Morning Briefing: Der Schlüssel zu Schwedens Nato-Beitritt liegt in Washington

Diplomatie: Schlüssel zu Schwedens Nato-Beitritt liegt in Washington
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,
Russland und die Ukraine werfen sich gegenseitig vor, unmittelbar bevorstehende Angriffe auf das besetzte Kernkraftwerk Saporischschja zu planen. Russische Medien zitierten gestern einen Berater des Atombetreibers Rosenergoatom: „Im Schutz der Dunkelheit wird das ukrainische Militär in der Nacht zum 5. Juli versuchen, das Kraftwerk Saporischschja mit Langstrecken-Präzisionsgeräten und Kamikaze-Drohnen anzugreifen.“
Was dann Stand heute Morgen eigentlich schon hätte geschehen sein müssen. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski wiederum blieb am Dienstagabend in seiner täglichen Videoansprache etwas vager: „Wir haben jetzt von unserem Geheimdienst die Information, dass das russische Militär auf den Dächern mehrerer Reaktorblöcke des AKW Saporischschja Gegenstände platziert hat, die Sprengstoff ähneln.“
Dies diene möglicherweise dazu, einen Anschlag auf die Anlage zu simulieren, so der Staatschef.
Der schwedische Regierungschef Ulf Kristersson unternimmt heute einen letzten Versuch, Schwedens Nato-Beitritt vor dem Gipfeltreffen des Verteidigungsbündnisses kommende Woche doch noch auf den Weg zu bringen.
Kristersson reist zu einem Kurzbesuch nach Washington, um sich von US-Präsident Joe Biden Unterstützung für die Verhandlungen mit der Türkei zusichern zu lassen. Die Türkei möchte seit langem US-Kampfjets vom Typ F-16 kaufen. Bislang haben die USA einem solchen Geschäft aber nicht zugestimmt. Die schwedische Hoffnung: Sollte Washington der Türkei die Flugzeuge verkaufen, könnte es im Gegenzug seine Blockade des schwedischen Nato-Beitritts aufgeben.
Sag' mir, wer Deine Freunde sind, und ich sage Dir, wer Du bist: Dieser Satz gilt in der internationalen Politik nur sehr eingeschränkt. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger hat es für sein Land einst so auf den Punkt gebracht: „Amerika hat keine dauerhaften Freunde oder Feinde, nur Interessen.“
Ulf Kristersson: Der schwedische Regierungschef unternimmt vor dem Nato-Gipfel einen letzten Anlauf, um die Türkei umzustimmen.
Foto: IMAGO/Le PictoriumEntsprechend naiv erscheint es bisweilen, wie der Westen Indien automatisch zum Kreis seiner Freunde zählt – wer besonders klug erscheinen will, spricht an dieser Stelle gerne von „Wertegemeinschaft“. Nur weil Indien eine leidlich funktionierende Demokratie ist, teilt das Land noch lange nicht automatisch unsere Werte und erst recht nicht unsere Interessen.
Das zeigte sich gestern einmal mehr. Indiens Premierminister Narendra Modi versammelte die Mitglieder der zunehmend antiwestlich ausgerichteten Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) zum virtuellen Austausch. Modi hat in diesem Jahr den Vorsitz der Gruppe – und gab dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die Möglichkeit, sich bei seinen SCO-Amtskollegen zu bedanken, die angesichts des Aufstands der Wagner-Söldner „ihre Unterstützung für die russische Führung und deren Aktionen“ bekundet hätten.
Putins Äußerungen lauschte neben Modi ein erlesener Kreis internationaler Sympathieträger, darunter Chinas Präsident Xi Jinping, Irans Präsident Ebrahim Raisi und der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko.
Unser Südasien-Korrespondent Mathias Peer kommentiert das SCO-Treffen: „Die Regierung in Neu-Delhi beansprucht für sich, außenpolitisch ausschließlich den eigenen nationalen Interessen zu folgen. Das ist ihr gutes Recht. Doch die westlichen Regierungen, die Indien als „Wertepartner“ zelebrieren, sollten das nicht vergessen, wenn sie Regierungschef Narendra Modi mit Waffen und industriellem Know-how ausstatten.“
Im Vergleich zur gewaltigen öffentlichen Aufmerksamkeit, die das Wirken von Eigentümer Elon Musk bei Twitter genießt, handelt es sich bei dem sozialen Netzwerk um einen ökonomischen Zwerg. Gemessen an den monatlichen Nutzern rangiert es weltweit nur auf Rang 14, wie unsere Grafik zeigt.
Ab Donnerstag könnte es für Twitter noch enger werden. Dann bringt der Facebook-Konzern Meta den Konkurrenzdienst Threads auf den Markt. In den App-Stores wird Threads (zu Deutsch: Fäden) als „Instagrams textbasierte Konversations-App“ beschrieben. Das soziale Netzwerk Instagram, auf dem Nutzer vor allem Fotos und Videos teilen, gehört ebenfalls zu Meta.
Experten geben dem von Mark Zuckerberg geführten Konzern gute Chancen, sich mit Threads gegen Twitter durchzusetzen. Meta verfügt über hohe Barreserven, eine große Nutzergemeinde und gute Beziehungen zu Werbekunden. Zudem macht Twitter wenige Monate nach der Übernahme durch Elon Musk mit Massenentlassungen, Zugangsänderungen oder Leselimits turbulente Zeiten durch.
Die geplante Einführung von Threads könnte auch erklären, warum Musk jüngst Zuckerberg öffentlich zu einem Käfig-Zweikampf herausgefordert hat. Ob ernst gemeint oder nicht: Es bahnt sich zumindest geschäftlich ein Zweikampf der Silicon-Valley-Größen an.
Meine Erfahrung als Journalist: Wenn Politiker oder Topmanager (bei ihren weiblichen Pendants habe ich das in der Tat noch nicht erlebt) im Gespräch ankündigen, dass sie auf keinen Fall schlecht über ihre Vorgänger oder Nachfolger sprechen wollen, muss man sie nur ein klein bisschen weiterreden lassen… und sie werden genau das tun.
So auch im Fall des früheren Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann, der bei einer Veranstaltung am Montag erstmal klarstellte: „Wer mich kennt, weiß, ich habe nie über Vorgänger und nie über Nachfolger geredet. Dieser Trend, andere anzuschwärzen, um das eigene Grau etwas heller erscheinen zu lassen, das war nie mein Charakterzug.“
Um kurz darauf über den jetzigen Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing zu sagen: „Dafür möchte ich positiv vermerken, dass nach den katastrophalen Jahren von 2016 bis 2018 unter einem CEO, den ich jetzt nicht nennen möchte, Sewing das deutlich besser macht.“
In den laut Ackermann „katastrophalen Jahren 2016 bis 2018“ führte der Brite John Cryan die Bank. Er war der Erste, der die Fehler der Ära Ackermann offen ansprach. In dieser Zeit forderte die Deutsche Bank von den verantwortlichen Managern um Ackermann zudem einen Teil der Bonuszahlungen zurück.
Fazit: In jedem Fall kann Cryan froh sein, dass Ackermann nicht schlecht über seinen Vor-Vorgänger gesprochen hat – denn wie hätte sich das erst angehört.
Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem Sie im richtigen Moment zu schweigen wissen.
Herzliche Grüße
Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt