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Atomkraftwerk in UkraineWie sicher ist Saporischschja?

Russland hat das größte Atomkraftwerk Europas beschossen und besetzt. Feuer brach nahe einer Reaktoreinheit aus. Wie gefährlich ist Saporischschja jetzt? 07.03.2022 - 10:20 Uhr Artikel anhören

Russische Truppen haben im Ukraine-Krieg das Kernkraftwerk Saporischschja besetzt. (Foto: Planet Labs Pbc/dpa)

Foto: Handelsblatt

Die russische Armee hat das Atomkraftwerk Saporischschja besetzt. Bei dem am Freitagmorgen gestarteten Angriff geriet ein fünfstöckiges Ausbildungszentrum nahe einer Reaktoreinheit in Brand. Die Internationalen Atomenergiebehörde IAEA berichtete unter Berufung auf ukrainische Stellen, dass ein Geschoss das Gebäude getroffen hatte. Das Feuer sei mittlerweile gelöscht.

Der IAEA zufolge wird zum ersten Mal in einem Land Krieg geführt, das eine umfangreiche Atomkraftinfrastruktur besitzt. Erhöhte Strahlung wurde nach dem Angriff laut Behörden zunächst nicht festgestellt.

Dennoch stellt sich jetzt die Frage, wie gut das größte Atomkraftwerk Europas geschützt ist. Wie sicher ist Saporischschja? Wie schätzen Experten die Lage ein? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Wie sicher ist Saporischschja?

Atomkraftexperte Michael Sailer hat vor unabsehbaren Gefahren in Saporischschja gewarnt. „Auch wenn der Reaktorbetrieb stabil bleiben sollte, sind die Gefahren immens“, sagte Sailer im Handelsblatt-Interview am Freitag. Das ehemalige Mitglied der deutschen Reaktor-Sicherheitskommission verwies auf die großen Lager für abgebrannte Brennelemente. Sie stünden in Saporischschja in unmittelbarer Nähe der Reaktoren.

Die Brennstäbe müssten permanent mit Wasser gekühlt werden, sagte Sailer. „Sollte das Kühlwasser – etwa aufgrund von Explosionen oder durch Beschuss – austreten, wäre die Kühlung der Brennelemente gestört oder würde komplett ausfallen.“ Es ließe sich dann kaum mehr vermeiden, dass es nach wenigen Tagen zu einer massiven Freisetzung von Strahlung käme, sagte der Experte im Interview. Zudem gebe es in Saporischschja auch ungekühlte Behälterlager. Auch dort könne ein massiver Beschuss zu Radioaktivitätsfreisetzung führen, sagte Sailer.

Läuft Saporischschja nach dem Angriff weiter?

Von den sechs Reaktoren liefen beim Angriff drei Reaktoren. Zwei hat die Reaktormannschaft dann abgeschaltet, einer produziert derzeit noch mit reduzierter Leistung von knapp 700 Megawatt.

Ist die Strahlung erhöht?

Bis zum Morgen haben Behörden in Saporischschja keine erhöhte Radioaktivität festgestellt. Auf dem Gelände gibt es 20 Messstationen. Einige Kilometer entfernt haben auch Nichtregierungsorganisationen Messstationen installiert. Auch in Deutschland wurde keine erhöhte Strahlung festgestellt. Die Wetterlage ist auch so, dass in den nächsten zwei Tagen keine Luftströmungen aus dieser Richtung kommen dürften.

Wie gut ist Saporischschja geschützt?

Der Betonschutz des Reaktors ist so ausgelegt, dass er dem Absturz eines Flugzeuges standhalten soll. Er ist geschützt gegen einen Einschlag von bis zu zehn Tonnen Gewicht mit 750 Stundenkilometer Aufprall-Geschwindigkeit. Etwas mehr als zehn Tonnen wiegt etwa ein Eurofighter-Kampfjet. Auf dem Gelände ist ein Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente. Diese sind mit Beton gegen Feuer und Beschuss geschützt.

Wie geht es der Reaktor-Mannschaft?

Die Reaktor-Mannschaft betreibt die Anlage weiter, sie ist jedoch seit Tagen im Dauereinsatz. Verfügbarkeit und Belastung der vor Ort arbeitenden Menschen könnten ein Problem werden.

Ist eine Kernschmelze denkbar?

Auch ein Worst-Case-Szenario ist nach Sailers Einschätzung nicht auszuschließen: „Sollte die Stromversorgung zusammenbrechen und sollten gleichzeitig die Notstromaggregate an den Atomkraftwerken ausfallen, ließe sich eine Kernschmelze kaum mehr aufhalten. Dann hätten wir ein zweites Fukushima“, warnte er.

Kann sich Tschernobyl wiederholen?

So direkt nicht. Die laufenden Reaktoreinheiten in Saporischschja sind Druckwasser-Reaktoren. Tschernobyl war ein Graphit-Reaktor. Das brennende Graphit erzeugte große Hitze, machte Löscharbeiten extrem schwierig und führte dazu, dass Radioaktivität in große Höhe gelangte und sich so weiterverbreiten konnte.

Wie gefährlich ist Saporischschja für Deutschland?

Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) sieht derzeit keine Gefahr für Deutschland. „Die aktuelle Situation zeigt, dass es keine erhöhte Radioaktivität gibt“, sagte Präsident Wolfram König am Freitag im Bayerischen Rundfunks.

Selbst bei einem „ganz großen Unfall, der nicht ausgeschlossen werden kann oder eben hier durch den Beschuss einer derartigen Anlage entstehen könnte“, ist nach Königs Worten „die Wahrscheinlichkeit, dass wir hier in einem größeren Maß betroffen sind, sehr, sehr gering.“

Wie gefährlich ist Saporischschja für die Ukraine?

Das BASE sorgt sich um die Bürger in der Ukraine. „Grundsätzlich ist es so, dass die Anlagen nicht ausgelegt sind, jeglichen militärischen Angriffen auch standzuhalten“, so König. Wenn die Reaktor-Mannschaft sie nicht systematisch, gezielt und nach den Regeln kühlt und runterfährt, könne es zu kritischen Situationen kommen. Dennoch verfüge die Atomkraftanlage über eine große Schutzwirkung gegen Einflüsse von außen.

Welche Leistung besitzt Saporischschja?

Saporischschja ist die AKW-Anlage in Europa mit der größten Kapazität für Stromproduktion. Der erste Meiler ging 1984 ans Netz, der letzte 1995. Es ist eines von vier AKW in der Ukraine. Zusammen produzieren sie in Friedenszeiten rund die Hälfte des ukrainischen Stroms. Die Anlage verfügt über sechs Atommeiler mit einer Kapazität von je 950 Megawatt, insgesamt also 5,7 Gigawatt.

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