Immobilien: Der Bundespräsident zieht um – was der Holzbau leisten kann
Berlin. Wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Frühjahr 2026 aus dem sanierungsbedürftigen Schloss Bellevue vorübergehend in das Ausweichquartier nahe des Berliner Hauptbahnhofs umzieht, erwartet ihn ein Kontrastprogramm.
Das Bürogebäude für Bundesbehörden in der Elisabeth-Abegg-Straße, kurz BEA genannt, wird ein Neubau statt glamourösem Prachtbau sein, die Fassade ist nicht festlich weiß, sondern fällt auf mit bunten Keramikelementen.
Und es gibt einen weiteren Unterschied: Das inzwischen fast fertige Gebäude wird in Holzhybridbauweise errichtet, das heißt: Stahlbeton bis zum ersten Obergeschoss, darüber vorgefertigte Holzmodule, vor allem aus zertifiziertem Fichtenholz aus Süddeutschland und der Steiermark. In der sechsten Etage gibt es zwei große Versammlungssäle, ebenfalls aus Holz gebaut.
Schneller, leiser, ressourcenschonender
Lorenz Nagel kann sich keine bessere Werbung für den seiner Meinung nach häufig unterschätzten Baustoff vorstellen als die Nutzung durch den prominenten künftigen Hausherrn. Der Architekt, der als Geschäftsführer des Projektentwicklers Primus Developments auch beim Bau von BEA mit von der Partie, hat sich seit Jahren vollständig auf das Bauen mit Holz spezialisiert und ist als Botschafter der Initiative „Koalition für Holzbau“ ein unermüdlicher Fürsprecher für den Baustoff.
Die Initiative sieht im Holzbau einen systematischen Hebel zur Entlastung des angespannten Wohnungsmarkts und zur Umsetzung von Klimazielen. Aufgrund des Klimawandels muss die Welt nachhaltiger werden. Laut der Deutschen Bundesstiftung Umwelt fallen etwa 40 Prozent des weltweiten Ressourcenverbrauchs im Bau an.
Zusätzlich ist die Bauindustrie für etwa 30 Prozent der globalen klimaschädlichen CO2-Emissionen verantwortlich. Der Einsatz von Holz verbessert die ökologische Bilanz: So braucht es zum Bauen weniger Zement, bei dessen Produktion viel CO2 entsteht. Holz dagegen speichert CO2.
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Bauen mit Holz stehe exemplarisch für eine neue Generation des Bauens, lautet die Botschaft der Initiative: schneller, leiser, ressourcenschonender – egal ob für Büros oder im Wohnungsbau.
Zwar brauche es in der Regel eine etwas längere Planung, heißt es bei den Experten. Dafür lasse sich die Bauzeit im Vergleich zu konventionellen Projekten halbieren, vor allem deswegen, weil Holzbauprojekte grundsätzlich vorgefertigt werden.
Das wiederum mindert den Lärm und die Schmutzbelastung auf den Baustellen und damit die Zahl von Anwohnerbeschwerden, sagt Nagel. Die Gesamtkosten im Holzbau im Vergleich zum Bauen mit Beton und Stahl seien nicht höher, „wenn man es richtig anstellt“, sagt der Architekt. „Sonst würde ich wohl kaum so bauen.“
Auch Vonovia sieht Potenzial
Die beiden Unternehmen wollen mit diesem ersten gemeinsamen Projekt nachweisen, dass Nachverdichtungen in innerstädtischer Lage in serieller Holzbauweise nachhaltig und wirtschaftlich realisierbar sind.
Wand- und Deckenelemente werden am Hauptsitz von Gropyus, in Richen in Baden-Württemberg, industriell mit Robotern vorgefertigt, im Lastwagen nach Berlin transportiert und per Kran über das Vorderhaus zur Baustelle gehievt. Der kleine Zugang zum Hinterhof ist zu schmal.
Doch es geht schnell voran. Erst Anfang Juni war Baubeginn, inzwischen ist Gropyus bei der zweiten Etage angelangt. Bereits im Frühjahr 2026 soll das Haus bezugsfertig sein.
Ein drittes Holzbauprojekt in Berlin ist das Schumacher-Quartier auf dem Areal des ehemaligen Flughafens Tegel. Hier soll ein ganzes Stadtquartier in serieller Holzbauweise entstehen – mit etwa 5000 Wohnungen, Schulen und Kitas. Nach Darstellung der Holzbauinitiative ist es das größte Holzbauprojekt Europas.
50 Prozent der Wohnungen hier errichten Berlins landeseigene Wohnungsbaugesellschaften Degewo, Gesobau und Gewobag. 40 Prozent werden an Wohnungsbaugenossenschaften und Baugruppen sowie zehn Prozent an gemeinwohlorientierte Anbieter etwa für Studentenwohnungen vergeben.
Der Start der Holzmodulproduktion ist für Anfang 2027 vorgesehen, Mitte 2028 sollen die ersten Mieter einziehen. Mitte der 2030er-Jahre soll das gesamte Quartier fertiggestellt werden.
Luft nach oben
Bauen mit Holz nimmt deutschlandweit zu. Seit 2020 beobachtet das Analyseunternehmen Bulwiengesa einen deutlichen Anstieg bei den Fertigstellungen von Holzbauvorhaben. Mitte 2023 lag die Holzbauquote dennoch nur bei 2,5 Prozent. Hier sei also noch Potenzial – vor allem beim Bau von mehrgeschossigen Häusern.
Einige Gründe für die niedrige Quote hat Bulwiengesa schon damals beschrieben: Die Bauordnungen vieler Bundesländer erschweren in Deutschland das Bauen mit Holz. Häufig erfordere es Zusatzgutachten und auch Zulassungen. „Bauen mit Holz wird immer noch ein bisschen exotisch betrachtet“, bestätigt Primus-Chef Nagel. Er meint: Wenn Gutachten etwa im Brandschutz für Einzelfallentscheidungen nötig seien, sollten sie auch bei weiteren Projekten anerkannt werden.
Die „Koalition für Holzbau“ hofft deswegen auf Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD). Zwar hatte schon 2023 das Kabinett der damaligen Ampel-Regierung aus SPD, Grünen und FDP eine sogenannte Holzbauinitiative beschlossen, um den Wertstoff voranzubringen. Passiert sei seitdem allerdings wenig, moniert die Initiative.
Auf Nachfrage des Handelsblatts heißt es nun in Hubertz’ Ministerium, „wesentlich für die Bundesregierung“ sei die Schaffung eines „Level-Playing-Fields“ für den Baustoff Holz im Hochbau, also gleiche und faire Wettbewerbsbedingungen. „Ungerechtfertigte Hindernisse des Holzbaus sollen ausgeräumt und damit der Einsatz des Baustoffs Holz vereinfacht werden.“
Für Ende November plant die Regierung einen „Runden Tisch“ mit Ländern und kommunalen Spitzenverbänden, teilte das Ministerium mit. Auf finanzielle oder steuerliche Anreize zur Förderung des Holzbaus dürfte die Koalition indes vergeblich hoffen. Eine spezielle Holzbauquote lehnt Hubertz ab.