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Morning BriefingWarum eine verpatzte Kanzlerwahl noch lange keine Staatskrise ist

Christian Rickens 07.05.2025 - 06:18 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Wahlkrimi im Bundestag: Patzer, aber keine Staatskrise

07.05.2025
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Liebe Leserinnen und Leser,

Friedrich Merz ist erst im zweiten Wahlgang zum Bundeskanzler gewählt worden – und das öffentliche Echo klingt nach Staatskrise:

  • „Der Gau an Tag eins“ („Frankfurter Allgemeine Zeitung“)
  • „Krachender Fehlstart“ („Der Tagesspiegel“)
  • „Das Ergebnis stürzt das Land erneut in politisches Chaos.“ (CNN)
  • „Friedrich Merz – ein schwer beschädigter Bundeskanzler“ (der Unternehmer Harald Christ in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt)

Bitte erlauben Sie mir, dass ich hier eine Mindermeinung vertrete: In einem Jahr wird sich außer „Wikipedia“ kaum noch jemand daran erinnern, dass Merz erst im zweiten Wahlgang zum Kanzler gewählt wurde. Bis dahin wird sich diese Bundesregierung entweder bei der Lösung von Deutschlands Problemen bewährt haben. Oder nicht – und dann haben wir ein viel größeres Problem.

Kanzler Friedrich Merz: Applaus nach der Wahl im zweiten Durchgang. Foto: REUTERS

Anders hätte es ausgesehen, wäre Merz auch im zweiten Wahlgang durchgefallen. Im darauffolgenden dritten Wahlgang hätte die einfache Mehrheit gereicht, die Merz sicher bekommen hätte. Aber dann wäre er wirklich ein schwacher Kanzler gewesen, den die AfD jeden Tag mit dem Argument vor sich hätte hertreiben können, dass er noch nicht einmal die Mehrzahl aller Abgeordneten hinter sich hat. Oder Merz hätte seine Kandidatur zurückgezogen – und das hätte sich dann wirklich nach Staatskrise angefühlt.

So aber hat Friedrich Merz lediglich bestätigt bekommen, was er hoffentlich schon wusste: Er ist kein Kanzler der Herzen – und er regiert mit einer ziemlich knappen Mehrheit. „Es ist ein ehrlicher Tag gewesen“, sagte Merz in der ARD. So kann man es auch ausdrücken.

Rund um den gestrigen Abstimmungskrimi (so viel Dramatisierung muss dann doch erlaubt sein) finden Sie beim Handelsblatt folgendes Informationsangebot:

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: Scharfe Kritik am Coronafonds. Foto: AFP

EU-Corona-Fonds: Vernichtende Bilanz

Weit stärker als die holprige Kanzlerwahl gefährdet folgende Meldung mein Vertrauen in die demokratischen Institutionen. Kurz vor dem Auslaufen des 723 Milliarden Euro schweren Corona-Wiederaufbaufonds der EU fällt der Europäische Rechnungshof ein vernichtendes Urteil über das Programm: Die EU-Kommission überweise Gelder aus dem Fonds, ohne ihre sachgemäße Verwendung sicherzustellen. Laut der leitenden Rechnungsprüferin Ivana Maletic gibt es keine Informationen zu den tatsächlichen Kosten der damit finanzierten Projekte. Eine Kosten-Nutzen-Analyse sei auf Basis der von der Kommission vorgelegten Daten unmöglich. Hinzu komme, dass die Auszahlungsbedingungen nicht klar definiert seien und bereits ausgezahlte Mittel selbst bei Regelverstößen meist nicht zurückgefordert werden könnten, sagte Maletic.

Die EU hatte den Corona-Wiederaufbaufonds 2020 beschlossen und dafür erstmals gemeinsame EU-Schulden aufgenommen. Von den 723 Milliarden Euro wurden 650 Milliarden von den Mitgliedstaaten beantragt, der Rest ist verfallen.

Warum mich das so zornig macht? Weil es 2020 nicht an Warnungen kluger Menschen fehlte, dass der Corona-Fonds zur Misswirtschaft geradezu einlade. Erhört wurden sie in Brüssel offenbar nicht.

Die Kommission hält den Aufbaufonds für einen großen Erfolg und verteidigte ihn am Dienstag gegen die Kritik des Rechnungshofs. Der zuständige EU-Kommissionsvize Raffaele Fitto sagte, der Fonds sei ein „machtvolles Instrument“, welches das Wachstum in Europa ankurbele und zur Umsetzung wichtiger Reformen für die Wettbewerbsfähigkeit beigetragen habe.

Laut Zeugen waren am Mittwoch (Ortszeit) mehrere laute Explosionen im pakistanischen Kaschmir in der Nähe der Berge um die Stadt Muzaffarabad zu hören. Foto: REUTERS

Eskalation zwischen Indien und Pakistan

Der Konflikt zwischen den beiden benachbarten Atommächten Indien und Pakistan spitzt sich zu. Indien teilte am Dienstagabend mit, man habe „terroristische Infrastruktur“ an neun Orten angegriffen. Zuvor waren laute Explosionen an mehreren Orten in Pakistan und im pakistanischen Teil der umkämpften Region Kaschmir zu hören gewesen. Pakistan erklärte umgehend, es werde auf die Angriffe reagieren.

Gestern starben zudem sieben pakistanische Soldaten, als ihr Fahrzeug von einem Sprengsatz getroffen wurde. Pakistan sprach unmittelbar von einem Anschlag durch den Nachbarn. Indien äußerte sich zunächst nicht. Ministerpräsident Narendra Modi bekräftigte aber, kein Wasser mehr nach Pakistan durchzuleiten.

Hintergrund: Kurz nach einem  Anschlag im indischen Teil Kaschmirs mit 26 Toten hatte Indien einen Pakt zur Wasseraufteilung des Flusses Indus ausgesetzt, durch den 80 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe Pakistans mit Wasser versorgt werden. Indien beschuldigt Pakistan seit langem, islamistische Extremisten zu unterstützen.

Rolf Buch: Der Vonovia-Chef führte den Konzern in den Dax. Foto: REUTERS

Vonovia: Chefwechsel beim Immobilienkonzern

Überraschender Führungswechsel beim Dax-Konzern Vonovia: Der Vorstandschef von Deutschlands größtem Immobilienunternehmen, Rolf Buch, geht nach mehr als zwölf Jahren an der Spitze. Ende des Jahres soll der gerade 60 Jahre alt gewordene Buch die Leitung an den ehemaligen SAP-Finanzchef Luka Mucic übergeben, wie das Unternehmen am Dienstagabend mitteilte. Auslöser für den überraschenden Wechsel seien mehrere Gründe gewesen, sagte Buch dem Handelsblatt. Unter anderem sei Vonovia erfolgreich durch die Immobilienkrise gekommen, und es wäre nicht gut,

mitten in der bevorstehenden langen Aufschwungphase den Chef zu wechseln

Nanu, will da etwa jemand die großen Fußstapfen für seinen Nachfolger noch ein wenig größer machen?

Die Sixtinische Kapelle wird für das Konklave vorbereitet. Foto: Uncredited/Vatican Media/AP/dpa

Papst-Wahl beginnt

Nur zwei Wahlgänge würden hier als glatter Durchmarsch gelten: Im Vatikan beginnt heute die Wahl des neuen Papstes. Zweieinhalb Wochen nach dem Tod von Papst Franziskus kommen dazu 133 Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle zusammen. Der erste Wahlgang findet am Nachmittag statt. Aber: Für die Wahl zum Papst reicht die Kanzlermehrheit nicht, der 267. Pontifex der katholischen Kirche braucht zwei Drittel der Stimmen.

Ich wünsche Ihnen einen mehrheitsfähigen Mittwoch.

Herzliche Grüße,

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Ihr

Christian Rickens

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