Meinung: Chinas Corona-Lockerungen wirken hastig und sind schlecht vorbereitet
Die Abkehr von Chinas harter Corona-Linie läuft rasant.
Foto: dpaEs sind dramatische Szenen, die sich derzeit im dritten Jahr der Pandemie in China abspielen. Videos von überfüllten Krankenhäusern und langen Schlangen vor den dortigen Krematorien machen in sozialen Netzwerken die Runde.
Viele Menschen sind verunsichert und trauen sich nicht mehr auf die Straße aus Angst, sich mit Corona anzustecken. Hunderte Millionen haben sich in den vergangenen Wochen laut Schätzungen fast zeitgleich infiziert.
Die Abkehr der chinesischen Staatsführung von ihrer drakonischen Null-Covid-Strategie erfolgte in den vergangenen Wochen in einem rasanten Tempo. Ende November noch waren Tausende Menschen landesweit aus Protest gegen die strengen Restriktionen in einer in China höchst ungewöhnlichen Aktion auf die Straße gegangen. Diese Woche fielen mit den rigiden Einreisebestimmungen für internationale Reisende dann die letzten großen Corona-Beschränkungen.
Doch die Lockerungen wirken hastig und chaotisch – und vor allem schlecht vorbereitet. Staats- und Parteichef Xi Jinping hat es versäumt, die zwei nach den Maßstäben der Pandemiebekämpfung durchaus erfolgreichen ersten Jahre – die drakonischen Maßnahmen führten immerhin dazu, dass vergleichsweise wenige Menschen in China an dem Virus starben – zu nutzen, um den Exit vorzubereiten.
Nun sind die Krankenhäuser überlastet und insbesondere die älteren Menschen nicht ausreichend durch Impfungen geschützt. Viele werden noch sterben.
Dabei hatten Experten immer wieder eindringlich gewarnt, dass das Virus auf Dauer nicht einzudämmen ist. Sie hatten mehr Impfungen angemahnt. Doch passiert ist lange Zeit viel zu wenig. Auch die im Vergleich zu den chinesischen Impfstoffen wirksameren westlichen Vakzine sind noch immer nicht zugelassen in der Volksrepublik.
Die Öffnung war Xis Chance, doch er hat sie verspielt
Wenn es Xi gelungen wäre, eine Strategie für die Abkehr von Null-Covid zu entwickeln, die nach drei Jahren Ausnahmezustand eine Rückkehr zur Normalität ermöglicht hätte, ohne Chaos, ohne exponentiell steigende Fallzahlen, ohne zahlreiche Tote – er hätte es als Erfolg verbuchen können.
Doch wie häufig in autokratischen Systemen war auch das chinesische System unfähig zur Korrektur. Am Ende wurde die Kommunistische Partei schlicht von der Realität eingeholt. Es blieb ihr angesichts der hoch ansteckenden Variante und der darbenden Wirtschaft nichts anderes übrig, als sich zu öffnen, bereit oder nicht.
Die Lockerungen dürften somit mitnichten eine direkte Folge der Proteste gewesen sein. Sie sind vielmehr ein Eingeständnis, dass auch die KP, die in nie da gewesener Weise ihre Bevölkerung kontrollieren kann, ein Virus dauerhaft nicht kontrollieren kann.