Arbeitsmarkt: Das sind Sorgen der Zeitarbeitsfirmen
Berlin. Die Zeitarbeit gilt als konjunktureller Frühindikator. In der Krise verzichten Unternehmen in der Regel zuerst auf den Einsatz von Leiharbeitnehmern, bevor sie Einschnitte beim Stammpersonal planen. Umgekehrt macht die weiterhin gute Arbeitsmarktlage einen Einstieg für Arbeitnehmer in die Zeitarbeit unattraktiv.
Infolge dieser beiden Entwicklungen ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Zeitarbeitsnehmer zuletzt stark gesunken. Nach Angaben des Gesamtverbands der Personalvermittler (GVP) ging sie von 719.000 im Februar 2022 auf gut 625.000 im Februar dieses Jahres zurück.
Auch die Verleihunternehmen spüren den Rückgang. Fünf Prozent der Zeitarbeitsfirmen blicken deshalb sehr pessimistisch in die Zukunft, zeigt eine Umfrage des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Lünendonk, an der sich 85 Anbieter beteiligt haben und die dem Handelsblatt vorliegt.
30 Prozent der befragten Unternehmen haben demnach gemischte Gefühle. Zwar sind immer noch knapp zwei von drei Firmen sehr oder einigermaßen optimistisch, was die Aussichten angeht. Doch lag der Anteil vor einem Jahr noch 13 Prozentpunkte höher.
„Auch 2024 bleibt die Lage angespannt, weil die jetzige Krise strukturell bedingt ist, nicht wie zuletzt durch Schocks wie Corona oder den Ukraine-Krieg“, sagt Sven Kramer, Sprecher der Geschäftsführung des Personaldienstleisters Peag Holding. Die Regierung in Berlin habe es also in der Hand, sie müsse dringend die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft verbessern.
Eine Verbesserung der Lage erwartet der Peag-Manager frühestens im dritten oder vierten Quartal. Immerhin sind aber die Umsatzprognosen der Zeitarbeitsfirmen nach der Lünendonk-Befragung verhalten positiv.
Das Handelsblatt listet die wichtigsten Trends und Sorgen der Branche auf.
Die Personaldienstleisterbranche konsolidiert sich, und höhere Preise treiben die Umsätze
Nach Lünendonk-Berechnungen lag das Marktvolumen mit Zeitarbeit in Deutschland im vergangenen Jahr bei 32,9 Milliarden Euro – das sind 3,1 Prozent weniger als 2022.
Dass der Gesamtumsatz nicht noch stärker zurückgegangen ist, hat vor allem zwei Gründe. Zum einen liegt es daran, dass die Zeitarbeit im Gesundheitswesen eine zunehmende Rolle spielt.
Ärzte oder Pflegerinnen versprechen sich von der Anstellung bei einer Zeitarbeitsfirma geregeltere Arbeitszeiten und eine bessere Work-Life-Balance als bei einer Festanstellung im Krankenhaus oder Pflegeheim.
Im Gesundheitswesen verzeichnete die Zeitarbeit im vergangenen Jahr laut Lünendonk mit 7,7 Prozent das drittgrößte Umsatzplus. Das größte Wachstum mit dem Verleih von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gibt es aber weiter in der Industrie (Umsatzplus von gut 56 Prozent), gefolgt von der Logistik (plus 14,9 Prozent).
Zum anderen werden die Umsätze zu einem großen Teil vom Preisanstieg getrieben. Denn um ihrerseits Mitarbeiter zu finden, zahlten viele Personaldienstleister freiwillig immer höhere Aufschläge und könnten diese teilweise auch an die Kunden weiterreichen, sagt Lünendonk-Partner Thomas Ball.
Auch die regulären Gehälter steigen. Im März haben sich der Branchenverband GVP und der Deutsche Gewerkschaftsbund darauf geeinigt, dass die Tariflöhne in der Zeitarbeit in zwei Stufen um insgesamt 7,6 Prozent angehoben werden.
Die Branche insgesamt ist sehr kleinteilig organisiert, doch ungefähr ein Drittel des Markts teilen die Top 25 unter sich auf. Deren Umsätze sind im vergangenen Jahr um durchschnittlich 2,2 Prozent gestiegen. Mit gut 1,8 Milliarden Euro Umsatz steht Randstad Deutschland weiter an der Spitze des Marktrankings, wird aber durch die Düsseldorfer Adecco herausgefordert, die mit 19 Millionen Euro Abstand nur noch knapp dahinterliegt.
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Übernahmen haben zu Verschiebungen im Ranking geführt. So ist zum Beispiel die Frankfurter House of HR nach dem Kauf der Pluss Personalmanagement GmbH von Rang vier im Vorjahr auf Rang drei gerückt. Zum Teil werden die Umsätze aber durch höhere Preise getrieben.
Gut ein Drittel der insgesamt von Lünendonk befragten Unternehmen berichtet allerdings von gesunkenen Umsätzen.
Das Geschäft mit dem Verleih von Helfern lohnt sich immer weniger
Gut im Markt behaupten können sich vor allem Unternehmen, die auf den Verleih von Fachkräften spezialisiert sind. Firmen im Helfersegment, die also vorwiegend Arbeitskräfte ohne Berufsausbildung vermitteln, bekommen die Krise deutlich stärker zu spüren.
So konnten Zeitarbeitsfirmen, die überwiegend Arbeitskräfte mit Berufsausbildung verleihen, ihre Umsätze im vergangenen Jahr um gut zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr steigern. Auch hier spielt aber der Preiseffekt durch die Lohnaufschläge eine Rolle. Bei den auf Helfertätigkeiten fokussierten Unternehmen lag das Plus nur bei 2,2 Prozent.
Von den Fachkraftverleihern erzielte rund ein Drittel eine Umsatzrendite (Ebit) von wenigstens fünf Prozent. Bei den auf Helfer fokussierten Unternehmen trifft das nur auf fünf Prozent zu. Hier machte im vergangenen Jahr gut ein Fünftel sogar Verluste.
Personaldienstleister finden schwerer neue Mitarbeiter, aber das ist nicht ihre größte Sorge
Die trotz der Krise weiter gute Arbeitsmarktlage erschwert den Personaldienstleistern die Rekrutierung, weil potenzielle Kandidaten im Zweifel eher die Festanstellung außerhalb der Zeitarbeit wählen. Der Trend im Gesundheitswesen ist also eine Ausnahme.
„In der aktuellen Phase mit einem zunehmenden Arbeitskräftemangel ist es für Arbeitsmarktdienstleister deutlich schwieriger, erfolgreich zu sein“, sagt Carlos Frischmuth, Managing Director bei der Firma Hays, die auf die Vermittlung von Fach- und Führungskräften spezialisiert ist.
„Der Anspruch der Kandidatinnen und Kandidaten ist heute deutlich höher, da es viel mehr Angebote im Markt gibt“, sagt Frischmuth. Hays müsse deutlich mehr in eigenes Rekrutierungspersonal und Technologie investieren, um noch erfolgreich sein zu können.
Der Anteil der Beschäftigten, die aus der Arbeitslosigkeit heraus in die Zeitarbeit wechseln, ist in den zurückliegenden Jahren immer weiter gesunken. Bei den von Lünendonk befragten Unternehmen lag er zuletzt bei rund 42 Prozent.
In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit Mitte der 2000er-Jahre wurden Werte von um die 70 Prozent erreicht.
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Allerdings ist der Bewerbermangel mittlerweile nicht mehr das größte Erfolgshindernis für die Zeitarbeitsfirmen. Aktuell bereitet die schwache Konjunktur den von Lünendonk befragten Unternehmen noch größere Sorgen.
Künstliche Intelligenz verändert die Zeitarbeitsbranche
Zwei von drei der befragten Zeitarbeitsunternehmen sind der Auffassung, dass Künstliche Intelligenz (KI) die Rekrutierung in ihrer Branche verändern wird. Noch größer wird der Einfluss auf das Marketing eingeschätzt.
Von den Unternehmen, die bereits KI einsetzen, tun 60 Prozent dies für die Erstellung oder Optimierung von Stellenanzeigen. Chatbots für Bewerberinnen und Bewerber nutzen rund 29 Prozent der Zeitarbeitsfirmen, 26 Prozent gleichen mit KI ab, ob Kandidatinnen oder Kandidaten auf eine Stelle passen könnten.
Erstpublikation: 13.05.2024, 04:07 Uhr.