Morning Briefing: Ausverkauf: Die globalen Risiken des Anleihemarktes
Ausverkauf: Die globalen Risiken des Anleihenmarktes
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
Finanzexperten aus aller Welt werfen derzeit bange Blicke auf den Anleihemarkt, der sich in lange nicht gesehenen Gefilden bewegt. US-Bonds, die in politisch unsicheren Zeiten eigentlich beliebt sind, befinden sich im Ausverkauf. Gestern stieg die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe nach Daten des Finanzdienstes Bloomberg erstmals seit 2007 über die Marke von fünf Prozent. Die Logik lautet: Mit der Nachfrage fallen die Kurse, womit die Rendite der Anleihen steigt. Ein Indikator dafür, wie risikoreich die Bonds eingestuft werden.
Als wichtigste Gründe für die Entwicklung sehen Volkswirte die hohen Leitzinsen in den USA und das wachsende Misstrauen der Investoren gegenüber der ausufernden Staatsverschuldung. Die Sorge vor globalen Auswirkungen ist groß. Jim Reid, Marktstratege bei der Deutschen Bank, warnt vor einer wachsenden „Unfallgefahr“ im Weltfinanzsystem.
Denn höhere Anleiherenditen bedeuten höhere Finanzierungskosten für die gesamte Wirtschaft. Das betrifft Staatsschulden genauso wie Firmenkredite, Hypothekenzinsen oder Parameter für Unternehmensübernahmen.
Erste konkrete Auswirkungen der besorgniserregenden Entwicklung sind hierzulande schon spürbar. Immobilienkäufer müssen sich wegen der Lage an den Anleihemärkten auf noch höhere Finanzierungskosten einstellen. Denn die steigenden Renditen für US-Staatsanleihen treiben auch die Renditen der Bundesanleihen in die Höhe. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren kommen sie der Marke von drei Prozent nahe.
Die Lage auf dem Immobilienmarkt ist dramatisch.
Foto: Photothek/Getty ImagesDas Problem für Häuslebauer: Die Bundesanleihen sind auch für die Höhe der Bauzinsen maßgeblich. Der derzeit erneute Zinsanstieg könnte dafür sorgen, dass es für Immobilienkäufer noch schwieriger wird, einen Erwerb mit einem Kredit zu finanzieren. Vincenzo Giuliano, Mitglied des Vorstands der Kreissparkasse Waiblingen, berichtete auf der Handelsblatt-Tagung Baufinanzierung, dass es nur für die wenigsten auf Anhieb mit der Baufinanzierung klappen würde.
Wenn die Bäume langsam ihre Blätter verlieren, die Nächte länger und die Tage kälter werden, dann beginnt für Unternehmen und Anleger eine spannende Zeit: die Berichtssaison zum dritten Quartal. Angesichts der aktuellen geopolitischen Krisen und der schwächeren Konjunktur stellt sich die Frage, ob sich die 40 größten börsennotierten Unternehmen dem Negativtrend entziehen können. Viele Anleger scheinen große Zweifel zu hegen.
Wer, wie mein Kollege Ulf Sommer, die Bilanzen der Unternehmen geschickt zu lesen weiß, kann daraus Rückschlüsse auf Gewinnperspektiven und Kurspotenzial ziehen. Der Aktienkurs von Europas größtem Logistiker, Deutsche Post (DHL), dient als Seismograf für die Weltkonjunktur. Werden mehr Waren zwischen den Ländern transportiert, deutet dies auf eine prosperierende Konjunktur hin. Sinken die Frachtraten, signalisiert dies eine schwächere Weltwirtschaft.
„Wir haben sowohl bei Luft- als auch Seefracht gesehen, dass sich die chinesische Wirtschaft weniger dynamisch entwickelt hat, als wir uns das alle erhofft haben“, dämpfte DHL-Finanzchefin Melanie Kreis bei der Präsentation der Halbjahreszahlen die Erwartungen. Trotzdem hatte das Unternehmen seine Jahresprognose nach dem ersten Halbjahr leicht angehoben. Ein vorsichtig optimistisches Signal also für die Weltkonjunktur. Am 8. November veröffentlicht DHL seine Zahlen.
Welche weiteren Seismografen sich in den Bilanzen der Dax-Konzerne verstecken und wieso Währungseffekte momentan eine große Rolle spielen, lesen Sie in unserer großen Analyse.
In Ankara wurde gestern eine Blockade gelöst, die über die letzten eineinhalb Jahre für Aufsehen und geopolitische Verstimmungen gesorgt hatte. Der Widerstand des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gegen einen Nato-Beitritt Schwedens scheint ausgeräumt. Erdogan unterzeichnete die Zustimmung der Türkei und leitete sie an das türkische Parlament weiter, das den Antrag ebenfalls annehmen muss. Dies gilt als sehr wahrscheinlich.
Erdogan hatte den Beitritt blockiert und ein schärferes Vorgehen Schwedens gegen kurdische Aktivisten gefordert. Schweden hatte daraufhin seine Anti-Terrorgesetze verschärft. Nun steht dem Beitritt der Skandinavier nur noch der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban im Weg. Der traf sich zuletzt allerdings ausgerechnet mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Während es sich Erdogan mit den westlichen Partnern nicht verscherzen will, geht Orban momentan voll auf Konfrontationskurs.
Die Reisediplomatie im Nahen Osten geht heute weiter. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron reist nach Israel, mit dem Ziel, konkrete Vereinbarungen in humanitären Fragen zu erreichen. Ob dieses ambitionierte Vorhaben Erfolg haben wird, ist allerdings fraglich. Frankreichs Einfluss in der Region gilt als begrenzt.
In Frankreich waren viele Demonstrationen verboten worden.
Foto: IMAGO/ABACAPRESSDer französische Präsident steht vor der schwierigen Aufgabe, nicht nur im Kriegsgebiet selbst, sondern auch in seinem Heimatland zwischen den Fronten zu vermitteln. Denn Frankreich beherbergt nicht nur die größte jüdische Gemeinde Europas, sondern auch viele muslimische Menschen mit Wurzeln im Nahen Osten. „Wir sind alles Französinnen und Franzosen. Wir dürfen diesen Konflikt nicht importieren“, mahnte der Präsident am vergangenen Donnerstag. Eine Entspannung der Lage im Nahen Osten käme Macron also auch innenpolitisch sehr gelegen.
Zum Abschluss noch ein Blick nach Schottland, wo die ehemalige Regierungschefin Nicola Sturgeon vorlebt, welche Ziele sich im Ruhestand noch verwirklichen lassen. Nachdem sie in diesem Jahr überraschend von ihrem Amt zurückgetreten war, gab die 53-Jährige jetzt bei Instagram bekannt, sie habe ihre Führerscheinprüfung erfolgreich bestanden. Das beweise, dass es „nie zu spät ist, etwas Neues zu probieren“, schrieb sie.
Zuletzt hatte Sturgeon für Aufmerksamkeit gesorgt, weil sie bei Ermittlungen zu möglichen Finanztricks ihrer Partei als Verdächtige zwischenzeitlich festgenommen worden war. In Zukunft muss ihr das nicht mehr passieren: Schließlich könnte sie jetzt ein eigenes Fluchtauto fahren. Auf einer Insel wie Großbritannien käme sie damit allerdings nicht besonders weit.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag ohne Sackgassen.
Herzliche Grüße
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt
PS: Sahra Wagenknecht verlässt mit weiteren Mitgliedern die Linke und bereitet die Neugründung einer Partei für Anfang 2024 vor. Ziel sei es, die politische Lücke zwischen der Ampel und AfD zu schließen, so Wagenknecht in einer Pressekonferenz am Montag. Uns interessiert: Was halten Sie von dem Schritt? Welche Bedeutung hätte die Neugründung für die deutsche Politik? Und welche Erfolgsaussichten hätte diese neue Partei? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an forum@handelsblatt.com. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.