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Morning BriefingWas die Chipnachfrage über die Weltkonjunktur verrät

Christian Rickens 22.08.2023 - 06:00 Uhr
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Christian Rickens Foto: Handelsblatt
Morning Briefing vom 22.08.2023

Vorschau: Was die Chipnachfrage über die Weltkonjunktur verrät

22.08.2023
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Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser, 

Autos, Roboter, Waschmaschinen: Ohne Chips stünde die moderne Welt still. Die Nachfrage nach den elektronischen Bauteilen ist ein Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung rund um den Globus. Daher sollte es uns interessieren, wenn Clark Tseng vom Halbleiter-Branchenverband Semi warnt: „Die Nachfrage erholt sich langsamer als erwartet.“

Anfang des Jahres hatten die Chipkonzerne noch mit einem Aufschwung bei den Chips spätestens ab Sommer gerechnet. Doch danach sieht es erst einmal nicht aus. Die Auslastung der Chipfabriken wird laut Semi zunächst weiter sinken. Wegen der langen Bestellzeiten spiegeln sich in der aktuellen Auftragslage der Chiphersteller die Absatzerwartungen ihrer Abnehmer in einigen Monaten.

In der Vergangenheit hätten sich Chipverkäufe und Weltwirtschaft weitgehend ähnlich entwickelt, so Peter Fintl, Halbleiterexperte der Beratungsgesellschaft Capgemini. Wenn er Recht behält, ist mit einem weltweiten Wirtschaftsaufschwung erst im kommenden Jahr zu rechnen.

Aber sehen wir auch das Positive: Die Zeiten, in denen akuter Chipmangel die Weltwirtschaft ausbremste, scheinen verschwunden zu sein – und zwar schneller als man „globaler Halbleiterengpass“ sagen kann.

Viele Chipwerke sind derzeit kaum ausgelastet, das ist alarmierend für die Weltwirtschaft.

Foto: Sven Döring für Bosch

Auch die Engpässe in der Baubranche haben sich ruckzuck in eine Unterauslastung verwandelt. Im Juli klagten 40,3 Prozent der Bauunternehmen über Auftragsmangel, wie das Münchener Ifo-Institut am Montag mitteilte. Vor einem Jahr lag der Anteil noch bei 10,8 Prozent.

Das sind schlechte Nachrichten für Bauministerin Klara Geywitz (SPD). Die Bundesregierung hat als Ziel 400.000 neue Wohnungen jährlich ausgegeben. Das verfehlte sie schon 2022 deutlich. Einer Ifo-Prognose zufolge wird die Zahl der Fertigstellungen bis 2025 auf nur 200.000 Wohnungen sinken.

In der Politik ist eine Reihe von Instrumenten in der Diskussion, um gegenzusteuern – von niedrigeren Dämmstandards bis zu großzügigeren Abschreibungen. Die Berliner Handelsblatt-Kolleginnen und -Kollegen haben das Für und Wider der einzelnen Optionen für Sie aufgedröselt.

Ein Vorschlag, um Immobilien billiger zu machen, findet hingegen erstaunlich wenig Widerhall: der Plan von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP), wonach die Bundesländer die Grunderwerbssteuer für selbst genutztes Eigentum auf null Prozent absenken können. Eine deutliche Mehrheit der Länder ist dazu laut einer Handelsblatt-Umfrage nicht bereit. In Schleswig-Holstein zum Beispiel haben sich CDU und Grüne darauf verständigt, von einer Absenkung „keinen Gebrauch“ zu machen.

Seit der Föderalismusreform 2006 ist die Grunderwerbsteuer die einzige Steuer, die Länder unabhängig vom Bund bestimmen können. Und die Bundesländer machen von dieser Möglichkeit regen Gebrauch: In Brandenburg, NRW, Saarland und Thüringen ist der einstige bundesweite Einheitssatz von 3,5 auf inzwischen 6,5 Prozent gestiegen. Wer ein Haus im Wert von 500.000 Euro kauft, muss also noch 32.500 Euro an Steuern drauflegen. Nur in Bayern liegt der Satz weiter bei 3,5 Prozent.

Statt die Grunderwerbssteuer zu senken, führen manche Bundesländer nun eigene Immobilien-Förderprogramme ein. So können sich in Nordrhein-Westfalen Hauskäufer bis zu 10.000 Euro vom Bruttokaufpreis erstatten lassen. Schleswig-Holstein plant die Einführung einer Eigenheimzulage.

Heißt im Klartext: Manche Landesregierungen geben Immobilienkäuferinnen und -käufern künftig als Förderung einen Teil dessen zurück, was sie ihnen zuvor an Grunderwerbssteuer abgeknöpft haben. Natürlich nur nach entsprechendem Antrag. Genau so stelle ich mir den effizienten Staat nicht vor.

Die Staats- und Regierungschefs der BRICS-Staaten: Cyril Ramaphosa, Narendra Modi, Xi Jinping, Luiz Inácio Lula da Silva und Wladimir Putin (v.l.)

Foto: Handelsblatt

BRICS, die Allianz der aufstrebenden oder sich dafür haltenden Volkswirtschaften, trifft sich ab heute zu ihrem Gipfel in Südafrikas Wirtschaftsmetropole Johannesburg. Bislang gehören Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika dem Staatenbund an. Jetzt will die Gruppe zu „BRICS plus“ werden und zahlreiche neue Mitglieder aufnehmen. Auf Kriterien dafür müssen sich die Mitgliedstaaten noch einigen. Auch ab wann zusätzliche Länder aufgenommen werden, ist noch unklar. Und ideologisch scheint die BRICS-Staaten oft nicht viel mehr als eine diffuse Ablehnung der politischen und ökonomischen Vorherrschaft des Westens zu vereinen.

Was sich unter anderem daran zeigt, dass Russlands Staatschef Wladimir Putin in Johannesburg nur per Video zugeschaltet wird. Er fürchtet in Südafrika die Vollstreckung eines internationalen Haftbefehls gegen ihn.

Was die BRICS-Staaten wirtschaftlich im Vergleich zu den westlichen G7 tatsächlich draufhaben, hat mein Kollege Ben Mendelson anhand von Grafiken für Sie analysiert.

„You must remember this, a kiss is just a kiss“ singt Arthur Wilson alias „Sam“ im Filmklassiker „Casablanca“. Aber ein Kuss ist eben nicht nur ein Kuss, wenn er von einem hierarchisch höherstehenden Mann einer Frau gegen deren Willen auf den Mund gedrückt wird.

Sehen eigentlich alle Menschen so, die geistig im 21. Jahrhundert angekommen sind – bis auf Karl-Heinz Rummenigge. „Ich glaube, man soll da nicht übertreiben“, sagte der FC-Bayern-Aufsichtsrat gestern Abend am Rande des „Sport Bild“-Awards.

Spaniens Fußball-Verbandspräsident Luis Rubiales hatte am Sonntag nach dem gewonnenen WM-Finale Spaniens Starspielerin Jennifer Hermoso ungefragt auf den Mund geküsst. Er kenne Rubiales gut, so Rummenigge: „Wenn man Weltmeister wird, ist man emotional. Und was er da gemacht hat, ist – sorry, mit Verlaub – absolut okay.“

Rummenigge weiter: „Als wir letztes Mal die Champions League gewonnen haben, habe ich Männer geküsst – nicht auf den Mund zwar, aber aus Freude.“

Sorry, mit Verlaub: Ich empfehle Rummenigge ein Gedankenexperiment. Er soll sich einfach eine seiner eigenen Töchter in der Situation von WM-Spielerin Hermoso vorstellen. Immer noch „absolut okay“?

Ich wünsche Ihnen einen Tag, den Sie nicht nur mit den üblichen Verdächtigen verbringen.

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Herzliche Grüße

Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt

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