Morning Briefing: Tschüss Freihandel, hallo Protektionismus – EU plant neue Zölle
Das bessere Apple? Xiaomi drängt ins E-Auto-Geschäft
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
das „Projekt Titan“ gehört zu den großen Mythen der Wirtschaftsgeschichte. Fast ein Jahrzehnt lang bastelte Apple unter diesem Projektnamen an einem eigenen Elektroauto – bis der Plan im vergangenen Jahr beerdigt wurde.
Nach allem, was wir wissen, ist das Apple Car vor allem an der perfektionistischen Kultur des Konzerns gescheitert: So sollte das Auto vom Marktstart an vollautonom fahren können – was Apple trotz des enormen Entwicklungsaufwands (laut Bloomberg rund zehn Milliarden Dollar) nicht gelang. Ob das Auto mit etwas mehr Kompromissbereitschaft ein Erfolg geworden wäre, werden wir nie erfahren.
Klar ist jedoch, welchen alternativen Weg Apple genommen hat: Das Unternehmen entwickelt sich immer mehr zu einer hochprofitablen One-Product-Company. Fast alles dreht sich um das iPhone und das digitale Ökosystem drumherum.
Für Lei Jun, den Gründer des chinesischen Tech-Konzerns Xiaomi, war Apple immer das große Vorbild. Viele der Produkte aus seinem Haus haben eine auffällige Ähnlichkeit mit den Designs aus Kalifornien. Und selbst seine Keynotes beschließt Lei Jun gerne mit dem legendären Satz von Apple-Gründer Steve Jobs:
Xiaomi hat gewagt, wovor Apple zurückschreckte: den Schritt vom Smartphone- zum E-Autobauer. 2027 sollen die Xiaomi-Fahrzeuge auch in Deutschland auf den Markt kommen, ein Entwicklungszentrum in München bereitet den Markteintritt vor. Und so wie sich Xiaomi bei seiner bisherigen Designsprache in Cupertino bediente, kommen die Anleihen beim ersten E-Auto des Konzerns aus Zuffenhausen: Der SU7 ähnelt auffällig dem Porsche Taycan.
Dem Erfolg tut das zumindest im chinesischen Markt keinen Abbruch, wie unsere Absatz-Grafik zeigt. Bevor sich Autofreunde beim Blick darauf wundern: BMW bietet in China tatsächlich eine Elektroversion des 3ers zum Kampfpreis an.
In einer Koproduktion zwischen Auto- und Tech- und China-Team erzählt unser Freitagstitel die bislang wenig bekannte Xiaomi-Story. Ob dieser Konzern wirklich das bessere Apple ist, da bleiben bei mir am Ende einige Zweifel. Aber die mutigere Version von Apple ist Xiaomi auf jeden Fall.
EU will China-Importe bremsen
Tschüss Freihandel, hallo Protektionismus: In den kommenden Wochen will die EU-Kommission weitreichende Schutzzölle von über 25 bis 50 Prozent gegen chinesischen Stahl und daraus hergestellte Produkte verhängen. Das erfuhr das Handelsblatt von hochrangigen Brüsseler Beamten.
Gleichzeitig plant die EU, die Vergabe von öffentlichen Aufträgen an „Buy European“-Regeln zu koppeln: U-Bahnen, Züge und Trassen sollen künftig mit grünem Stahl aus Europa gebaut werden. Großunternehmen und Autovermietungen sollen mit Quoten dazu gebracht werden, bevorzugt europäische Elektroautos für ihre Fuhrparks zu kaufen.
„Europa hat keine andere Wahl, als ein neues Gleichgewicht zu finden“, sagte Industriekommissar Stéphane Séjourné dem Handelsblatt. Dafür brauche es „weniger Handelsschranken im Inneren, mit einem Binnenmarkt, der wirklich funktioniert“, aber eben auch:
Hintergrund: Unter Donald Trump haben die USA ihren Markt für viele chinesische Güter fast vollständig abgeriegelt, Elektroautos etwa, aber auch Stahl und Aluminium. Als Reaktion drängt China mit seinen Waren verstärkt auf den EU-Binnenmarkt.
Kurswechsel von Merz bei russischen Guthaben
In einem Gastbeitrag in der „Financial Times“ fordert Friedrich Merz (CDU) die EU-Mitgliedstaaten dazu auf, das eingefrorene Vermögen der russischen Zentralbank zur Finanzierung der Ukraine zu nutzen. Der Bundeskanzler bricht dadurch mit der bisherigen Position der Bundesregierung. Merz schreibt:
Mehr als 190 Milliarden Euro russischer Staatsreserven liegen beim belgischen Zentralverwahrer Euroclear. Der Kanzler fordert in seinem Beitrag, dass eine Lösung gefunden werden soll, bei der die Eigentumsrechte nicht verletzt werden. Er schlägt etwa einen zinsfreien Kredit an die Ukraine in Höhe von 140 Milliarden Euro vor. Das Kapital müsse erst dann zurückgezahlt werden, wenn Russland die Ukraine für die im Krieg verursachten Schäden entschädigt habe. Bis dahin würden die Vermögenswerte eingefroren bleiben.
Die USA fordern seit Langem, das russische Vermögen zu beschlagnahmen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und mehrere osteuropäische Regierungschefs haben sich ebenfalls dafür ausgesprochen. Andere Regierungen, angeführt von Belgien und Deutschland, hatten dies jedoch stets ausgeschlossen.
Sie warnen vor einem Vertrauensverlust in den europäischen Finanzplatz. Demnach könnten andere Staaten und Anleger ihr Vermögen aus der EU abziehen. Zudem bestehen rechtliche Bedenken. Schon jetzt laufen mehrere Klagen gegen Euroclear vor russischen Gerichten.
Neue Verfassungsrichter gewählt
Erleichterung bei der Regierungskoalition: Der Bundestag hat im zweiten Anlauf zwei neue Richterinnen und einen Richter für das Bundesverfassungsgericht gewählt. Die von der SPD nominierten Kandidatinnen Sigrid Emmenegger und Ann-Katrin Kaufhold sowie der Unions-Kandidat Günter Spinner erhielten in geheimer Wahl jeweils die notwendige Zweidrittelmehrheit.
Im ersten Versuch war die Wahl im Juli geplatzt, weil in der Union der Widerstand gegen die SPD-Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf so groß geworden war, dass Fraktionschef Jens Spahn (CDU) die Wahl kurzfristig absetzen ließ. Die Potsdamer Staatsrechtlerin verzichtete wenig später auf ihre Kandidatur. An ihrer Stelle wurde nun Emmenegger gewählt.
Lebenserwartung im Grenzbereich
Deutsche in den westlichen Grenzregionen der Bundesrepublik haben im Durchschnitt eine kürzere Lebenserwartung als Menschen im angrenzenden Gebiet im Nachbarland. Das geht aus einer aktuellen Studie mit Beteiligung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden hervor.
So haben etwa Männer, die nahe der Schweizer Grenze auf deutscher Seite leben, im Schnitt eine um 2,2 Jahre geringere Lebenserwartung als Schweizer im Grenzgebiet. An der Grenze zu den Niederlanden und Dänemark verzeichnen Männer auf deutscher Seite durchschnittlich eine um 1,8 Jahre niedrigere Lebenserwartung. Bei den Frauen treten ähnliche Unterschiede auf, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt. In allen untersuchten Fällen weisen die Regionen beidseits der Grenze laut BiB eine ähnliche sozioökonomische Struktur auf.
Beim männlichen Geschlecht führe ich die Unterschiede primär auf berufliche Überlastung zurück. Schließlich muss der deutsche Mann nicht nur in seinem angestammten Beruf funktionieren, sondern zusätzlich auch als Fußball-Bundestrainer und Bahnchef. In letzter Zeit sind oftmals weitere 24/7-Herausforderungen als Migrations- und Militärexperte hinzugekommen. Irgendwann macht der Körper das nicht mehr mit.
Ich wünsche Ihnen einen Wochenausklang, an dem Sie loslassen können.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens