Shell: Das Motto lautet ab sofort wieder – „Drill, Baby, drill“

Jetzt ist es offiziell: Die Zeiten der grünen Wende sind vorbei. Zumindest in der Ölindustrie. Was vor drei Jahren noch als großer Sieg der Klimaaktivisten gefeiert wurde, hat ein Zivilgericht im niederländischen Den Haag am Dienstag wieder aufgehoben.
Der Öl- und Gaskonzern Shell muss seinen CO2-Ausstoß nicht um 45 Prozent senken. Weder den seiner Kunden, noch den eigenen. Mit dem überraschenden Urteil wird nun offiziell bestätigt, was viele befürchtet haben.
Steigende Kosten, Stellenabbau und sinkende Wachstumsraten haben die öffentliche Debatte bestimmt, der Kampf gegen den Klimawandel gerät dabei immer mehr ins Hintertreffen. Sehr zur Freude von Big Oil. Die großen Öl- und Gaskonzerne dieser Welt verbuchen Milliardengewinne, während Klimawissenschaftler das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung ausrufen.
Nach dem Ende der Coronapandemie sind die Ölpreise so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Shell, BP, Exxon Mobil und Co. nutzen die Gunst der Stunde und fördern so viel Erdöl wie möglich. Unter dem neuen US-Präsidenten Donald Trump dürfte sich die Freude der Förderer noch weiter steigern. Schließlich hat der Republikaner schon angekündigt, zahlreiche fossile Projekte zu genehmigen.
Inklusive solcher, die noch vor vier Jahren ein absolutes Tabu waren. Dazu gehören auch Vorhaben in Naturschutzgebieten. Der erneute Austritt aus dem Pariser Klimavertrag ist da fast noch konsequent.
Auch in anderen Teilen der Welt freut man sich, dass die Klimadebatte gerade von der Wirtschaftskrise übertrumpft wird. Der Chef des weltweit mächtigsten Ölkonzerns Saudi Aramco machte das ziemlich deutlich, als er vor der versammelten Finanzelite der westlichen Welt vor Kurzem noch einmal klarstellte, dass man jedes Molekül unter der Erde zu Geld machen werde. Frei nach dem Motto: „Drill, Baby, drill.“
Das hehre Ziel der Klimaneutralität
Die Klimabewegung hatte ihren Moment – dann kam Corona, dann der Ukrainekrieg und dann die Inflation. Die Welt hatte auf einmal andere Probleme. Katastrophen wie die Flut im Ahrtal, Dürren in Namibia oder Überschwemmungen in Spanien haben die Klimadebatte zwar immer wieder in den Fokus gerückt. Gebracht hat das wenig. Was bleibt, ist das hehre Ziel der Klimaneutralität. Ob 2030, 2045 oder 2050 spielt dabei immer weniger eine Rolle.
Unternehmen und Staaten verschieben den Zeitpunkt, bringen CO2-Speicherung ins Gespräch, um weiter Öl zu fördern und Gas zu verbrennen, oder setzen auf Energieformen, die vielleicht niemals kommen. Stichwort Fusionsenergie.
Wer glaubt, dass die Stimmung jederzeit wieder umschlagen kann, der möge daran erinnert werden, dass Deutschlands nächster Bundeskanzler höchstwahrscheinlich Friedrich Merz heißen wird. Ein Mann, der Windräder für eine Übergangstechnologie, Elektroautos für eine Nische und Fusionsenergie für die Rettung hält.
Gut, dass wir schon in diesem Jahr über das 1,5-Grad-Ziel hinaus sind. Sonst hätte man sich fälschlicherweise noch der Hoffnung hingeben können, dass die Menschheit rechtzeitig zur Einsicht kommt. Wahrlich kein guter Start für die Klimakonferenz COP29 in Baku.
