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Newsletter ShiftWarum China uns mehr Leichtigkeit im Umgang mit Neuem lehren kann

„China Speed“ statt Bedenkenträgerei: Warum technologische Innovationen in China oft schneller gehen als in Deutschland – und was wir davon lernen könnten.Nina C. Zimmermann 19.06.2025 - 15:38 Uhr Artikel anhören
Einfach mal was ausprobieren. Foto: IMAGO/argum

Erinnern Sie sich an unsere Berichterstattung rund um die Konferenz TECH? Sehr viel Optimismus, was Europa könnte, wenn es denn wollte, um technologisch führend zu sein, war von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu hören. Und sehr viele Dinge, die uns bislang (vermeintlich) daran hindern, an die Spitze kommen, etwa die EU-weite Datenschutz-Regulierung. Diese muss oft als Vorwand herhalten, um digitale Grundrechte infrage zu stellen, wie eine Kollegin von der „Zeit“ kritisch anmerkt.

Europas Gesetzgebung sei mitnichten zu streng und zu innovationsfeindlich, schreibt sie. Die Datenschutz-Grundverordnung habe die EU vielmehr in eine Position der Stärke gegenüber Big Tech aus den USA versetzt. Denn Europa sei für US-Unternehmen ein viel zu interessanter und bedeutender Markt, um nicht auf europäische Forderungen beim Zugang zu diesem Markt einzugehen. Und von dieser Machtposition sollten wir Europäer viel mehr Gebrauch machen.

Diesen Gedanken fand ich inspirierend, vor allem, weil ich kurz darauf einen Text unseres China-Korrespondenten Martin Benninghoff las. Martin beschäftigt sich darin mit der Frage, warum Chinesen technologieoffener sind und neue Tools schneller adaptieren. Die Technologieoffenheit ist zwar irgendwie auch staatlich verordnet, aber trotzdem könnten wir uns in Deutschland etwas von dem dort herrschenden Spirit abschauen, denke ich.

Mir fiel bei der Lektüre auch der Text meines Kollegen Sven Prange zur deutschen Technologieskepsis ein. Darin zitiert er eine Ethnologin, in deren Augen es nur zum Teil von der Technikaffinität einer Gesellschaft abhängt, ob Menschen Neues ausprobieren wollten:

Es spielt auch eine Rolle, welche Verbesserungen sich Nutzer von konkreten Projekten erhoffen.
Ursula Rao
Ethnologin Uni Halle

Es gebe keine technikmüde Gesellschaft und auch keine Übersättigung mit technologischen Innovationen, sagt Rao. Das sei Gerede von Leuten, die sich nicht die Mühe machen wollen, andere auf den Weg mitzunehmen.

Bedeutet: Wir müssten in Deutschland zum einen den Nutzen einzelner Innovationen besser erklärt bekommen (etwa analog zu der in diesem Newsletter kürzlich vorgestellten Studie, wie sich die Zustimmung zu einer Rentenreform steigern ließe). Zum anderen sollten wir uns vielleicht auch ein Beispiel an Chinas Technologieoffenheit nehmen. Wie das gelingen kann, habe ich Martin für diese Ausgabe gefragt. Seine Antworten lesen Sie unten.

Bleiben Sie zukunftsfreudig!

Herzliche Grüße

Ihre NZ

In Conversation

Martin, was ist in China bei technologischen Innovationen anders als in Deutschland?
Martin Benninghoff: „Trial and Error“ ist ganz, ganz wichtig in China. In Deutschland kommt ein Produkt oft erst auf den Markt, wenn es perfekt ist; das dauert und ist teuer. In China dagegen wird das nächstbeste Produkt auf den Markt geworfen und dann weiterentwickelt. „China Speed“ nennt man das hier.

Wo siehst Du Mentalitätsunterschiede?
Bedenkenträgerei, das ist keine Art, wie man China diskutiert. Was technisch möglich ist, wird umgesetzt, und was sich im Alltag bewährt, wird genutzt. Niemand ist böse, wenn etwas schiefgeht. Man macht einfach weiter. Es gibt hier eine Redensart, die in etwa lautet: „Wer nicht versagt, hat noch nichts ausprobiert.“ Und es gehört zum guten Ton, sich mit Technik zu umgeben, sich beispielsweise alles liefern zu lassen.

Umgeben von Technik: Zwei Chinesinnen mit einem Smartphone in Peking Foto: Andy Wong/AP/dpa

Was wünschst Du Dir für Deutschland, was es in China bereits gibt?
Das digitale Wallet wäre cool in Deutschland. Eine Super-App statt 35 Einzel-Apps. Ich habe hier einen QR-Code zum Zahlen, Übersetzen, Zugfahren, da ist das chinesische Uber-Pendant Didi drin, die Kantinenkarte für die Schule meines Sohnes kann ich darüber aufladen, das ist alles sehr sinnvoll.

... jetzt kommt meine Bedenkenträgerei: Was ist mit dem Datenschutz – und wie geht es Dir bei dem Thema?
Es gibt natürlich keine oder kaum Datenschutzdebatten hier. Ich werde unterwegs permanent fotografiert und weiß nicht, was damit passiert. Ich probiere aber zumindest alles aus und nutze Wechat im Alltag, ich buche beispielsweise Arzttermine darüber und über Alipay meine Reisen. Als Journalist muss ich natürlich aufpassen, ich kommuniziere nach Möglichkeit beruflich nicht über Wechat, sondern über westliche Anbieter und nutze VPN.

Du bist vermutlich in weiten Teilen ein gläserner Mensch für die Behörden. Können wir trotzdem etwas von China lernen?
Mir ist eines wichtig zu sagen: China ist eine Diktatur. Ich will dieses System nicht loben, persönliche Annehmlichkeiten wiegen politische Unfreiheiten nicht auf. Ich wünsche mir nur, dass wir uns nicht immer selbst bremsen durch schwere Debatten, die auf uns lasten.

Was man von den Chinesen lernen kann, ist, erst mal optimistisch an eine Sache heranzugehen und sich dann um die Schattenseiten zu kümmern. Klar, da ist Missbrauch immer möglich, gerade auch durch den autoritären Staat, der die Technik einsetzt, um die Leute zu überwachen – aber grundsätzlich wünsche ich mir diese Leichtigkeit im Umgang mit Neuem.

Handelsblatt-China-Korrespondent Martin Benninghoff in Shanghai Foto: Handelsblatt

Welches ein konkretes Beispiel hast Du dafür?
Wenn ich in Deutschland über die innovativen E-Autos aus China spreche, dann höre ich immer: „Da würde ich mich nie reinsetzen, da sind doch lauter Kameras drin…“ Das entzieht mir Energie, diese deutsche Bedenkenträgerei, erst einmal das Schlechte anzunehmen.

Der positive Spirit ist die eine Sache. Könnten wir auch politisch etwas lernen?
Bedingt! Was wir lernen können: Es ist gut, eine langfristige Strategie zu haben, einen langen Atem. Die chinesische Führung denkt in Fünf-Jahres-Abschnitten, oft genug auch in Dekaden. Das Land hat erst eigene Industrien aufgebaut, jetzt sichert es die Lieferketten ab. Aber natürlich hängt das von der Systemfrage ab. In Deutschland ist aufgrund wechselnder politischer Konstellationen vieles einfach zäher. Trotzdem will ich unsere Demokratie gegen kein anderes System eintauschen.

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Das geht mir genauso. Martin, herzlichen Dank für das Gespräch!

Dieser Text ist zuerst am 16. Juni 2025 im Newsletter Handelsblatt Shift erschienen. Den Newsletter können Sie hier abonnieren.

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