Arbeitsmarkt: Rezession dämpft Fachkräftemangel – behebt ihn aber nicht
Berlin. Am Arbeitsmarkt in Deutschland zeigt sich zunehmend ein massives Missverhältnis: Während sich etliche Unternehmen wegen struktureller und konjunktureller Probleme von Personal trennen, haben andere Firmen Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Der Grund: Die Qualifikationen der Bewerber passen nicht zum Anforderungsprofil.
Das ist ein Ergebnis des neuen Fachkräftereports der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Er beruht auf Angaben von rund 23.000 Unternehmen aller Größen und aus allen Branchen. 43 Prozent der Betriebe geben an, nicht alle offenen Stellen besetzen zu können. Trotz der anhaltenden Rezession bleibt der Personalmangel also ein Problem.
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„Fachkräftemangel trifft auf Strukturprobleme – das ist für viele Betriebe eine enorme Herausforderung und für unsere Wirtschaft eine doppelte Wachstumsbremse“, sagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks.
Die wirtschaftliche Schwäche zeigt sich momentan vor allem in der Industrie. Dort gaben „nur“ noch 43 Prozent der Unternehmen an, nicht alle offenen Stellen besetzen zu können – elf Prozentpunkte weniger als bei der Befragung vor einem Jahr. Hohe Energiekosten, wirtschaftliche Unsicherheit, ausbleibende Investitionen und ein harter internationaler Wettbewerb setzten die Industrieunternehmen unter Druck und dämpften die Personalnachfrage, sagte Dercks.
Fachkräfte für die Digitalisierung und Energiewende fehlen
Das trifft aber nicht auf alle Wirtschaftszweige zu. So ist die Bauwirtschaft trotz gedämpfter Bautätigkeit weiter auf der Suche nach neuen Mitarbeitern. 53 Prozent der Unternehmen der Branche klagen über Stellenbesetzungsschwierigkeiten, im Tiefbau sind es mit 61 Prozent noch einmal deutlich mehr. Bei den Dienstleistern können gut vier von zehn Betrieben nicht alle angebotenen Stellen besetzen.
Alarmierend ist aus Sicht der DIHK, dass der Personalmangel vor allem Bereiche betrifft, die grundlegend für die Überwindung der Wachstumsschwäche sind. So fehlen Fachkräfte für die Energiewende, die Digitalisierung oder den Ausbau der Infrastruktur.
Nicht neu ist das Phänomen, dass vor allem Personal mit einem Berufsabschluss knapp ist – sowohl in großen als auch in kleinen Unternehmen. Auch bei der Besetzung dualer Berufsausbildungsstellen tun sich die Unternehmen weiter schwer. Akademiker sind weiterhin vor allem aus den sogenannten MINT-Fachrichtungen knapp, also Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.
Aus Sicht der Unternehmen gäbe es eine Reihe von Stellschrauben, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Dazu zählt die Entlastung von Bürokratie, die Mitarbeiter bindet. So fallen allein im Gastgewerbe durchschnittlich 14 zusätzliche Stunden pro Woche an, um komplexe Vorschriften etwa zur Kassenrichtlinie oder zur Datenschutzgrundverordnung erfüllen zu können.
Jeweils rund vier von zehn befragten Unternehmen wünschen sich eine Stärkung der beruflichen Bildung oder Lockerungen im Arbeitszeitrecht, um verfügbare Arbeitszeit je nach Bedarf besser einsetzen zu können. Jeweils gut ein Drittel der Betriebe spricht sich dafür aus, Arbeitsanreize für Arbeitslose und Bürgergeldbezieher zu stärken und die Fachkräfteeinwanderung weiter zu erleichtern.