Fachkräftemangel: Firmen gehen mit Gesundheitsleistungen auf Talentensuche
Berlin. Im Wettbewerb um Fachkräfte lassen sich Unternehmen immer wieder neue Strategien einfallen, um Talente für sich zu gewinnen. Schließlich fehlen nach Angaben des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aktuell mehr als 530.000 qualifizierte Arbeitskräfte in Deutschland. Ein offenbar immer beliebteres Mittel, Fachkräfte von einem Arbeitgeber zu überzeugen, ist die betriebliche Krankenversicherung (bKV).
Die neuesten Zahlen des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen, zeigen für die betrieblichen Krankenversicherungen im Jahr 2024 einen Wachstumsschub. Die Zahl der Unternehmen, die ihren Beschäftigten eine bKV anbieten, ist um 43,8 Prozent auf 56.000 gestiegen. Im Jahr 2015 waren es erst 6200 Unternehmen.
Auch die Zahl der Beschäftigten, die von einer betrieblichen Krankenversicherung profitieren, hat sich in dieser Zeit stark erhöht. Waren es vor zehn Jahren lediglich 575.000 Beschäftigte, sind es aktuell 2,53 Millionen. „Das zeigt, wie stark sich dieses Angebot in der Unternehmenslandschaft etabliert hat“, sagt David Matusiewicz, Gesundheitsökonom an der FOM Hochschule.
Die betriebliche Krankenversicherung ist eine Zusatzversicherung, die Arbeitgeber für ihre Beschäftigten abschließen. Die Versicherung bietet Gesundheitsleistungen an, die nicht zum offiziellen Erstattungsumfang der gesetzlichen Krankenkassen gehören.
Häufig bieten Unternehmen unterschiedliche Pakete an Zusatzleistungen an. Darunter können etwa Sehhilfen, Naturheilverfahren, zahnärztliche Leistungen oder Arznei-, Heil- und Hilfsmittel fallen. Ebenso können auch Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, Gesundheitskurse oder Entgeltfortzahlungen bei längerer Krankheit zum Leistungsumfang gehören.
Bewusstsein für gesundes Leben
Matusiewicz gibt zu bedenken, dass die Angebote „keinen messbaren medizinischen Nutzen haben“. Dadurch sei nicht zwangsläufig gewährleistet, dass sie die Beschäftigten auch gesünder machten. Oft handele es sich um Marketing.
„Allerdings stärken die Gesundheitsangebote natürlich ein Bewusstsein für ein gesünderes Leben und motivieren Mitarbeitende möglicherweise zu einem gesünderen Lebensstil“, ergänzt der Gesundheitsökonom.
Unter Beschäftigten werden solche Angebote jedenfalls immer beliebter. Eine Umfrage des PKV zeigte vor gut einem Jahr, dass sich rund zwei Drittel der Befragten das Angebot einer betrieblichen Krankenversicherung durch ihren Arbeitgeber wünschen. Unter den 18- bis 29-Jährigen würden sogar 71,9 Prozent solche Angebote begrüßen.
Auch im Vergleich mit anderen Zusatzleistungen der Arbeitgeber schneidet die betriebliche Krankenversicherung gut ab: 44,8 Prozent halten sie für wertvoller als etwa ein Diensthandy oder Tickets für den Nahverkehr.
Der Vorsitzende des PKV-Verbands, Thomas Brahm, ist überzeugt, dass die betriebliche Vorsorge auch den Pflegesektor besser absichern könnte. „Wir brauchen eine ergänzende Säule zur gesetzlichen Pflegeversicherung“, sagt er. Vorsorgeangebote würden in einer alternden Gesellschaft immer wichtiger werden.