich.
Als Selbstständige und Arbeitgeberin streike ich nicht. Einige Forderungen halte ich für überzogen, aber gerade im Gesundheitsbereich besteht aus finanzieller Sicht für Angestellte Nachholbedarf und Verständnis.“
Ilka Knur
Hat der Tiger seine Zähne verloren?
„Ein Alarmsignal für die EVG und Verdi. Da bricht man einen kolossalen Streik vom Zaun, der vor ein paar Jahren für Land und Arbeitnehmer ein Härtetest gewesen wäre. Doch Corona hat viel verändert. Die großen Staus blieben aus, Menschen reagierten verhalten auf die Maßnahmen. Ja, es gab Opfer, aber in Anbetracht der Maßnahmen war der Effekt geradezu lächerlich klein. Hat der Tiger seine Zähne verloren?
Anscheinend haben drei Jahre Corona nicht nur Schaden angerichtet, sondern die Wirtschaft wesentlich flexibler und damit resilienter gemacht als gedacht. Eine Zäsur für die Gewerkschaften.“
Florian Dirscherl
>> Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Das Kräfteverhältnis am Arbeitsmarkt hat sich gedreht – zugunsten der Arbeitnehmer
Nicht auf einem Standpunkt festsitzen
„Ein zufriedener Seufzer wird jedem über die Lippen kommen, der so wie ich bereits am Freitag (einen Tag nach Streikbekanntgabe) von seiner mehrtägigen Dienstreise zurückgekommen ist. Zugegeben, die Bahn hatte auf dem Rückweg Verspätung, dies allerdings durch höhere Gewalt in Form eines herren- bzw. damenlosen Koffers.
Wie wir sicher alle wissen, ist ein Streik zwar auch höhere Gewalt, zu Hause bleiben oder zu spät kommen darf deswegen allerdings keiner. Wer sonst auf Bus und Bahn angewiesen ist, muss sich an solchen Tagen halt etwas anderes überlegen, vielleicht ein Rennrad?
Die Forderungen der Gewerkschaft Verdi sind hoch, 10,5 Prozent aber mindestens 500 Euro mehr Lohn sollen es sein. Viele fragen sich: Wer soll das bezahlen? Ich möchte an dieser Stelle eigentlich nur Erich Kästner zitieren: ‚Man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht darauf sitzen.‘“
John C. Sattelberger
Ich kann die Kolleginnen und Kollegen verstehen
„Streiks im Bereich des öffentlichen Verkehrs finde ich absolut grenzwertig, da dieser zur kritischen Infrastruktur für die Bevölkerung gehört.
Wobei ich diesmal die Kolleginnen und Kollegen verstehe, wenn ich sehe, was der Bahn-Vorstand für Gehalts- und Bonierhöhungen bekommen hat. Das passt bei der aktuellen Lage, was Leistung (Pünktlichkeit) und geforderte Zurückhaltung der Beschäftigten angeht, überhaupt nicht.
Ich selbst war nicht betroffen, da ich zu Hause bleiben konnte.“
Oliver Born
Nicht gerechtfertigt
„Als 73-jähriger Rentner hat mich der Streik in keiner Weise betroffen, dennoch habe ich folgende, dezi‧dierte Meinung zu den Forderungen und zum Streik selbst:
Ich halte die Forderungen (die mit der hohen Inflation begründet werden) nicht für gerechtfertigt, da die Inflation im Wesentlichen verursacht ist durch die Kriegshandlungen in Europa (erhebliche, finanzielle Unterstützung der Ukraine und notwendige Stärkung unserer Streitkräfte) sowie durch die Klimakrise und den damit verbundenen Technologiewandel bei der Energieerzeugung für individuelle Mobilität sowie Wärmeerzeugung für Haushalte und industrielle Produktion.
Beide Ziele sind vom Bürger gewünscht und müssen meines Erachtens auch von diesem bezahlt werden – und zwar jetzt durch Akzeptanz eines sinkenden Lebensstandards und nicht von zukünftigen Generationen durch aktuelle Schuldenaufnahme.
Da ich die Forderungen für falsch halte, gilt dies natürlich auch für die aktuellen umfangreichen Streiks. Dazu möchte ich anmerken, dass das hohe Gut des Streikrechtes nicht leichtfertig eingesetzt werden sollte – vielmehr sollte es (vor allem in Form des Generalstreiks) vorbehalten bleiben der Durchsetzung politischer Forderungen wie derzeit in Israel (Abwendung der umstrittenen Justizreform).“
Rainer Becker
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Die Verhandlungen sind doch noch in vollem Gange!
„In der Stadt, in der ich lebe, waren die Auswirkungen zum Glück überschaubar. Wer konnte, machte Homeoffice.
Nur die Auswirkungen für die Eltern werden langsam echt lästig, besonders was die Betreuung der kleinen Kinder (Kita etc.) angeht. Der Warnstreik als vorläufiger Höhepunkt ist meiner Meinung nach aber hochgradig unverhältnismäßig. Es ist noch nicht ausverhandelt und deshalb sollte der Ball flach bleiben.“
Matthias Moser
Der Streik trifft die falschen Personen
„Ja, ich habe meinen Termin in der Innenstadt von München pünktlich erreicht, aber nur weil meine Frau mich zum dringenden Arzttermin mit dem Auto chauffiert hat. Das ging zulasten der Klimabilanz, insgesamt 20 Kilometer Fahrstrecke! Sie blieb für circa eine Stunde im Auto sitzen, denn ein Parkplatz war natürlich nicht verfügbar.
Ja, eine Anhebung der Bezahlung des Personals ist erforderlich, muss aber am Verhandlungstisch abgeschlossen werden. Der ‚General‘-Streik trifft besonders den falschen Personenkreis (wie körperlich Behinderte, finanziell schwach gestellte, Pendler zum Arbeitsplatz etc.). Die verhandelnden Entscheider müssen getroffen werden, die haben aber einen Fuhrpark und weitere Hilfen zur Verfügung etc. und schauen somit nur zu.“
H.-G. Hesse
Da sind doch locker 10 Prozent Lohnerhöhung drin
„Ich kam mit dem Streik sehr gut zurecht, er war ja angekündigt.
Die Forderungen finde ich absolut in Ordnung, insbesondere wenn man die Vergütungserhöhungen des ‚Top Personals‘ liest, da sind doch locker zehn Prozent Erhöhung drin – ohne Streik. Oder wie sehen Sie das?“
Ditmar Krenz
Straßenbahnen der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) stehen mit Streik-Plakaten und Verdi-Fahnen beim Warnstreik im Betriebshof Trachenberge.
Foto: dpaStreiken ja, aber gegen die hohen Steuern im Niedriglohnbereich
„Streiken ja, aber gegen die hohen Steuern insbesondere im Niedriglohnbereich. Denn bei einer Erhöhung der Bruttoeinkünfte erhält der Finanzminister einen sehr großen Anteil und profitiert am meisten vom Lohnzuwachs.“
Karl Kienzle
Attraktivität des ÖPNV sinkt, Streiks sind dennoch wichtig
„Da ich Fahrradfahrer bin, treffen die Streiks mich persönlich kaum, trotzdem lassen diese gerade die Menschen im Stich, die sich den öffentlichen Verkehrsmitteln anvertraut haben, ob auf dem Weg zur Arbeit oder um das Kind zur Kita zu bringen. Die Streiks sorgen somit leider für einen Verlässlichkeitsverlust des ÖPNV, der z. B. bei mir in Köln schon durch einen hohen Krankenstand vorher begünstigt wurde. Die Attraktivität des ÖPNV sinkt, was gegen die politische Initiative, die Attraktivität zu steigern steuert.
Trotzdem muss bedacht werden, dass Streiks oder auch nur deren Androhungen die einzige Option in einem Angestelltenverhältnis sind, klar auf Missstände wie einen unverhältnismäßig geringen Lohn aufmerksam zu machen.
Zusammenfassend sind Streiks gerade im öffentlichen Bereich ein Ärgernis der Nutzer und lassen den ÖPNV unattraktiv erscheinen. Trotzdem müssen heutzutage Berufe der kritischen Infrastruktur mit einer großen Verantwortung gerade auch finanziell angemessen und besser entlohnt werden.“
Jan Ludwig
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Mehr: Ob auf das Bankenbeben eine Finanzkrise folgt, darüber debattierte in der vergangenen Woche die Handelsblatt-Leserschaft.