Gaucks Kritik: Der darf das!
Bundespräsident Joachim Gauck: Umstrittene Äußerungen lösen Debatte aus.
Foto: dpaBerlin. In Deutschland läuft derzeit eine bizarre Debatte: Die Parteien streiten heftig darüber, was Bundespräsident Joachim Gauck sagen darf und was nicht. Hintergrund sind Gaucks öffentlich geäußerte Bedenken gegen die Regierungsfähigkeit der Linken.
In der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“ hatte Gauck mit Blick auf eine mögliche geplante rot-rot-grüne Koalition in Thüringen die Frage aufgeworfen, ob die Linke „tatsächlich schon so weit weg von den Vorstellungen (sei), die die SED einst hatte bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können“. Es gebe „Teile in dieser Partei, wo ich – wie viele andere auch – Probleme habe, dieses Vertrauen zu entwickeln.“ Und: „Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren.“
Die Empörung ließ nicht lange auf sich warten – und fiel so deutlich aus, dass sich sogar Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Wort meldete. Ihren Sprecher Steffen Seibert ließ sie mitteilen: „Der Bundespräsident ist frei, zu allen wichtigen Themen unserer Gesellschaft zu sprechen.“ Die Linke-Vorsitzende Katja Kipping polterte dagegen: „So etwas gehört sich für einen Präsidenten nicht.“ Gauck habe „effektiv in einer parteipolitischen Auseinandersetzung Partei ergriffen“.
SPD-Vize Ralf Stegner mahnte, Gauck solle sich in strittigen Fragen der aktuellen Parteipolitik zurückhalten, „zumal die Amtsautorität des Staatsoberhauptes auf seiner besonderen Überparteilichkeit beruht“. Und Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) äußerte die Befürchtung, „dass es dem Amt des Bundespräsidenten schadet, wenn sich dieser in die Debatte um die Regierungsbildung in einem Bundesland einschaltet“.
Selbst die SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi schaltete sich ein – mit der Ansicht, dass es 25 Jahre nach dem Fall der Mauer an der Zeit sei, „die Linke zu akzeptieren als eine Partei, die Regierungsverantwortung auf Landesebene übernehmen kann“. Bodo Ramelow, der Linke-Kandidat für das Amt des thüringischen Ministerpräsidenten, sei zudem „niemals Mitglied der SED“ gewesen.
Das dürfte auch Gauck nicht verborgen geblieben sein. Soll er sich deshalb zurückhalten, sich nicht kritisch äußern dürfen? Fakt ist: Die Politik kann dem Bundespräsidenten nicht vorschreiben, wie er sich zu verhalten hat. Was das Staatsoberhaupt darf oder nicht darf, regelt das Grundgesetz – und darüber hinaus das Bundesverfassungsgericht, wenn es geboten ist.
Zuletzt haben die Karlsruher Richter im Sommer dieses Jahres ein Urteil von großer Tragweite gefällt. Damals ist es dem Staatsoberhaupt ausdrücklich erlaubt worden, NPD-Anhänger als „Spinner“ zu bezeichnen. Staatsrechtler sehen daher keinen Grund, wieso Gauck nun mit seinen aktuellen Äußerungen gegen seine Kompetenzen verstoßen haben soll.
Das Bundesverfassungsgericht habe im Juni Aufgaben und Grenzen des Amtes umschrieben. „Danach widerspricht es nicht den Repräsentations- und Integrationsfunktionen des Bundespräsidenten, wenn er - auch zu politischen Parteien - deutlich Stellung bezieht, solange er nicht willkürlich ausgrenzt. Seine aktuellen Äußerungen halten sich klar in diesem Rahmen“, sagte Christian Pestalozza, Verfassungsrechtler an der Freien Universität zu Berlin, dem Handelsblatt (Online-Ausgabe).
Gaucks Aussagen gäben „eine nachvollziehbare und offenbar öfter geteilte Sorge“ wider, sagte der Jurist weiter. „Sollten sie das eine oder andere Mitglied der Thüringer SPD beeindrucken, so wäre auch dies kein Grund, eine Grenzüberschreitung anzunehmen“, fügte Pestalozza hinzu. Die SPD-Mitglieder in Thüringen können heute noch ihr Votum zur möglicherweise ersten rot-rot-grünen Landesregierung in Deutschland abgeben. „Unabhängig davon: Sollte es zu Rot-Rot-Grün kommen, gibt dies der Thüringer Linken die beste Gelegenheit, die Sorge des Bundespräsidenten zu zerstreuen“, so Pestalozza.
Ähnlich äußerte sich der Rektor der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer, Joachim Wieland. Wieland hatte als Prozessbevollmächtigter des Bundespräsidenten in dem Organstreitverfahren, das die NPD gegen ihn angestrengt hatte, das Urteil erstritten, in dem die Karlsruher Richter dem Bundespräsidenten für seine Äußerungen einen weiten Spielraum zugebilligt haben. „Der Bundespräsident darf in Wahrnehmung seiner Repräsentations- und Integrationsaufgabe auf von ihm identifizierte Fehlentwicklungen und Risiken hinweisen, auch wenn die von einer bestimmten politischen Partei ausgehen“, sagte Wieland dem Handelsblatt (Online-Ausgabe).
Äußerungen des Bundespräsidenten seien nach der Verfassungsrechtsprechung nicht zu beanstanden, solange sie erkennbar einem Gemeinwohlziel dienten und nicht auf die Ausgrenzung einer Partei um ihrer selbst willen angelegt seien, fügte Wieland zur Begründung hinzu. Er sei überdies „von Verfassungs wegen“ nicht verpflichtet, sich am Leitbild eines „neutralen“ Bundespräsidenten zu orientieren. „Seine kritischen Äußerungen zu den politischen Vorstellungen der Linkspartei halten sich noch innerhalb dieses verfassungsrechtlichen Rahmens“, betonte Wieland.
Dass Gauck mit seinen Äußerungen aneckt, ist nicht überraschend. Schon in der Vergangenheit hat der frühere Pastor, DDR-Bürgerrechtler und Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen mit öffentlichen Stellungnahmen Diskussionen ausgelöst.
Etwa zum Thema Krieg und Frieden, als er am 14. Juni 2014 sagte: „In diesem Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben unschuldiger Menschen ist es manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen.“ Oder zu Russland und der Ukraine: „Vor unseren Augen wird internationales Recht gebrochen, wird Waffengewalt als erstes Mittel der Politik angewendet.“ (am 1. September 2014 in Danzig) Oder zur DDR: „Die DDR war ein Unrechtsstaat.“ (am 9. Oktober 2014 in Leipzig).
Gauck ist im Übrigen nicht der erste Bundespräsident, der den Politikbetrieb aufmischt. Das hat auch damit zu tun, dass das Grundgesetz dem Staatsoberhaupt nur wenig konkrete Macht verleiht. Er ist in erster Linie Repräsentant, ein König der Worte: Als Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ bezeichnete, stieß dies eine breite Debatte an. Roman Herzogs „Ruck“-Forderung wurde wohl vor allem deshalb gern zitiert, weil nie so ganz klar war, wer genau wohin rucken soll. Und von Christian Wulff wird, wenn die Peinlichkeiten um seinen Rücktritt endgültig verblasst sind, wahrscheinlich ein Satz bleiben: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“
Auch Wulffs Islam-Äußerung provozierte harsche Reaktionen. Erregungen solcher Art verlieren sich jedoch mit der Zeit wieder. Wohl auch, weil es wenig zielführend erscheint, wenn als Konsequenz gefordert wird, dem Präsidenten bei seinen Äußerungen engere Grenzen zu setzen.
Was davon zu halten ist, hat schon das Bundesverfassungsgericht anklingen lassen, als Anfang des Jahres der Verfassungsrichter Peter Huber in der Verhandlung zur NPD-Klage gegen Gauck erklärte, dass in Karlsruhe dann jede Rede des Bundespräsidenten „nach semantischen Nuancen“ durchforscht werden müsste.
Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle gab zu bedenken, dass auch allgemeine Aussagen - etwa „Ich möchte nicht in einem Land der sozialen Kälte leben“ – immer als Stellungnahme für oder gegen eine bestimmte Partei verstanden werden könnten. Der Präsident, so Voßkuhle damals, habe außer dem Wort nicht viele Befugnisse. „Gehört es nicht auch dazu, dann stark aufzutreten? Mit Polemik, Ironie, Humor?“
Einen solchen Bundespräsidenten wünscht sich – wer hätte das gedacht – sogar einer der umstrittensten Abgeordneten der Linksfraktion im Erfurter Landtag: der frühere Stasi-Mann Frank Kuschel (Deckname „Fritz Kaiser“). „Ein Bundespräsident darf alles sagen, die Menschen können das selbst bewerten“, sagte Kuschel dem Handelsblatt (Online-Ausgabe).
Geschichte sei ein Prozess, nicht nur bei der Linken, sagte Kuschel, der einst für die Staatssicherheit der DDR als IM „Fritz Kaiser“ tätig war, weiter. „Ich denke, Joachim Gauck hat es als Appell an unsere Partei gemeint.“ Er gehe davon aus, dass der Bundespräsident auch an andere Parteien politische Appelle richten werde. „Verdrängung ist schon immer eine deutsche Strategie gewesen. Gauck macht es anders.“