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Morning Briefing Plus – Die WocheDer große Deal – Der Rückblick des Chefredakteurs

Der Taiwanesische Chiphersteller TSMC baut eine Fabrik in Dresden. Fünf Milliarden Euro werden von den Steuerzahlern beigesteuert – denen keine Geldgeschenke gemacht werden.Sebastian Matthes 12.08.2023 - 08:30 Uhr
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Foto: Handelsblatt

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Willkommen zurück zu unserem Blick auf die wichtigsten News der Woche. Seit Jahren wurde darüber diskutiert, Anfang 2023 wurde es konkreter, im Mai spitzten sich die Dinge zu – und am Montagmorgen hörte mein Kollege Julian Olk dann aus mehreren Quellen: Der Deal ist durch. Der Taiwanesische Chiphersteller TSMC baut eine gigantische Halbleiterfabrik in Dresden. Fünf Milliarden will das Unternehmen investieren. Fünf weitere Milliarden schießt die Bundesregierung hinzu. Olks Recherche ging um die Welt.  

Die Bundesregierung wollte den Deal übrigens so sehr, dass sie schon im Haushalt Milliarden versteckte, um handlungsfähig zu sein.

Der taiwanesische Konzern TSMC investiert Milliarden in Sachsen.

Foto: Reuters

Einerseits ist das eine unfassbare Summe für eine Fabrik, die nun aus Steuermilliarden bezuschusst wird, die wiederum Unternehmen und andere Steuerzahler aufbringen müssen, denen niemand Geldgeschenke macht. Ökonomisch gesehen wäre der stockenden deutschen Wirtschaft kurzfristig daher sicher mehr geholfen, wenn diese fünf Milliarden in Venture-Capital-Fonds geflossen wären, um junge Wachstumsfirmen zu finanzieren.  

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer sagte im Handelsblatt daher zu Recht: „Einfach nur Technologien von ausländischen Unternehmen einzukaufen, reicht nicht. Die Bundesregierung muss in den Standort selbst investieren.“

Es gibt aber auch eine andere Sichtweise. Die Milliardensubventionen sind eine Art Versicherung für die deutsche Wirtschaft, weil die Megafabrik in Dresden spezielle Halbleiter herstellen soll, ohne die die deutsche Autoindustrie stillstehen würde. Bislang kommen diese Chips vor allem aus Taiwan.  

Aus Sicht meines Kollegen Julian Olk hat die Investition auch eine spieltheoretische Dimension: Diese Internationalisierung von TSMC mache es für China kostspieliger, Taiwan anzugreifen, meint er. Weil Europa eigene Chips hat, würde es China weniger bringen, sie als Druckmittel einzusetzen. Zugriff auf Werke wie das in Dresden hätte Peking nämlich noch lange nicht. Denn das ist ein Joint Venture von TSMC, Infineon, Bosch und NXP.  

Wir sehen, in einer geoökonomisch so komplexen Welt gibt es keine ordnungspolitisch sauberen Lösungen mehr. 

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Die schlaffe deutsche Konjunktur zeigt sich nun auch in den Bilanzen: Die Nettogewinne der 40 Dax-Konzerne sind nach Berechnungen meines Kollegen Ulf Sommer in den ersten sechs Monaten dieses Jahres auf 56 Milliarden Euro gesunken – das sind 22 Prozent weniger im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Wo es noch einigermaßen läuft, wo überhaupt nicht und warum es dennoch Gründe für Optimismus gibt, lesen Sie in seiner Analyse.  

2. Es gibt sie aber trotz aller Konjunktursorgen: die Zukunftssignale. Bosch zum Beispiel arbeitet an der Einführung von „BoschGPT“, hört Handelsblatt-KI-Chefin Larissa Holzki. BoschGPT ist eine KI, die menschliche Sprache versteht und Bosch-Mitarbeitern helfen soll, mit IT-Systemen zu interagieren und Produktionsdaten abzufragen. Wo die Technik herkommt, und wie Bosch-Digitalchefin Tanja Rückert das Unternehmen zu einem Softwareunternehmen machen will, hören Sie in der aktuellen Folge meines Podcasts Handelsblatt Disrupt. Ihr Plan ist kühn: Bis Ende des Jahres soll jedes Bosch-Produkt mit KI entwickelt, produziert oder angereichert werden.

Die Managerin Tanja Rückert ist für das Investitionsbudget und dessen sinnvoller Verwendung verantwortlich.

Foto: Handelsblatt

3. Eine Recherche hat mich vergangene Woche besonders überrascht: Trotz verschärfter Regulierung gelingt es China weiterhin, an technologisches Know-how aus Deutschland zu kommen. Dazu nutzen die Chinesen einen besonderen Kniff: spezielle Lizenzmodelle. Meine Kollegin Dana Heide hat alle Details.

4. „Das ist der Beginn des Abenteuers“, schreibt unser Silicon-Valley-Korrespondent Stephan Scheuer im Einstieg eines bemerkenswerten Selbstversuchs. Er hat das autonome Taxi der Google-Tochter Waymo in San Francisco zwei Wochen lang getestet. Damit beschreibt er eine der verrücktesten Wetten der US-Tech-Szene. Und am Ende seines Textes lernen wir, dass diese Wette schneller aufzugehen scheint, als sich viele in Europa derzeit vorstellen können. 

5. Um ein ganz anderes Abenteuer geht es diese Woche in unserem Freitagstitel. Eine Reihe von Milliardären und Start-ups machen sich gerade daran, die Raumfahrt zu revolutionieren, mit teils waghalsigen Plänen. Sie entwickeln Weltraumreisen, neuartige Satellitennetze, Siedlungen auf dem Mars und Roboter, die schon bald Asteroidenbergbau betreiben sollen. Hier lesen Sie sieben Weltraumvisionen, die unsere Welt verändern könnten.

Während insbesondere zwischen den USA und China ein neuer Wettflug ins All entbrannt ist, fliegt Europa hinterher.

Foto: Handelsblatt

6. Für die einen ist es die Zukunft einer neuen Arbeitswelt, für die anderen der endgültige Untergang des Abendlandes: die Viertagewoche. Aber welche wirtschaftlichen Folgen hat so ein Modell tatsächlich? Das sagen Ökonomen.

7. Es waren klare Worte: „Die Preise in Deutschland haben zwar etwas nachgelassen, aber viele Immobilien sind immer noch überbewertet“, sagte Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch im Handelsblatt – diese Blase kann zu einem Risiko für die Banken werden. Interessant auch ihre Ideen für die Zukunft der EZB-Bankenaufsicht, über die sie im Interview spricht. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Buch eine von zwei Kandidatinnen für den prestigeträchtigen Chefposten der europäischen Aufsichtsbehörde ist.  

8. Wo die Immobilien teurer werden und wo günstiger, zeigt dieses umfangreiche Zahlenwerk des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Es ist insgesamt deprimierend. Nur eine Gebäudeklasse kann sich dem allgemeinen Abwärtstrend entziehen. Ahnen Sie es schon?  

9. Und dann möchte ich Ihnen noch das Interview mit dem US-Ökonom Edmund Phelps ans Herz legen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger kritisiert den „Inflation Reduction Act“ (IRA) von US-Präsident Joe Biden in scharfen Worten: „Bislang hat der IRA keine Früchte getragen, und ich bin auch nicht sicher, ob er das überhaupt irgendwann tun wird.“ In manchen Fällen drohe der IRA auch private Investitionen zu verdrängen. Das stehe in keinem Verhältnis zu den Staatsschulden, die dafür aufgenommen werden müssten. „Ich warne daher andere Länder davor, den IRA zu kopieren.“

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

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Herzlichst

Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt

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