1. Startseite
  2. Mobilität
  3. Oldtimer
  4. Oldtimer: Besuch der alten Lady – Eine Ausfahrt im Rolls-Royce Phantom

OldtimerBesuch der alten Lady – Eine Ausfahrt im Rolls-Royce Phantom

Der Rolls-Royce Phantom gehört zu England wie der Buckingham Palace. Seit 100 Jahren wird das Modell gebaut, länger als jedes andere Serienauto. Zeit für eine Jubiläumsausfahrt.Benjamin Bessinger 02.06.2025 - 07:54 Uhr Quelle: SpotpressArtikel anhören
Der Rolls-Royce Phantom wird mittlerweile in achter Generation gebaut. Foto: Rolls-Royce

Goodwood/München. Den Golf gibt es seit 1974, den Corolla schon seit 1966 und den Mercedes SL seit 1954. Doch bei allem Respekt sind das noch junge Hüpfer gegen den Rolls-Royce Phantom, der gerade seinen hundertsten Geburtstag feiert und so mit großem Abstand zum ältesten bis heute gebauten Auto der Welt avancieren dürfte.

Obwohl der Name etwas Ätherisches, fast Flüchtiges hat, erweist sich das Auto als mindestens so beständig wie Big Ben oder der Buckingham Palace. Und trotz der langen Bauzeit ähnlich exklusiv. Denn mehr als 15.000 Fahrzeuge, so die amtliche Schätzung aus Goodwood, dürften in diesen 100 Jahren kaum gebaut worden sein.

Der Phantom ist zwar das am längsten gebaute Modell der Herren Charles Rolls und Henry Royce, aber nicht einmal das älteste. Denn deren Geschichte beginnt 1906 mit dem 40/50 H.P. Silver Ghost. Doch wurde den beiden Gründern schnell klar, dass sie Fortschritt brauchen, wenn sie die gerade erst eroberte Spitze des Automobilbaus verteidigen wollen.

Statt den Silver Ghost weiter zu verfeinern, haben sie deshalb 1921 auf einem weißen Blatt neu angefangen, 1925 den ersten von mittlerweile acht Phantom präsentiert und damit den Grundstein für eine ebenso lange wie erfolgreiche Geschichte gelegt.

Zwar wurde in den letzten 100 Jahren fast jeder Phantom mehr oder mindert individualisiert und damit zum Einzelstück. Zumal die Herren Rolls und Royce anfangs ohnehin nur das Fahrgestell lieferten und die Gestaltung der Karosserie den individuellen Wünschen der Kunden und der Expertise unabhängiger Karosseriebauer überlassen haben.

Wer einen Rolls-Royce fährt, hat es geschafft

Doch kaum einer ist so speziell, wie unser Testwagen für die Jubiläumsausfahrt. Nicht nur, weil er schon 99 Jahre alt ist. Sondern weil der 10 EX zu den ersten Concept Cars der Automobilgeschichte zählt. Statt der hoch aufragenden, fast staatstragenden Karosserie einer geschlissen geschlossenen Limousine rollt er als viersitziges Cabrio aus den heiligen Hallen.

Mercedes, Porsche, Volvo

Diese fünf Oberklasse-SUV sollen China die Stirn bieten

Karosserier Barker hat ihn nach alter Kutschentradition mit Holzgestell und Blechverkleidung in ein Torpedo auf Rädern verwandelt und damit eine gewisse Lust auf Geschwindigkeit zum Ausdruck gebracht, die der Marke heute fremder ist denn je.

Denn auch wenn Rolls-Royce mittlerweile Leistungswerte und Fahrdaten veröffentlicht und nicht mehr mit einem simplen „ausreichend“ ausweicht, machen die Briten nicht mit beim üblichen Wettrüsten im Oberhaus. Wer es in einen Rolls-Royce geschafft hat, der ist Herr seiner Zeit und muss sich von nichts und niemandem hetzen lassen.

Die Bedienung erfordert Routine

Beim 10EX war das noch anders. „Das ist ein Ingenieursauto, das auf Geschwindigkeit getrimmt war", kann man in der Chronik nachlesen und lernt dabei, dass die Entwickler nicht nur eine bewegliche Kühlerjalousie eingebaut haben, wie sie bei modernen Autos erst seit ein paar Jahren üblich ist.

Das Cockpit des 10EX verdient durchaus die Bezeichnung "Arbeitsplatz" Foto: Rolls-Royce

Für ihre Messfahrten haben sie sogar Kotflügel und Trittbleche abgeschraubt. Mit Erfolg. Zwar hat der 10EX die avisierten 100 Meilen pro Stunde nicht ganz geschafft. Aber 96 Meilen oder 155 Kilometer pro Stunde waren auch nicht schlecht für eine Zeit, in der Opel zum Beispiel gerade mit dem Laubfrosch Furore macht. Und der hatte anfangs 12 und später 20 PS und schaffte gerade mal 60 Sachen.

Damals auf dem Oval von Brooklands mögen sie es eilig gehabt haben. Doch heute lässt man es besser langsam angehen mit dem blank polierten Riesen. Nicht nur aus Respekt vor dem Alter und dem Wert irgendwo am oberen Ende der einstelligen Millionenskala. Sondern vor allem, weil seine Bedienung eine gewisse Routine erfordert.

Man muss sich nach einer kurzen Einweisung einstellen, damit der 110 PS starke Reihensechszylinder erst mal zum Laufen kommt. Foto: Rolls-Royce

Schließlich muss man nach einer kurzen Einweisung in die Verbrennungslehre Gemischbildung und Zündzeitpunkt an den Lenkradrasten einstellen, damit der immerhin 110 PS starke Reihensechszylinder vom riesigen 7,7 Litern Hubraum erst mal zum Laufen kommt.

Ohne Kraft geht es nicht

An den Motor kommt man, wenn man vor dem Öffnen der Blechklappen die ansonsten unnahbare Kühlerfigur Spirit of Ecstasy unsittlich beim Rumpfe packt und um 90 Grad dreht. Dann muss man das gemütliche Stampfen der doppelt gezündeten Zylinder auch noch in Vortrieb ummünzen und dafür irgendwie das synchronisierte Vierganggetriebe überlisten.

Karosserier Barker hat den 10EX nach alter Kutschentradition mit Holzgestell und Blechverkleidung in ein Torpedo auf Rädern verwandelt . Foto: Rolls-Royce

Der erste Gang geht noch ganz leicht, weil er im Stand eingelegt wird. Doch danach braucht es viel Feingefühl im Spiel mit der doppelt zu nutzenden Kupplung, dem Zwischengas und dem irgendwo in der Kniekehle verborgenen Ganghebel, der für so ein riesiges Auto eine fast schon filigrane Gasse hat.

Und kaum ist der Wagen mal in Fahrt, kommt auch schon die erste Kurve und lehrt einen, weshalb Autofahrer früher Kraftfahrer genannt wurden. Einen solchen Koloss mit einem riesigen Lenkrad vor der Brust ums Eck zu wuchten, das braucht Kräfte wie bei einem Eisenbieger.

Und wenn man dann auch noch bremsen oder schalten muss oder im schlimmsten Fall beides zusammen, erfordert das die Konzentration und die Koordination eines Kardiologen bei der Operation am offenen Herzen.

Neue Generation ist in Arbeit

Schon möglich, dass die hohen Herrschaften hinten auf ihrem Lederfaulteil die Ausfahrt gelassen genießen könnten, wenn ihnen die Luft des nahenden Sommers sanft übers Haupthaar streift. Aber das Grinsen im Gesicht des Sozius sieht angesichts der Anstrengungen des Fahrers eher ein bisschen nach Spott und Schadenfreude, so sehr muss man sich am Steuer mühen um den Koloss auf Kurs zu halten.

Kein Wunder, dass es einem hier schnell den Schweiß auf die Stirn und in den Stoff drückt. Nur gut, dass hier und heute keine Herrschaft in Sicht ist und auch keine Anzugspflicht herrscht.

H-Kennzeichen

Diese Autos werden 2025 zum Oldtimer

Natürlich erst nach erfolgreichem Abschluss der Ausfahrt zieht Museums-Mechaniker und Emilys Altenpfleger Sepp Rothe die handgeschriebene Bedienungsanleitung aus dem Handschuhfach in der Trennwand zum Fond und zeigt nicht nur auf drei Seiten voller Tipps, wie man den ältesten Phantom im Fuhrpark anlässt und am Laufen hält. Mit einem breiten Grinsen zeigt er auch auf die letzte Seite, wo groß „Good Luck“ geschrieben steht.

Das hat der Phantom bis heute ohne Zweifel gehabt. Der 10EX im Speziellen, weil er in seinen jetzt dann 99 Jahren eine weitere Fahrt mit einem Laien am Lenker unbeschadet überstanden hat. Und der Phantom im Allgemeinen, weil er allen Irrungen und Wirrungen zum Trotz jetzt schon seit 100 Jahren an der Spitze des Automobilbaus steht und von seinen Machern entsprechend wertgeschätzt wird.

Wer es in einen Rolls-Royce geschafft hat, der ist Herr seiner Zeit. Foto: Rolls-Royce

„Vor hundert Jahren brachte Rolls-Royce das erste Automobil auf den Markt, das zum eindrucksvollsten und langlebigsten seiner Geschichte werden sollte: Den Phantom“, sagt Markenchef Chris Bronwridge: „Über acht Generationen hinweg war der Phantom das prächtigste, begehrenswerteste Automobil der Welt– das Allerbeste vom Besten.“

Verwandte Themen
Opel

Und wenn man den Gerüchten aus Goodwood Glauben schenkt, ist die neunte Generation bereits in Arbeit und das Auto mit dem vielleicht flüchtigsten Namen in der ganzen Branche unterstreicht einmal mehr seine Beständigkeit. Aber am Buckingham Palace würde ja auch niemand rütteln.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt