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Morning Briefing PlusWem nützt dieser Shutdown?

Radikale Haushaltssperren sind ein übliches Instrument der parlamentarischen Opposition in den USA. Im aktuellen Fall könnte ausgerechnet Donald Trump davon profitieren.Martin Knobbe 04.10.2025 - 09:18 Uhr Artikel anhören
Martin Knobbe, stellvertretender Handelsblatt-Chefredakteur. Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zurück, zu unserem Blick auf die wichtigsten Ereignisse dieser Woche.

Das politische System der USA weist so manche Besonderheit auf, die Filibusterei zum Beispiel, also jene Taktik der parlamentarischen Minderheit, durch pausenloses Reden den politischen Prozess zu blockieren. Zuletzt hat sie Cory Booker praktiziert, der Senator der Demokraten, der am 31. März dieses Jahres ansetzte, um 25 Stunden und vier Minuten lang zu sprechen. Ich habe den Sinn dieser komödiantisch anmutenden Inszenierung nie verstanden.

Auch der Shutdown war ein mir fremdes Phänomen, als ich 2010 als deutscher Korrespondent in die USA kam. Er ist ein weiteres Machtinstrument der Opposition: Sie dreht der Regierung bei tiefen Meinungsverschiedenheiten schlicht den Geldhahn zu. Unter der Präsidentschaft von Barack Obama geschah das im Jahr 2013 für 17 Tage.

US-Kongress in Washington: Der „Shutdown“ in den USA hat begonnen. Foto: dpa

Ziel der Republikaner war damals, Obamas Gesundheitsreform zu stoppen. Das gelang ihnen zwar nicht, aber der finanzielle Schaden war immens: Fast 900.000 Bundesangestellte wurden in den Zwangsurlaub geschickt, der Produktivitätsverlust betrug rund zwei Milliarden US-Dollar. Die Stimmung im Land war meiner Erinnerung nach recht mies.

Ich habe auch den Sinn dieses Instruments nach fünf Jahren USA nicht begriffen. Außer Zeit und Geld zu verschwenden, hatte es keinen nachhaltigen Effekt, das politische System war danach nicht besser als zuvor.

Ich bin daher auch beim derzeitigen Shutdown skeptisch, ob sich die Hoffnung der Demokraten erfüllen wird, US-Präsident Donald Trump unter erheblichen Druck setzen und ihm womöglich größere Zugeständnisse abringen zu können.

Der demokratische Senator John Fetterman, ein Gegner der Haushaltssperre, sagte, der Shutdown gebe der Regierung nur noch mehr Möglichkeiten, die Verwaltung zu schrumpfen und ihren langfristigen Plan namens Presidential Transition Project („Project 2025“) weiter umzusetzen. Da es derzeit keine Anzeichen für eine Einigung gibt, könnte es wieder sehr teuer für die Amerikaner werden. Weil das aber nichts Neues ist, reagieren die Märkte recht gelassen. Bislang.

Was uns diese Woche noch beschäftigt hat:

1. Eine der zentralen Fragen unserer Zeit ist: Wie stark verändert Donald Trump die USA? Schafft er irreversibel die liberale Demokratie ab, verändert er damit die ganze Welt? Es gibt beruhigende Stimmen wie die von Fed-Präsidentin Beth Hammack, die im Handelsblatt sagte, die US-Notenbank bleibe unabhängig und datenorientiert, egal, wer gerade Präsident ist. Und was den weiteren Zinskurs angeht, vertritt sie eine gänzlich andere Meinung als Trump. Wir haben auch unsere US-Korrespondenten gefragt, wie sie den derzeitigen Umbruch in den USA erleben. Lesen Sie das spannende Kaleidoskop der Eindrücke hier.

2. Zuletzt waren es Drohnen über München und Kiel, die Behörden und Politiker in Unruhe versetzten. Sollten sensible Einrichtungen wie der Münchener Flughafen, eine Militärwerft im Norden oder der schleswig-holsteinische Landtag ausgespäht werden? Steckte Russland dahinter? Unbemannte Flugobjekte unbekannten Ursprungs bestimmten die Nachrichten der vergangenen Tage und offenbarten vor allem eins – die pure Ratlosigkeit, wie mit diesem Phänomen umzugehen ist. Bluff oder Ernst? Mit dieser Frage haben sich unsere Osteuropa-Korrespondentin Mareike Müller und Frank Specht, im Hauptstadtbüro unter anderem zuständig für die Verteidigungspolitik, ausführlich beschäftigt und viele Experten befragt. Ihren Bericht lesen Sie hier.

3. Der italienisch-schweizerische Politikwissenschaftler Giuliano da Empoli findet für die derzeitige Lage klare Worte: Schafft es Europa nicht, sich gegen die Aggressoren aus Moskau oder den USA zu wehren, dann werde es untergehen. „Europa droht ein Jahrhundert der Erniedrigung“, sagte da Empoli im Interview mit Dana Heide und Moritz Koch. Er bezog in den Kreis der Aggressoren auch die Bosse der großen Tech-Unternehmen in den USA mit ein. Sie seien inzwischen so mächtig geworden, „dass sie ganz offen über ihre Vorstellung von einer neuen Welt sprechen“. Europa müsse es schaffen, lautet da Empolis Appell, digitale Medien zu entwickeln, die kompatibel mit dem demokratischen System seien. Tatsächlich wird in Europa, so habe ich es in einem Editorial in dieser Woche beschrieben, viel zu wenig darüber geredet, welches Weltbild die künftigen Algorithmen und KI-Modelle unseren Kindern vermitteln – und wie wir darauf Einfluss nehmen können.

Autor da Empoli: „Europa droht ein Jahrhundert der Erniedrigung.“ Foto: IMAGO/ZUMA Wire

4. Bereits vergangene Woche hatten wir darüber berichtet, dass Lufthansa plant, Tausende Stellen in der Verwaltung zu streichen. Am Montag dann verkündete der Konzern offiziell, 4000 Stellen streichen zu wollen. Unserem Reporter Jens Koenen liegt nun eine interne Präsentation vor, die zeigt, wie viel Einsparungen sich die Führung um Lufthansa-CEO Carsten Spohr durch den Stellenabbau erhofft. Die genaue Summe, aber auch Antworten auf die Fragen, wie realistisch das Sparpotenzial ist und wo für die Airline gerade die größte Baustelle ist, finden Sie hier. Außerdem lesen Sie unter diesem Link ein Interview mit Lufthansa-Personalchef Michael Niggemann.

5. Das Rennen um die technologische Vorherrschaft, so heißt es, entscheidet sich zwischen den USA und China, zwischen Washington und Peking, zwischen San Francisco und Shenzhen. Doch in der Golfregion wächst, fast unbemerkt, eine neue Supermacht heran: Bereits heute fließt ein Drittel der weltweiten Tech-Investitionen nach Saudi-Arabien, in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Katar. Die Region präsentiert sich als „Rechenzentrum der Welt“ – mit billigem Strom, immensem Kapital und einer strategisch günstigen Lage zwischen drei Kontinenten. Nvidia, Microsoft und Oracle errichten hier gigantische Rechenzentren. Unsere Reporterinnen Luisa Bomke, Kathrin Witsch und Inga Rogg haben Studien ausgewertet, Experten befragt, die Orte des digitalen Wachstums besucht und die Zukunftspläne der Emirate recherchiert, die sich von einer Ölmacht zu einer globalen KI-Größe entwickeln wollen. Unser Freitagstitel: Geld und Energie im Überfluss – Entsteht hier die weltgrößte Tech-Macht?

Tech-Wette am Golf: Die Chancen stehen je nach Technologie in den drei Staaten höchst unterschiedlich. Foto: Foreal

6. Es gibt auch hierzulande gute Nachrichten, zum Beispiel diese: Deutschland wird zur führenden Raumfahrtnation in Europa, zumindest wenn alles so kommt wie angekündigt. Bis 2030 will die Bundesregierung insgesamt 35 Milliarden Euro in den Weltraum investieren. Für Michael Traut, den Chef des Weltraumkommandos der Bundeswehr, geht es um nichts weniger als den Aufbau einer „sich selbst erhaltenden Raumfahrtindustrie“. Lesen Sie das ganze Interview mit dem Offizier und die spannenden Details zur deutschen Raumfahrtvision hier.

7. Es kommt nicht oft vor, dass Elon Musk und Mark Zuckerberg auf ein deutsches KI-Unternehmen setzen, um ihre eigenen Produkte zu verbessern. Bei dem deutschen KI-Start-up Black Forest Labs ist genau das der Fall. Die Freiburger beanspruchen nach eigenen Angaben 86 Prozent des kommerziellen Marktes für KI-Bildgenerierung für sich. Wie meine Kollegen Larissa Holzki, Luisa Bomke und Felix Stippler am Dienstag erfuhren, will das Unternehmen nun frisches Kapital aufnehmen – bei einer angepeilten Bewertung von vier Milliarden Dollar. Alle Hintergründe dazu und welche neuen Produkte Black Forest Labs derzeit entwickelt, lesen Sie hier.

8. Auch das Finanz-Start-up N26 galt lange als Unternehmen, das deutsche Innovationskraft symbolisiert. Doch auf rasantes Wachstum folgte der harte Aufprall. N26 geriet immer wieder ins Visier der deutschen Finanzaufsicht Bafin. Investoren erhöhten den Druck auf die gleichermaßen schillernden und umstrittenen Gründer Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal. Unsere Bankenreporter Dennis Schwarz, Andreas Körner und Yasmin Osman haben die N26-Story noch einmal rekonstruiert, liefern Innenansichten eines erbitterten Machtkampfs – und exklusive Antworten auf die Frage, wie es für die Bank weitergeht.

Die Co-Gründer Valentin Stalf (l.), Maximilian Tayenthal wurden zeitweise wie Superstars gefeiert. Foto: Imago, Picture Alliance, N26 [M]

9. Den Namen Ferdinand Porsche kennt fast jeder – den Namen Adolf Rosenberger fast niemand. Dabei verdankt Ferdinand Porsche seinen Konzern auch der Arbeit von Rosenberger – und ließ ihn doch fallen. Sven Prange erzählt die Geschichte des jüdischen Rennfahrers und Porsche-Mitbegründers, der die funkelnde Marke und deren internationales Renommee erst möglich machte. Die Geschichte eines Mannes, der im Exil vergessen starb. Und dem heute – auch auf Bestreben des Unternehmens – sein angemessener Platz in der Geschichte zurückgegeben wird.

Ich wünsche Ihnen ein inspirierendes Wochenende!

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Und: Bleiben Sie zuversichtlich!

Herzlichst

Ihr Martin Knobbe

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