Morning Briefing: Ein µ Rezession – Die Debatte um die wirtschaftlichen Kennzahlen
Ein kleines bisschen Rezession: Deutschlands Wirtschaft schrumpft
Liebe Leserinnen und Leser,
nach Bekanntgabe der gestrigen Konjunkturdaten fragen sich Beobachter der deutschen Wirtschaft: Ist das noch Stagnation oder schon eine Mini-Rezession? In jedem Fall geben die Zahlen des Statistischen Bundesamtes wenig Anlass für Euphorie. Im zweiten Quartal ist die deutsche Wirtschaft im Vergleich zum Vorquartal um 0,1 Prozent geschrumpft. Mit dem dezenten Abwärtstrend marschiert Deutschland in eine andere Richtung als die meisten anderen Länder der Eurozone: Im Durchschnitt wuchs die Wirtschaft in der Eurozone im zweiten Quartal um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Deutschland zog den Schnitt mit seinem Minus sogar noch nach unten.
Ob die Konjunktur im Jahresverlauf noch die Umkehr schafft, scheint derzeit mehr als unklar. Klar hingegen ist schon jetzt, dass sich verschiedene politische und wirtschaftliche Akteure gegenseitig die Schuld für den Abwärtstrend zuschieben werden. Wenn Sie sich an diesen Schuldzuweisungen nicht beteiligen möchten oder sich zumindest vorher gut informieren wollen, empfehle ich Ihnen die Analyse meines Kollegen Julian Olk, der die wichtigsten Gründe für die Mini-Rezession für Sie aufgeschrieben hat.
Im Dunstkreis der gestern veröffentlichten ökonomischen Kennzahlen wird derzeit noch eine andere volkswirtschaftliche Debatte geführt: die Frage nach dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank. EZB-Chefin Christine Lagarde hat gerade erst klargestellt: Das Ziel von glatt zwei Prozent werde in der anstehenden Strategiediskussion „nicht zur Debatte“ stehen. Doch es gibt Ökonomen, die Lagardes Kurs kritisch sehen. Etwa der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard. Er hält im Handelsblatt-Interview ein Inflationsziel von drei Prozent für sinnvoll.
Sein Argument:
Das hätte laut Blanchard in der Vergangenheit den Vorteil haben können, die umfangreichen Anleihenkäufe der EZB zu vermeiden. Der Ökonom fürchtet, dass Handelskriege und Lieferunterbrechungen langfristig die Preise wieder in die Höhe treiben könnten.
Ich muss zugeben, dass die Analysen Blanchards volkswirtschaftlich auf allerhöchstem Niveau stattfinden und ich mich selbst schwer anstrengen muss, sie nachvollziehen zu können. Dabei dämmert mir, wieso mir sein Name so bekannt vorkommt. Auf meinem Schreibtisch steht noch aus meinem Studium das 912 Seiten dicke Buch „Makroökonomie“ von Blanchard und seinem Kollegen Gerhard Illing – die Bibel der Volkswirtschaftslehre. Ich merke, es wäre höchste Zeit, es mal wieder aufzuschlagen.
Es ist das Ziel einer jeden illiberalen Herrschaft, die Bevölkerung vom freien Zugang zu Informationen fernzuhalten. Je besser es den Herrschern gelingt, zu beschränken, was die Bevölkerung erfährt, desto besser kann sie auch ihr Denken, Handeln und Fühlen kontrollieren. Und größtmögliche Kontrolle ist das höchste Ziel einer jeden Autokratie.
In Russland versucht Präsident Wladimir Putin schon seit langem, das Informationsangebot der Bürgerinnen und Bürger größtmöglich einzuschränken. Bald könnte deshalb auch der Zugang zum Videoportal Youtube gesperrt werden, berichtet Russland-Korrespondentin Mareike Müller. Bisher hatte sich der Kreml nicht getraut, Youtube komplett zu sperren, sondern stattdessen die Geschwindigkeit gedrosselt, um das Medium unattraktiv zu machen. Mit mäßigem Erfolg: Youtube hat in Russland Schätzungen zufolge 90 Millionen Nutzer im Monat und liegt auf Platz zwei der beliebtesten sozialen Netzwerke.
Die russische Regierung möchte eine Alternative zur US-amerikanischen Videoplattform etablieren: das russische Youtube oder kurz „Rutube“. Die Plattform wird von Gazprom-Media betrieben, ist allerdings bisher noch lange nicht so relevant wie das amerikanische Original und wächst nur sehr langsam. Wichtig ist Rutube bisher vor allem für russische nationalistische Interpreten, die von Youtube gesperrt wurden.
Eine weitere Faustregel von Autokratien lautet: Je größer die Machtdemonstration des Regimes, desto angebrachter sind Zweifel an seiner tatsächlichen Legitimation. Das zeigt sich derzeit einmal mehr in Venezuela. Dort hat sich Nicolás Maduro nach den Präsidentschaftswahlen vom Sonntag per Staatsakt inthronisieren lassen. „Meine Wahl ist unumkehrbar“, sagte er vor Hunderten von Funktionären. Der international kaum anerkannte Präsident wollte wohl eilig Fakten schaffen. Denn in Venezuela protestiert die Bevölkerung gegen ihn und seine mutmaßliche Wahlfälschung.
Unabhängige Wahlbeobachter-Kommissionen wie Edison Research hatten durch Befragungen in den Wahllokalen und statistische Erhebungen ermittelt, dass der Oppositionskandidat Edmundo González am Sonntag mit rund zwei Dritteln der Stimmen gewählt wurde. Jetzt steigt der nationale und internationale Druck auf Maduro, seinen angeblichen Sieg zu belegen – oder Konsequenzen zu ziehen.
Stellen Sie sich vor, Sie besichtigen Ihre Traumimmobilie. Es gibt vielleicht an der ein oder anderen Stelle kleine Mängel oder Dinge, die Sie ändern wollen, aber im Großen und Ganzen sind Sie überzeugt und möchten das Haus gerne kaufen. Und dann sagt Ihnen der Verkäufer ab. Würden Sie sich nicht auch fragen, was schiefgelaufen ist? Hinterher ist man immer schlauer – aber dank meines Kollegen Markus Hinterberger können Sie sich jetzt vorher schon aufschlauen und erfahren, was bei der Besichtigung gar nicht gut ankommt.
Im Handelsblatt-Interview verrät Ihnen der Münchener Makler Thomas Aigner, welche Verhaltensweisen der Hausinteressenten bei Verkäufern nicht gerne gesehen sind. So viel sei an dieser Stelle schon verraten: Mäkeln und kritisieren kommt in den meisten Fällen nicht gut an. Doch Aigner verrät auch, dass sich mit viel Fingerspitzengefühl manchmal sogar noch was am Preis machen lässt.
Zum Abschluss noch ein letztes Mal zurück zum Gebaren von Diktatoren. Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko hat das Todesurteil per Genickschuss gegen einen 29-jährigen Deutschen aufgehoben. Er war wegen angeblichen Söldnertums und Terrorismus im Auftrag des ukrainischen Geheimdienstes SBU im Juni zum Tode verurteilt worden.
Spekuliert wird, ob der Deutsche zusammen mit dem in Russland inhaftierten US-Journalisten Evan Gershkovich im Austausch für den hierzulande inhaftierten sogenannten Tiergartenmörder freikommen könnte. Denn eine weitere Faustregel der Diktatur lautet: Autokraten treffen politische Entscheidungen nur sehr selten aus Mitgefühl und Nächstenliebe. Vermutlich steckt hinter der Begnadigung politisches Kalkül. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie sich freuen dürfen, nicht in einer Diktatur zu leben.
Es grüßt Sie herzlich Ihre
Teresa Stiens
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