Schriftliches Dividieren: Wieder müssen Unternehmen die Bildungspolitik reparieren

Seit Jahren klagen Unternehmen darüber, dass sie Auszubildenden Grundlagen beibringen müssen, die früher selbstverständlich waren. Lesen, Schreiben, Rechnen. Das alles wird zunehmend zur Aufgabe der Betriebe. Niedersachsen liefert nun ein weiteres Beispiel dafür, wie die Wirtschaft zum Reparaturbetrieb einer verkorksten Bildungspolitik gemacht wird.
Dort sollen Grundschüler künftig schriftliches Dividieren nicht mehr lernen, das Rechnen mit Kommazahlen entfällt weitgehend. Nur beim Umgang mit Geld macht man eine Ausnahme.
Das Ministerium verkauft das als pädagogische Entlastung. In Wahrheit ist es ein weiteres Absenken von Leistungsstandards. Statt die Ursachen von Lernschwierigkeiten anzugehen, senkt man die Anforderungen. Seit Jahren zeigt der internationale Schulvergleichstest Pisa, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler in Deutschland an den Mindestanforderungen in Mathematik scheitern.
Die Folgen sind längst im Berufsalltag angekommen. Industrieunternehmen berichten, dass sie mehr als 60 Prozent ihrer Auszubildenden in Zusatzkursen Bruch- und Dezimalrechnung erklären müssen, weil diese Maße und Toleranzen nicht verstehen. Im Handwerk ist die Notwendigkeit für Nachhilfe ebenfalls Alltag. Bau-, Metall- oder Lebensmittelbetriebe üben mit ihren Lehrlingen Prozentrechnung, Gewichte und Längen. Dabei sind das alles Grundlagen, die eigentlich in der Schule gelegt werden sollten.
Das Absenken der Standards beschränkt sich jedoch nicht auf Mathematik. In vielen Schulen werden Rechtschreib- und Grammatikfehler nur noch eingeschränkt bewertet, um Kinder nicht zu „demotivieren“. Die Folge ist, dass Schulabgänger Schwierigkeiten haben, einfache Berichte oder E-Mails fehlerfrei zu verfassen. Auch hier springen Betriebe mit Schreibtrainings ein.
Die Botschaft der Politik ist also: Wir senken lieber die Messlatte, als Kindern zu helfen, darüberzuspringen. Und bürden Betrieben noch mehr auf, um mit den unliebsamen Folgen klarzukommen.