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Morning BriefingWie Kamala Harris die emotionale Blockade der Demokraten löst

Teresa Stiens 25.07.2024 - 06:17 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Aufholjagd: Kamala Harris löst die emotionale Blockade der Demokraten

25.07.2024
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Aus der Ferne scheint es, als habe der Rückzug von Joe Biden als Präsidentschaftskandidat im demokratischen Wahlkampf eine Blockade gelöst – nicht nur eine strategische, sondern vor allem eine emotionale. Bidens wahrscheinliche Nachfolgerin, Vizepräsidentin Kamala Harris, gibt all jenen neue Hoffnung, die bisher das Gefühl hatten, sich zwischen einem altersschwachen und einem verbrecherischen alten Mann im Weißen Haus entscheiden zu müssen.

Harris ist über Nacht zum großen Star ihrer Partei geworden. Sie begeistert Abgeordnete, Wählerinnen und Geldgeber. Die Demokratin brauchte keine 48 Stunden, um sich die Mehrheit der Delegierten für den demokratischen Parteitag Mitte August zu sichern. Auf der Bühne wirkt sie gelöst, obwohl sie sich gerade für das mächtigste Amt der Welt bewirbt.

In den zwei Tagen nach der Verkündung ihrer Kandidatur spendeten mehr als eine Million Amerikaner für Harris, viele davon zum ersten Mal. Doch was noch wichtiger ist: Auch der Wille, sie bei der Wahl im November mit einer Stimme zu unterstützen, steigt. Seit Wochenbeginn gab es zwei neue Umfragen. In der einen liegt Trump einen Prozentpunkt vorn, in der anderen liegt Harris zwei Prozentpunkte vorn. Doch um aus einer Aufholjagd einen Wahlsieg zu machen, ist es noch ein weiter Weg. Dafür muss „Kamala“, wie Harris von ihren Fans genannt wird, vor allem die Wählerinnen und Wähler der Swing States überzeugen.

Dass Harris vor allem bei jungen Menschen beliebter wird, liegt auch an einer Kokospalme – ihrem Erkennungszeichen im Internet. Denn für den Wahlkampf online sind Werbespots irrelevant – es zählt, wer sich dort als Marke inszenieren kann.

US-Vizepräsidentin Kamala Harris hat aktuell vor allem bei jungen Amerikanerinnen und Amerikanern einen Lauf. Foto: REUTERS

Dass Harris' Erkennungszeichen eine Palme ist, liegt an einer inzwischen berühmten Rede, in der sie ihre Mutter mit den Worten zitiert: „Denkt Ihr, Ihr seid einfach aus einer Kokospalme gefallen?“ – daran schließt sie ihr markantes Lachen an. Das demokratische Wahlkampfteam weiß die Codes der Internetwelt zu nutzen und inszeniert Harris als jugendlichen Gegensatz zu dem vergleichsweise alten Herren Donald Trump.

Die Strategie scheint zu funktionieren: Bei Instagram gewann Kamala Harris seit Sonntag etwas mehr als 1,1 Millionen neue Follower dazu. Laut neuesten Erhebungen liegt Harris bei Menschen unter 40 im Gegensatz zu Biden klar vor Trump. Warum es für Harris eine gute Nachricht ist, als „Göre“ bezeichnet zu werden und wie sie sich die Farbe Grün zu Nutzen machen könnte, haben meine Kolleginnen Jana-Sophie Brüntjen und Nell Rubröder aufgeschrieben.

Ich finde es ehrlicherweise kurios zu beobachten, wie Menschen, die einmal an der Macht sind, kaum noch von ihr lassen können. Halten sie sich wirklich für unersetzbar oder wirkt Macht wie eine Droge, ohne die man irgendwann nicht mehr leben kann?

Bundeskanzler Olaf Scholz deutete an, noch neun weitere Jahre Kanzler bleiben zu wollen. Foto: dpa

Das Phänomen ist weltweit zu beobachten, nicht nur in den USA bei Joe Biden, sondern auch bei uns in Deutschland. Die Bundeskanzler Helmut Kohl und Angela Merkel konnten über viele Jahre von ihrem Amt nicht lassen und auch Olaf Scholz deutete bei der gestrigen Sommerpressekonferenz an, noch neun weitere Jahre Kanzler bleiben zu wollen.

Als er eher im Scherz gefragt wurde, ob er angesichts des Ampelchaos und seiner Umfragewerte überlege, es US-Präsident Joe Biden gleichzutun und sich von seinem Amt zurückzuziehen, reagierte Scholz auf seine etwas pampige Art: „Danke für die überaus nette und freundliche Frage.“ Er werde als Kanzler antreten, um erneut Kanzler zu werden. Beim Thema seines eigenen Machtanspruchs versteht Scholz keinen Spaß.

Für die schleppende Wende hin zur Elektromobilität gibt es viele Gründe: Es fehlen Kaufprämien, die Ladeinfrastruktur ist zu schlecht ausgebaut, und die Batteriepreise sind nach wie vor zu hoch. Zur Wahrheit zählt aber auch: Viele Autobauer haben sich verkalkuliert und auf den falschen Fahrzeugtyp gesetzt.

Das Handelsblatt hat auf Grundlage von exklusiven Zahlen des Datenanbieters Dataforce den europäischen Automarkt analysiert. Das Ergebnis: Das schwindende Kundeninteresse ist kein Problem der gesamten Autoindustrie – in erster Linie sind Massenhersteller wie Volkswagen, Renault und Ford betroffen.

Sie haben offenbar einen strategischen Fehler mit weitreichenden Folgen gemacht. Statt günstige, kompakte Elektroautos bieten sie zurzeit vor allem große und teure Elektro-SUVs an – die sich die Kundschaft aber nicht leisten kann oder will. In der Folge sinkt bei den Herstellern der Anteil von Elektroautos und Plug-in-Hybriden bei den Neuzulassungen: Ihre Kunden kaufen lieber kleine Verbrenner statt große E-Autos.

Techwerte drückten am Mittwoch auf die Stimmung. Foto: dpa

Der gestrige Mittwoch war an der Wall Street ein wirklich trüber Tag – vor allem für die beliebten Technologiewerte. Der Index der Technologiebörse Nasdaq fiel zeitweise um drei Prozent und steuerte auf den schlechtesten Tag seit Dezember 2022 zu.

Besonders stark verlor der US-Autobauer Tesla, nachdem das Unternehmen seine niedrigste Gewinnspanne seit mehr als fünf Jahren gemeldet und die Gewinnerwartungen für das zweite Quartal verfehlt hatte. Es droht ein Verlust von rund 83 Milliarden Dollar an Börsenwert.

Insgesamt kommen bei Analysten Zweifel auf, ob die Rallye der Technologiewerte noch weiter anhalten wird. Auch der Google-Mutterkonzern Alpha hatte zuletzt eher glanzlose Quartalszahlen vorgelegt.

Zum Abschluss noch ein Blick auf einen etwas merkwürdigen Krieg, der momentan zwischen Nord- und Südkorea stattfindet. Seit einiger Zeit schicken die Nordkoreaner eindeutige Botschaften in Form von mit Müll und Fäkalien gefüllten Ballons über die Grenze zu ihren südlichen Nachbarn. Die Südkoreaner wehren sich, indem sie K-Pop-Musik und Nachrichten in hoher Lautstärke über die Grenze schallen.

Jetzt haben die Nordkoreaner einen Volltreffer gelandet. Eins der mit Unrat gefüllten „Präsente“ landete auf dem Gelände des Präsidentenamtes in Seoul. Chemische, biologische oder radioaktive Substanzen wurden in dem Ballon nicht entdeckt, es handelt sich offenbar einfach um sehr viel Mist.

So ärgerlich das für die Südkoreaner auch ist – ich sehe diesen Krieg als großes Vorbild. Könnten nicht einfach alle Nationen, die ein Problem miteinander haben, sich gegenseitig fiese Streiche spielen, statt sich umzubringen? Würde Wladimir Putin Wasserbomben auf die Ukraine abwerfen und im Präsidentenpalast in Kiew Klingelstreich spielen, wäre die Welt eine bessere.

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Ihnen niemand einen Streich spielt.

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Es grüßt Sie herzlich
Ihre

Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt

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