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Barmer-Studie Der Trend zu betreutem Wohnen führt zu teurem Wildwuchs in der Pflege

Immer mehr Pflegebedürftige leben in betreuten Wohngemeinschaften. Eine neue Studie zeigt aber: Das ist teuer und schlecht für die Pflegequalität.
28.11.2019 - 12:52 Uhr Kommentieren
Aktuell gibt es demnach bundesweit bis zu 8000 betreute Wohnanlagen und 4000 Pflege-Wohngemeinschaften. Quelle: dpa
Pflegerin schiebt Frau im Rollstuhl

Aktuell gibt es demnach bundesweit bis zu 8000 betreute Wohnanlagen und 4000 Pflege-Wohngemeinschaften.

(Foto: dpa)

Berlin Bei der Pflege in Deutschland gilt ein einfacher Grundsatz: Die ambulante Hilfe ist der stationären Unterbringung in einem Heim vorzuziehen. Der Gedanke dahinter: Pflegebedürftige Menschen sollen möglichst lange in den eigenen vier Wänden bleiben können.

Zwischen Pflegeheimen und der Versorgung zu Hause hat in den vergangenen Jahren eine Zwischenform stark an Bedeutung gewonnen: Betreutes Wohnen mit angeschlossener Tagespflege. Das hat seinen Preis. Laut einer Studie der Krankenkasse Barmer führen diese Wohnanlagen und Pflege-WGs zu erheblichen Mehrausgaben im System – ohne aber dass sich die Qualität verbessert.

Aktuell gibt es demnach bundesweit bis zu 8000 betreute Wohnanlagen und 4000 Pflege-Wohngemeinschaften. Etwa ein Drittel dieser Einrichtungen ist in den vergangenen zehn Jahren entstanden. Und allein 2018 seien weitere 340 Anlagen mit 10.000 Pflegeplätzen in Bau oder zumindest in Planung gewesen.

Derzeit wohnen der Studie zufolge rund 181.000 Pflegebedürftige in diesen Einrichtungen. „Die Wohnformen sind für die Bewohner und Betreiber zwar finanziell attraktiv, unterliegen aber keinem Qualitätssicherungsverfahren wie die Heime“, sagte Barmer-Chef Christoph Straub am Donnerstag in Berlin.

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    Die Qualitätsstandards für die heimähnlichen Häuser sind geringer als in der stationären Pflege. Vorgaben zum Anteil der Pflegefachkräfte am Personal existieren nicht, auch der Brandschutz und hygienische Anforderungen sind weniger stark reglementiert.

    Die Studie führt mehrere Indizien an, dass fehlende Standards zu Versorgungsdefiziten führen können. So seien neue Fälle von Wundliegen in betreutem Wohnen zu 66 Prozent wahrscheinlicher als im Pflegeheim.

    Grafik

    Während 86,6 Prozent der Pflegeheimbewohner einmal im Monat ihren Hausarzt sähen, sei dies in betreutem Wohnen und in Wohngemeinschaften nur bei rund 80 Prozent der Bewohner der Fall. Außerdem müssten Pflegebedürftige in Wohngruppen häufiger wegen Beschwerden ins Krankenhaus, die sich eigentlich ambulant sehr gut behandeln ließen.

    Barmer-Chef Straub forderte, dass endlich bundesweit einheitliche Qualitätsmaßstäbe für neue Wohn- und Pflegeformen entwickelt werden müssten. Außerdem müssten die Bundesländer schnell für transparente Übersichten über die Angebote vor Ort und deren Qualität sorgen.

    Nicht selten entscheiden sich Pflegebedürfte für betreute Wohnformen, weil sie sich mehr Selbstbestimmtheit und Lebensqualität erhoffen. Der Boom der Einrichtungen hat aber auch damit zu tun, dass sie sich sowohl für Betreiber als auch für Bewohner rechnen.

    Durch das geschickte Kombinieren von Elementen der ambulanten und stationären Pflege mit Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung können die Betreiber teilweise das Doppelte pro Patient aus den Sozialkassen abrufen. Der Vorteil für die Bewohner der quasi-stationären Einrichtungen wiederum ist, dass sie deutlich geringere Eigenanteile als bei der Pflege in einem Heim zahlen müssen.

    Die Folge seien „Mehrausgaben für die Sozialversicherung, die dazu führen, dass die entsprechenden Mittel an anderer Stelle fehlen“, sagte Studienautor Heinz Rothgang von der Universität Bremen. Diese zusätzlichen Kosten hätten alleine im vergangenen Jahr rund 400 Millionen Euro betragen.

    Auf einen Schlag 561 Millionen Euro Mehrkosten möglich

    Die neuen Geschäftsmodelle in der Pflege seien „für alle attraktiv bis auf die Beitragszahler“, so Rothgang. „Wir müssen sicherstellen, dass Mehrausgaben in solchem Umfang wirklich nur entstehen, wenn sie durch Qualitätssteigerungen gerechtfertigt sind.“

    Straub prophezeit: „Setzt sich der Trend ungebremst fort, würde das den Pflegemarkt komplett neu ordnen.“ Die klassische Aufteilung in ambulante und stationäre Pflege würde durch neue Versorgungsformen verdrängt, bei denen Leistungen aus beiden Bereichen finanziell optimiert werden. Der Barmer-Chef hat die Sorge, „dass ökonomischen Anreize die Pflege bestimmen und nicht die Bedarfe der Pflegebedürftige und die Qualität der Versorgung“.

    Weitere Mehrausgaben wären unausweichlich. Barmer-Chef Straub rechnet vor: Würden alle Heimbewohner mit dem mittelschweren Pflegegrad 2 heute in eine betreute Wohnform wechseln, hätte das auf einen Schlag Zusatzkosten von 561 Millionen Euro für die Sozialkassen zur Folge.

    Im ersten Halbjahr 2020 will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) seine Pläne für eine Reform der Pflegefinanzierung vorstellen. In der Diskussion geht es vor allem um die hohen Eigenanteile in Pflegeheimen. Angesichts der stark steigenden Ausgaben in der Pflegeversicherung hat das Gesundheitsministerium aber auch ein Auge auf überteuerte Strukturen geworfen.

    Mehr: Die Pflege-Finanzierung wird künftige Generationen vor Herausforderungen stellen. Eine Studie untersucht, wie Lasten gerecht verteilt werden können.

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