Digitalexpertin: „Man kann sich Robert Habeck extrem nahe fühlen“
Düsseldorf. Junge Menschen informieren sich fast nur noch über soziale Medien. Politikerinnen und Politiker entwickeln sich im Wahlkampf deshalb zu Influencern und vermitteln ein Gefühl vermeintlicher Vertrautheit und Intimität.
Die Professorin und Digitalexpertin Hanne Detel ordnet dieses Phänomen im Handelsblatt-Interview ein. Sie erklärt, was die Selbstinszenierung mit dem Wahlkampf macht und ob klassische Zeitungen dadurch vollkommen bedeutungslos werden.
Frau Detel, lesen junge Menschen überhaupt noch gedruckte Zeitungen?
Menschen unter 25 lesen fast gar keine gedruckten Zeitungen mehr. Wenn man sich die aktuellen Zahlen anschaut, sind es laut dem Reuters Institute Digital News Report 2024 gerade mal noch zehn Prozent der 18- bis 24-Jährigen, die Printmedien als Nachrichtenquelle nutzen.
Also erreichen wir klassischen Medien die jungen Leute gar nicht mehr?
Am ehesten noch über die sozialen Medien, wenn sie dort auf Beiträge der klassischen Medien stoßen. Aber das ist dann vor allem sogenannter „snackable content“ – also kurzer, leicht konsumierbarer Inhalt – und eher Soft News als wirklich harte Fakten. Ausnahmen sind Podcasts, da funktionieren auch längere Formate.
Was sind denn die Folgen dieses Medienkonsums?
Eine Folge ist, dass die Diversität der nachrichtlichen Inhalte, mit denen junge Menschen konfrontiert sind, zunächst einmal breiter geworden ist. Es liegt nicht mehr nur eine Tageszeitung auf dem Tisch. In den sozialen Medien sind Inhalte sehr vieler unterschiedlicher journalistischer Quellen verfügbar.
Das klingt erst mal gut.
Einerseits schon. Andererseits werden oft nur die Teaser-Texte wahrgenommen. Die jungen Menschen haben dann zwar das Gefühl, gut informiert zu sein, aber diese Informationen gehen nicht besonders in die Tiefe. Außerdem sind die sozialen Medien so entwickelt, dass sie mithilfe personalisierter Algorithmen das Verhalten und die Präferenzen von Nutzern analysieren und daraufhin maßgeschneiderte Inhalte anzeigen. Wenn eine Person Instagram nutzt, dann sieht der Newsfeed ganz anders aus als bei einer anderen Person. Das Gleiche gilt auch für die Google-Suche.
Das Phänomen der „Filterblasen“
Genau. Wir bekommen also unterschiedliche Informationen angezeigt, je nachdem, wofür wir uns vorher interessiert haben und wie wir uns verhalten haben. Das verändert natürlich das Bild, das wir von der Welt bekommen, weil es bei jedem ein bisschen anders aussieht.
Das hört sich an, als würden wir in unterschiedlichen Realitäten leben, je nachdem, in welchem Newsfeed wir unterwegs sind.
Im Extremfall kann das sein. Aber Studien zeigen, dass dies vor allem bei Menschen vorkommt, die ohnehin schon extreme Meinungen vertreten. Dann handelt es sich aber eher um selbst gewählte Echokammern. Räume also, in denen ich nur mit meiner eigenen Meinung konfrontiert bin. Da werden gegenteilige Standpunkte gar nicht erst zur Sprache gebracht, und Fake News haben eine gute Chance, sich zu verbreiten.
Ist das vor allem bei Anhängern der AfD der Fall?
Es gibt natürlich geschlossene Räume, Diskussionsgruppen zum Beispiel, in denen ein regelrechter Rückzug stattfindet. Andererseits sehen wir auch, dass Parteien wie die AfD sehr stark in die breitere Öffentlichkeit hineinwirken möchten. Tiktok zum Beispiel ist eine Plattform, die von jungen Menschen in einem hohen Maß genutzt wird. Dort sieht man, dass Accounts von AfD-Politikerinnen und -Politikern die meisten Followerinnen und Follower haben.
Woher kommt das?
Um ein hohes Maß an Aufmerksamkeit zu erlangen, müssen die Accounts stark polarisieren. Deshalb tun sich gemäßigte Politikerinnen und Politiker, aber auch klassische Medien dort auch schwerer. Einerseits müssen sie zugespitzte und oft auch vereinfachte Inhalte präsentieren, um auf Tiktok erfolgreich zu sein. Andererseits widerspricht dies oftmals den Ansprüchen an die eigene Seriosität. Journalistische Medien geben ja auch ein Qualitätsversprechen ab.
Der grüne Spitzenkandidat Robert Habeck nutzt die sozialen Medien für eine sehr persönliche Ansprache. Diese persönliche Ebene hätte man mit Politikern früher nicht gehabt.
Die sozialen Medien liefern die Möglichkeit, an Menschen direkt heranzutreten und eine gefühlte Intimität aufzubauen. Influencer nutzen diese Strategie in Perfektion und sind deswegen auch erfolgreich. Mit den gleichen Mitteln arbeitet Robert Habeck im Augenblick auch. Mithilfe der filmischen Elemente, des gewählten Settings und der Art der Ansprache kann man sich extrem nahe fühlen. Als Politikerin oder Politiker kann ich so eine andere Bindung aufbauen als früher.
Ich komme Robert Habeck durch die sozialen Medien also besonders nahe?
Sicherlich entsteht dabei ein Gefühl der Nähe und der Intimität beim Publikum. Allerdings handelt es sich dabei nicht um Intimität im herkömmlichen Sinne – eine vertraute wechselseitige Beziehung wie mit einer Freundin oder einem Freund. Die Medienwissenschaftler Alice Marwick und Danah Boyd sprechen von einer „performed intimacy“, die über die Entfernung hinweg erzeugt wird.
Das müssen Sie erklären.
Im Unterschied zu einer tatsächlich gelebten intimen Beziehung zwischen zwei sich nahestehenden Menschen ist diese Form der Intimität einseitig. Wir haben das Gefühl, Robert Habeck gut zu kennen, vieles über ihn zu wissen und ihm nah zu sein – obwohl er uns gar nicht kennt. Außerdem entscheidet er sehr bewusst darüber, was er mit der Öffentlichkeit teilt und welche Anteile seines Lebens er in der Online-Welt ausklammert.
Wird der Wahlkampf durch die sozialen Medien also immer personalisierter?
Es gab auch schon früher Personalisierung und Intimisierung im Wahlkampf. Konrad Adenauer ließ Homestorys veröffentlichen, die ihn als treusorgenden Familienvater, als Rosengärtner oder beim Boule-Spielen zeigten. Trotzdem kann im digitalen Zeitalter eine deutliche Zunahme persönlicher Inhalte beobachtet werden. Jede Politikerin, jeder Politiker kann sich über die sozialen Medien direkt an die Öffentlichkeit wenden – und damit aktiv Selbstinszenierung betreiben. Das können dann eben auch (vermeintlich) persönliche oder gar intime Einblicke sein, die seriöse journalistische Medien im prädigitalen Zeitalter so nicht veröffentlicht hätten.
Ist das problematisch?
Zunächst einmal ist es positiv zu bewerten, dass über die sozialen Medien ein direkterer Kontakt zu den Politikerinnen und Politikern möglich ist – man denke etwa an die Möglichkeiten zu liken oder zu kommentieren. Allerdings vertreten Politikerinnen und Politiker naturgemäß einseitige Standpunkte und lassen in ihren Kanälen nur selten widersprechende Perspektiven zu. Wenn sich Menschen in Echokammern begeben und nur noch Politikerinnen und Politikern folgen, die ohnehin schon ihren Meinungen entsprechen, dann ist das bedenklich.
Das hört sich an, als würden wir klassischen Medien keine Rolle mehr spielen. Schließlich sind die Politiker und Bürger im direkten Austausch.
Im Gegenteil, die journalistischen Medien sind sehr wichtig. Es reicht aber nicht aus, die Inhalte der Politikerinnen und Politiker nur zu reproduzieren und ihnen damit eine noch größere Aufmerksamkeit zu schenken. Die Rolle des Journalismus muss es sein, diese Inhalte einzuordnen, auf Richtigkeit zu prüfen und auch anderen Meinungen Gehör zu verschaffen.
Das nehmen wir als Ansporn gern mit. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
Erstpublikation: 27.12.2024, 11:14 Uhr.