Kommentar: In Südamerika droht sich der Populismus zu verfestigen – das ist auch ein großes Risiko für Europa
Präsident Boric muss die konservativen wie linken Gegner der neuen Verfassung an einen Tisch bringen.
Foto: APIn Chile ist gerade in einer Volksabstimmung der neue Verfassungsentwurf gescheitert. Die Mehrheit der Chilenen fordert einen Sozialstaat nach europäischem Vorbild – die Wirtschaft fürchtet vor allem staatliche Eingriffe.
Nun muss Präsident Gabriel Boric die konservativen wie linken Gegner der neuen Verfassung an einen Tisch bringen. Nur dann hat das Andenland eine Chance, den in Lateinamerika beispiellosen Wirtschaftsboom seit drei Dekaden fortzusetzen.
In Brasilien sind im Oktober Präsidentschaftswahlen. Die Alternativen sind alles andere als vielversprechend. Gelingt dem Rechtspopulisten Jair Bolsonaro die Wiederwahl, wird er die Aushöhlung der Demokratie fortsetzen, womöglich verstärken. Bolsonaro drohte vorsichtshalber schon einmal damit, die Wahl annullieren zu lassen.
Sein Vorbild: der ehemalige US-Präsident Donald Trump. In den Umfragen führt der linke Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Er saß wegen Korruption im Gefängnis. Das Urteil wurde im Nachhinein aus formalen Gründen für ungültig erklärt. Die nächste Regierung muss das Vertrauen der Wirtschaft in der mit Abstand wichtigsten Volkswirtschaft des Kontinents wiederherstellen. Die Chancen stehen alles andere als gut.
Entscheidend für Europa
Und schließlich ist da Kolumbien, wo kürzlich mit Gustavo Petro erstmals ein linker Präsident angetreten ist. Er muss das gespaltene und unter Gewaltexzessen leidende Land befrieden. Gelingt ihm das, könnte Kolumbien endlich sein großes wirtschaftliches Potenzial ausspielen.
In diesen drei Staaten leben 284 Millionen Menschen – rund zwei Drittel der Südamerikaner. Dort entscheidet sich, ob Südamerika endgültig den Weg des autokratischen Populismus einschlägt oder ob es in der Lage ist, die demokratischen Strukturen zu stärken.
Das ist vor allem auch für Europa entscheidend. Einerseits braucht die EU dringender denn je Rohstoffe und Energie aus Südamerika – von Lithium bis hin zu grünem Wasserstoff. Mit dem Ausfall der Ukraine als Agrarlieferant wird uns bewusst, wie wichtig eine stabile Lebensmittelversorgung aus der Landwirtschaft ist. Auch das kann Südamerika bieten.
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Immer noch gilt, was die wenigsten glauben: Die Region ist weiterhin der Kontinent außerhalb Westeuropas und Nordamerikas mit der höchsten Demokratiedichte weltweit. Etwa 80 Prozent der 664 Millionen Menschen in Lateinamerika leben in Demokratien. Staaten wie Uruguay, Costa Rica und Chile rangieren im Demokratie-Index von Economist Intelligence deutlich vor den USA, Italien oder Belgien.
Dass das so bleibt, liegt im tiefsten geoökonomischen und geopolitischen Interesse Europas. Das Konzept „Wandel durch Handel“ mag in Russland und China gescheitert sein, in Südamerika bestehen noch Chancen.