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Corona-Vakzin Impfungen mit Astra-Zeneca ausgesetzt – Zeitplan könnte sich um einen Monat verschieben

Gesundheitsminister Spahn spricht von einer „reinen Vorsichtsmaßnahme“. Der Verzicht auf Astra-Zeneca könnte den Impfplan allerdings um Wochen zurückwerfen, zeigt eine Modellrechnung.
15.03.2021 Update: 16.03.2021 - 00:35 Uhr 2 Kommentare
Deutschland setzt die Impfung mit dem Präparat von Astra-Zeneca vorsorglich aus. Quelle: Getty Images
Impfung

Deutschland setzt die Impfung mit dem Präparat von Astra-Zeneca vorsorglich aus.

(Foto: Getty Images)

Berlin, Frankfurt Deutschland setzt Corona-Impfungen mit dem Präparat des Herstellers Astra-Zeneca vorerst aus. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) folgte am Montag damit einer Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), das nach neuen Meldungen von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung weitere Untersuchungen für notwendig hält.

„Die Entscheidung ist eine reine Vorsichtsmaßnahme“, sagte Spahn. Astra-Zeneca werde „in vielen Ländern auf der Welt millionenfach verimpft“. Der Minister erklärte: Es handele sich um eine „fachliche und nicht um eine politische Entscheidung“.

Die Aussetzung der Impfungen hat aber sehr wohl große politische Auswirkungen. Je nachdem, wie lange die Überprüfung von möglichen Komplikationen durch Blutgerinnsel nach der Impfung dauert, könnte die deutsche Impfstrategie ins Wanken geraten.

Erst Anfang des Monats hatte die Ständige Impfkommission (Stiko) empfohlen, das Mittel von Astra-Zeneca auch für die Altersgruppe der über 65-Jährigen zuzulassen. Das britisch-schwedische Vakzin spielt eine wichtige Rolle bei den Planungen von Bund und Ländern, im April die Arztpraxen flächendeckend in die Impfungen einzubinden.

„Uns allen ist die Tragweite der Entscheidung sehr bewusst“, sagte Spahn. Es gehe auch um das Vertrauen in den Impfstoff. Nach Ansicht des Ministers lässt sich das Vertrauen aber am besten durch „Transparenz“ und die Berücksichtigung von fachlichen Empfehlungen bewahren. Über die Auswirkungen auf die Impfkampagne in Deutschland wollte er nicht spekulieren. Dies müsse man sich „in den nächsten Tagen“ anschauen.

In einer Pressekonferenz hat der Bundesgesundheitsminister den Schritt der Bundesregierung erläutert. Quelle: Reuters
Jens Spahn

In einer Pressekonferenz hat der Bundesgesundheitsminister den Schritt der Bundesregierung erläutert.

(Foto: Reuters)

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsidenten Armin Laschet wurde am Abend klarer: „Das wird viele Strategien wieder verändern“, sagte der CDU-Vorsitzende im ZDF. „Wir haben darauf gesetzt, dass wir jetzt sehr schnell, sehr breit impfen, den Stoff sogar zu den Hausärzten geben. Und jetzt ist er gar nicht mehr da, jedenfalls nicht die nächsten Tage.“ In Nordrhein-Westfalen seien die Impfungen sofort gestoppt und die Bürger informiert worden.

Am Mittwoch schalten sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder zu Beratungen über die Impfstrategie zusammen. Die Videokonferenz war schon vor dem Astra-Zeneca-Rückschlag geplant und sollte sich eigentlich mit der Frage von Impfungen durch die Hausärzte befassen. Nun könnte es um die Frage gehen, ob möglicherweise das Impfversprechen bis Ende des Sommers auf der Kippe steht.

Impfzeitplan könnte gefährdet werden

Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) rechnet damit, dass es den Impfzeitplan der Bundesregierung um mehrere Wochen zurückwerfen könnte, wenn ab sofort ohne das Vakzin von Astra-Zeneca geimpft würde. „Dies würde das Impfergebnis um einen Monat rechnerisch nach hinten verschieben“, sagte ZI-Chef Dominik von Stillfried dem Handelsblatt.

Dann hätten statt im August erst im September alle Bürger eine zweite Impfung erhalten. Die Angehörigen der fünften Risikogruppe, also alle Menschen über 60, wären erst Anfang Juli durchgeimpft. Das ZI geht in dem Modell davon aus, dass die bislang zugelassenen Mittel von Johnson & Johnson, Moderna und Biontech/Pfizer in den zugesagten Mengen geliefert werden und die Hausärzte frühstmöglich impfen können.

CSU-Chef Markus Söder hat sich für mehrere Maßnahmen ausgesprochen, um die Zeit des Impfstoffmangels bis zu größeren Liefermengen zu überbrücken. Der Zeitraum zwischen Erst- und Zweitimpfung sollte weiter gestreckt werden, schlug der bayerische Ministerpräsident am Montagabend in der ARD vor. „Zweitens die Ärzte frühzeitig einbinden, möglicherweise in den Hotspots beginnend“, forderte er weiter. Als Drittes sollte „die Impfbürokratie“ deutlich verschlankt werden.

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„Es braucht auch zu viel Zeit, um in der recht starren Impffolge, die wir jetzt haben, auch möglichst schnell und viel zu verimpfen“, erklärte Söder. Es brauche da mehr Freiheit. „Dann könnten wir, glaube ich, schon noch einen Schritt nach vorne machen, bis dann hoffentlich im April mehr Impfstoff kommt.“ Er glaube nicht, dass die Impfungen mit dem Präparat von Astra-Zeneca generell ausgesetzt blieben. Es würden nach der Prüfung der Vorfälle im Zusammenhang damit noch viele Gruppen geimpft werden können, sagte Söder.

Das rät das Paul-Ehrlich-Institut

In Deutschland wurden laut Robert Koch-Institut bislang rund 1,7 Millionen Dosen des Impfstoffs von Astra-Zeneca verabreicht, bei rund 9,4 Millionen Erst- und Zweitimpfungen insgesamt. Spahn sagte, dass für die „allerallerallermeisten“ kein Risiko bestehe. Aber ein Zusammenhang mit Blutgerinnseln könne derzeit „nicht vollständig ausgeschlossen“ werden. Die Aussetzung betrifft demnach sowohl Erst- als auch Folgeimpfungen.

Das PEI erklärte, dass „eine auffällige Häufung einer speziellen Form von sehr seltenen Hirnvenenthrombosen (Sinusvenenthrombosen) in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) und Blutungen in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit dem Covid-19-Impfstoff von Astra-Zeneca“ festgestellt worden sei. Von den sieben in Deutschland aufgetretenen Fällen mit Thrombosen (Blutgerinnseln) der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang zur Impfung sind drei tödlich verlaufen, sagte PEI-Präsident Klaus Cichutek am Montagabend in den ARD-„Tagesthemen“.

„Die Bürgerinnen und Bürger wollen sich darauf verlassen, dass die Impfstoffe, die wir zulassen, sicher und wirksam sind“, begründete er die Aussetzung. „Ich glaube, wir haben hier eine besondere Verpflichtung.“

Menschen, die sich mehr als vier Tage nach einer Astra-Zeneca-Impfung zunehmend unwohl fühlten, sollten sich „unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben“. Als mögliche Beschwerden nannte die Behörde „starke und anhaltende Kopfschmerzen oder punktförmige Hautblutungen“. Geimpfte haben dem PEI nach nichts mehr zu befürchten, wenn ihre Impfung 16 Tage zurückliegt.

Ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffs auswirken, soll nun die Europäische Arzneimittelbehörde Ema entscheiden. Sie will am Donnerstag auf einer Sondersitzung die vorliegenden Informationen über das Vakzin bewerten. Spahn sagte: „Wir setzen jetzt darauf, dass die Ema idealerweise noch im Laufe der Woche zu einer Entscheidung und Empfehlung kommt.“

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Vor Deutschland hatten bereits die Niederlande, Irland, Dänemark, Norwegen und Island den Einsatz des Impfstoffs vorübergehend ausgesetzt. Am Montag stoppten auch Italien, Frankreich, Spanien, Portugal, Slowenien und Zypern die Impfungen mit Astra-Zeneca.

Der Pharmakonzern hatte seinen Covid-19-Impfstoff noch am Sonntagabend verteidigt. Man sehe kein erhöhtes Risiko von Blutgerinnseln in Zusammenhang mit dem Vakzin, erklärte Astra-Zeneca. Eine sorgfältige Analyse aller verfügbaren Sicherheitsdaten von mehr als 17 Millionen Menschen, die in der Europäischen Union und in Großbritannien mit dem Mittel geimpft worden seien, habe keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko einer Lungenembolie, einer tiefen Venenthrombose oder eines Rückgangs der Zahl der Blutplättchen ergeben.

Astra-Zeneca erklärte, bislang seien 15 Fälle einer tiefen Venenthrombose und 22 Fälle einer Lungenembolie gemeldet worden. Das seien weit weniger Fälle, als normalerweise in einer Bevölkerungsgruppe dieser Größenordnung aufträten, und vergleichbar mit anderen zugelassenen Covid-19-Impfstoffen.

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2 Kommentare zu "Corona-Vakzin: Impfungen mit Astra-Zeneca ausgesetzt – Zeitplan könnte sich um einen Monat verschieben"

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  • Was für ein Chaos! Hätte nie gedacht, dass ich mir mal Karl Lauterbach als Bundesgesundheitsminister wünschen würde. Auch wenn man seine Prognosen/Strategien nicht hören will, sie haben/hätten bislang immer ins „Schwarze“ getroffen.

  • Irgendwie habe ich das Gefühl die Geschichte kommt der Berliner Bande gerade richtig, um von ihrem permanenten Versagen bei den Impfungen und der Handhabung der Lockdowns abzulenken. Vieleicht bin ich mittlerweile etwas paranoid, aber der Schluß bietet sich förmlich an. Damit ist eine weitere Verzögerung auf die Hersteller abgewälzt. Was auch nicht oft erwähnt wird, sind die komplett dummen Verträge der EU -für die Lieferung der Impfstoffe, als ich die gelesen hatte ( die ungenügend geschwärzte Version) wußte ich endgültig Bescheid über die Qualifikation dieser Herrschaften. Das passt dann auch zum jetzigen Verlauf. Erst wird über Astra-Zeneca Lieferverzögerungen und Reduktion des Lieferumfanges geschimpft. Verträge geben aber nichts her um dagegen anzugehen. Also muß etwas gefunden werden um ein Aussetzen der Impfungen mit dem Stoff zu begründen. Ein Schelm, wer....

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