Ego, Byton, HiPhi: Pleitewelle bei Elektro-Start-ups – Warum derzeit so viele Newcomer scheitern
Köln. Tesla ist der Leuchtturm. Gegen die seit Jahrzehnten dominierenden Autogiganten hat es der Newcomer bislang geschafft, zum wertvollsten Autohersteller der Welt aufzusteigen. An der Börse wird das Elektroauto-Unternehmen mit mehreren hundert Milliarden Dollar bewertet. Doch in der Branche ist diese Erfolgsgeschichte bislang eine Ausnahme.
Dutzende neuer Elektroauto-Start-ups wurden in den 10er-Jahren mit der Vision gegründet, es Tesla gleichzutun. Bisher ohne Erfolg. Ganz im Gegenteil. In der jüngeren Vergangenheit mussten zunächst zahlreiche kleinere Start-ups die Segel streichen. Dann folgte eine Pleitewelle von hoffnungsvollen Newcomern, die sogar mit großen Investoren, Fabriken und echten Autos aufwarten konnten. Inzwischen sind auch vermeintlich gut finanzierte Marken, die mit seriösen Autos am Markt vertreten sind, dünnhäutig geworden. Weitere Pleiten, Übernahmen und Konsolidierungen zeichnen sich ab.
Vergangene Woche war es der Elektroauto-Hersteller e.Go aus Aachen, der zum zweiten Mal in seiner jungen Firmengeschichte einen Antrag auf ein Insolvenz stellen musste. Als Gründe für die erneute Pleite nennt der Autobauer „die jüngsten Entwicklungen und Herausforderungen in der Elektrofahrzeugindustrie“ sowie die Volatilität der Finanzmärkte. Bereits im Zuge der Coronakrise hatte der Hersteller, der 2015 vom RWTH-Professor Günther Schuh mitgegründet wurde, ein Insolvenzverfahren durchlaufen.
Mit dem Einstieg eines Private-Euqity-Unternehmens im August 2020 war der Betrieb vorerst gesichert. Es folgten eine Umbenennung in Next.e.GO Mobile SE, 2022 die Präsentation des neuen Modells e.wave X sowie 2023 der Börsengang. Ein Marktstart der aufgehübschten Variante des Ur-Modells Life ist bisher allerdings nicht erfolgt. Der Wert der Next.e.Go-Aktie ist seit Herbst 2023 von über 11 Euro auf mittlerweile 9 Cent gesunken.
Ego ist nur eine von vielen Elektro-Start-ups in Schieflage. Die erste prominente Pleitewelle folgte im Schatten der 2022 eingeleiteten Zinswende, die klassische Anlageformen wieder attraktiver und Kredite teuer machte. Chronisch unterfinanzierte Newcomer bekamen dies als erste zu spüren und hatten schnell Probleme, an frisches und günstiges Geld zu kommen. Uniti in Schweden eröffnete 2022 den Pleite-Reigen, 2023 folgten beispielsweise Lightyear in den Niederlanden und Sono Motors in Deutschland. Eine zweite Chance dürfte es für diese Projekte nicht mehr geben.
Selbst finanzstarke Newcomer haben es schwer
Aber auch finanzstarke Newcomer, die von Großkonzernen finanziell unterstützt wurden, gerieten schnell in Schieflage. Wie der 2019 vom chinesischen Mischkonzern Evergrande übernommene Saab-Nachfolger NEVS in Schweden, der vor rund einem Jahr in den „Winterschlaf“ versetzt wurde. Ende 2023 soll allerdings ein internationaler Investor eingestiegen sein, der die unter Evergrande-Regie entwickelte Elektro-Limousine Emily GT vielleicht doch noch zur Marktreife entwickeln kann.
Auch bei den Nutzfahrzeugen hat es inzwischen einige Newcomer erwischt. Der Pick-up-Hersteller Lordstown Motors, der mit dem taiwanesischen Computerteilekonzern Foxconn verbandelt ist, meldete im vergangenen Sommer Insolvenz an. Die Konkursmasse wurde inzwischen von Lordstown-Gründer Steve Burns aufgekauft, der Anfang 2024 mit Land X ein Nachfolgeunternehmen gründete.
Der Kleintransporterhersteller Arrival aus England, an dem Hyundai und UPS beteiligt waren, musste Anfang 2024 Insolvenz anmelden. Wenige Wochen zuvor hatte es Volta Trucks erwischt, obwohl DB Schenker den Schweden mit einem Auftrag über rund 1500 Elektro-Lkw ein eigentlich gutes Geschäft in Aussicht gestellt hatte.
Auch Elektroauto-Projekte wie Hopium aus Frankreich sowie WM Motor und Byton aus China sind inzwischen insolvent. Finanzielle Probleme zeichnen sich auch bei den chinesischen Autoherstellern Aiways und HiPhi ab, die offiziell auch in Deutschland vertreten sind. Gerade in China ist das Marktumfeld extrem schwierig geworden. Hier tummeln sich mittlerweile hunderte von Automarken, die um die Gunst der Käufer buhlen. Kleine Nischenanbieter stoßen hier bei geringen Absatzzahlen schnell an ihre finanziellen Grenzen.
Milliardenverluste für Rivian
Zu den großen Verlustbringern der schönen neuen E-Mobilität gehört auch die US-Marke Rivian. Allein in den Jahren 2022 und 2023 hat der Konzern pro Quartal zwischen 1,3 und 1,8 Milliarden US-Dollar an Nettoverlusten ausgewiesen. Laut einer Analyse von Sean McLain vom Wall Street Journal bieten die Autos von Rivian zwar viel Technik, die aber auch viel kostet. Rivian, an dem unter anderem Amazon beteiligt ist, musste laut Analysten im vierten Quartal 2023 für jedes verkaufte Fahrzeug einen Verlust von mehr als 43.000 Dollar hinnehmen.
Dabei wurde Rivian 2021 als das „Tesla für Pick-ups“ und als neues Börsenwunder gefeiert. Bei seinem Börsendebüt 2021 konnte das Unternehmen 12 Milliarden Dollar einnehmen und überholte zwischenzeitlich Autoriesen wie Ford beim Unternehmenswert. Mittlerweile ist der Aktienkurs jedoch stark unter Druck geraten und allein seit Dezember von rund 22 auf aktuell 10 Euro gefallen. Der Ausgabepreis der Aktie im Jahr 2021 lag bei 78 Dollar.
Immerhin gibt es Hoffnung, dass Rivian auf dem richtigen Weg sein könnte, denn eine Volumenbaureihe steht in den Startlöchern und auch die Verkaufszahlen sind im vergangenen Jahr kräftig gestiegen. Mehr als 50.000 Autos konnte das Unternehmen 2023 ausliefern. Im Vorjahr waren es noch rund 20.000. Dass aus Verlusten Gewinne werden, scheint zumindest nicht ausgeschlossen.
Apple legt den Rückwärtsgang ein
Auch Apple musste erfahren, dass man bei einem Einstieg in den Automobilbau enorme Summen verbrennen kann. Erst vor wenigen Wochen verabschiedete sich der Technologiekonzern endgültig von seinem Autoprojekt. Rund zehn Jahre lang hatte der iPhone-Hersteller an einem eigenen Zukunftsauto getüftelt, in dessen Entwicklung laut einem Bericht der New York Times rund zehn Milliarden Dollar geflossen sind.
Trotz des großen Konzerns, der vielen Mitarbeiter und der gigantischen Investitionen ist es Apple nicht gelungen, ein eigenes Hightech-Mobil im Alleingang zu entwickeln. Mit einem Partner aus der Automobilindustrie wäre das sicher einfacher gewesen. Wohl auch deshalb kursieren inzwischen Gerüchte, dass Apple angesichts des derzeit niedrigen Aktienkurses Rivian übernehmen könnte.
>> Lesen Sie dazu: Apple stellt überraschend die Arbeit am Autoprojekt ein
Sogar ganz offen spricht Fisker über einen möglichen Einstieg eines Partners. Seit vergangenem Jahr ist die Automarke mit dem Elektro-SUV Ocean auf dem Markt, von dem bislang allerdings nur wenige tausend Exemplare gebaut und verkauft wurden. In seiner kürzlich veröffentlichten Jahresbilanz 2023 wies Fisker Verluste in dreistelliger Millionenhöhe aus und sprach unter anderem von einer möglichen Insolvenz.
Die Entwicklung neuer Modelle wie des Pick-ups Alaska wurde deshalb auf Eis gelegt. Frisches Kapital für den Fortbestand der Marke erhofft sich Fisker vom Einstieg eines etablierten Autoherstellers, bei dem es sich nach jüngsten Medienberichten um Nissan handeln soll.
Bleibt der US-Autobauer Lucid Motors, bei dem unter anderem ein saudi-arabischer Staatsfonds Milliarden investiert hat, um ihn zum neuen Tesla zu machen. Das einzige Modell, die Elektrolimousine Air, wurde von Testern hoch gelobt. Im Werk in Arizona wurden im vergangenen Jahr rund 8400 Autos gebaut, von denen 6000 an Kunden ausgeliefert wurden. In der Jahresbilanz 2023 weist Lucid einen Nettoverlust von 2,8 Milliarden Dollar aus. Bereits erfolgte Preissenkungen sollen den Absatz des Air ankurbeln, zudem folgt mit dem Gravity ein verkaufsstarkes SUV-Modell. Für das laufende Jahr sind noch Verluste einkalkuliert.