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KlimaneutralitätStudie: Ohne Hilfen kann die deutsche Stahlindustrie nicht überleben

Auf dem Weg zur Klimaneutralität muss die Stahlbranche massive Investitionen stemmen. Ohne Hilfe des Staates geht das nicht. Doch die Bundesregierung hat noch kein Konzept.Klaus Stratmann 08.12.2020 - 14:57 Uhr Artikel anhören

Die klassische Hochofenroute hat keine Zukunft mehr.

Foto: imago images/Rupert Oberhäuser

Berlin. Das Fazit der Gutachter ist eindeutig: Wenn die deutschen Stahlhersteller die von der Politik definierten Treibhausgas-Reduktionsziele erreichen sollen, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder erfahren die Stahlhersteller „eine hinreichende Unterstützung für eine Transformation hin zu treibhausgasarmen Produktionsverfahren, oder sie scheiden aus dem Markt aus“, heißt es in der Prognos-Studie „Klimapolitische Herausforderungen der Stahlindustrie in Deutschland“, die dem Handelsblatt vorliegt.

Die Umstellung auf treibhausgasarme Verfahren sei aus einzelwirtschaftlicher Sicht heute und auf absehbare Zeit für die Stahlhersteller nicht rentabel, schreiben die Prognos-Experten in der Studie, die von der Wirtschaftsvereinigung Stahl in Auftrag gegeben wurde. Es erscheine daher industriepolitisch und ordnungspolitisch gerechtfertigt, die Stahlindustrie bei der Transformation zu unterstützen.

Die Europäische Union will bis 2050 klimaneutral werden. Dadurch sind die Stahl- und Chemiebranche massiv unter Druck geraten. Um klimaneutral zu werden, muss die Stahlbranche beispielsweise die klassische Hochofenroute komplett ersetzen und auf Verfahren umstellen, die auf dem Einsatz von klimaneutralem Wasserstoff basieren. Das erfordert Milliardeninvestitionen in neue Anlagen. Zugleich steigen die Kosten für den laufenden Betrieb.

Klimaneutral produzierter Stahl ist damit erheblich teurer als konventionell hergestellter Stahl. Auf den Weltmärkten hat klimaneutraler Stahl daher keine Chance. An einer massiven Unterstützung durch die Politik führt damit kaum ein Weg vorbei.

Für den Fall, dass diese Unterstützung ausbleiben sollte, zeichnet die Studie ein düsteres Bild der gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen. Die Autoren weisen auf die enge Verflechtung der Stahlindustrie mit anderen Branchen hin, die sich in einem hohen Wertschöpfungsmultiplikator spiegelt: Sinke die Wertschöpfung im Stahlsektor um einen Euro, fehlten gesamtwirtschaftlich inklusive des Stahlsektors 2,7 Euro, rechnen die Studienmacher vor.

„Berücksichtigt man darüber hinaus, dass Produktionseinschränkungen negative Folgen für Einkommen, Konsum, Gewinne und Investitionen haben, fällt der Wertschöpfungsverlust gegen Ende des Betrachtungszeitraums gesamtwirtschaftlich etwa viermal so groß aus wie der in der Stahlbranche allein“, heißt es in der Studie. So fielen bis zum Jahr 2035 laut Prognos insgesamt rund 200.000 Jobs weg, darunter 43.000 Stellen in der Stahlindustrie.

Der volkswirtschaftliche Gesamtschaden wäre immens. Rechnet man ihn um auf die Reduktion der Treibhausgasemissionen, ergibt sich laut Prognos folgendes Bild: Die Emissionsreduktionen werden mit 600 Euro je Tonne Kohlendioxid erkauft. Allerdings ist das ein rein rechnerischer Wert. Denn die in Deutschland nicht mehr produzierten Stahlmengen dürften andernorts auf der Welt hergestellt werden, möglicherweise unter klimaschädlicheren Bedingungen.

Politik sucht nach einer Lösung für die Stahlbranche

Der Bundesregierung und auch der EU-Kommission sind die Probleme bewusst. Beide Seiten arbeiten an verschiedenen Programmen, um der Branche zu helfen.

Eine zentrale Rolle sollen dabei Differenzverträge spielen („Contracts for Difference“, kurz CfD): Dabei schließt die öffentliche Hand die Lücke zwischen den Kosten für die konventionelle Produktion und den Kosten für Bau und Betrieb neuer Anlagen. So könnte etwa der Bund den Unternehmen vertraglich garantieren, Kosten über die CO2-Vermeidungskosten des Emissionshandels hinaus zu übernehmen. Das soll für die Unternehmen Investitionssicherheit für postfossile Technologien schaffen und das Risiko der wirtschaftlichen Überforderung vermeiden.

In der Theorie klingt das gut, in der Praxis ist allerdings noch nichts angekommen. „Ob und wann ein CfD-Programm starten wird, ist derzeit noch nicht bekannt“, teilte das Bundeswirtschaftsministerium auf Anfrage mit.

Im Bundesumweltministerium ist man einen Schritt weiter. Dort heißt es, ein Pilotprogramm für Differenzverträge werde derzeit entwickelt. Es werde „voraussichtlich im ersten Halbjahr 2021 vorliegen“, heißt es in der Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine entsprechende Frage von Dieter Janecek, dem industriepolitischen Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion.

Janecek spricht von einer „trägen Zeitplanung“. Ob das Pilotprojekt tatsächlich noch vor den Bundestagswahlen umgesetzt werde, sei fraglich. „Das zeigt, dass die Bundesregierung den Ernst der Lage nicht erkannt hat. Es kann nicht in unserem Interesse sein, dass heimische Produktionsstränge aufgrund der Planungsunsicherheit ausgelagert werden“, sagte Janecek.

Die Zeit drängt: Bereits im Jahr 2024 erreicht der erste Hochofen in Deutschland die rechnerische Altersgrenze. Investitionsentscheidungen für einen Umstieg auf wasserstoffbasierte Verfahren müssen jetzt erfolgen. Bis 2030 muss die Hälfte der Hochöfen erneuert werden, bis 2034 sind sämtliche Hochöfen betroffen.

Stahlbranche wünscht sich rasche Zusagen

Die Stahlindustrie fordert von der Bundesregierung daher möglichst rasch konkrete Zusagen. Es sei zwar „gut und richtig“, dass die Bundesregierung in Kürze ein CfD-Pilotprogramm auf den Weg bringen werde, sagt Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl.

„Ob dies eine erste Basis für Investitionsentscheidungen in eine grüne Stahlproduktion sein kann, hängt jedoch maßgeblich von der konkreten Ausgestaltung ab“, sagt Kerkhoff. Gegenwärtig seien noch viele Fragen offen, etwa mit Blick auf das Beihilferecht der EU.

Damit die Stahlindustrie einen entscheidenden Beitrag zum Erreichen der Klimaziele erreichen könne, brauche es einen Ansatz, der über ein Pilotprojekt hinausgehe. Außerdem seien die von der Bundesregierung in ihren Förderprogrammen bereitgestellten Summen nur ein Anfang, die Mittel müssten „noch deutlich aufgestockt werde“, fordert Kerkhoff.

Die Bundesregierung hatte im Juni ein Konjunkturpaket beschlossen, das einen Betrag von sieben Milliarden Euro zur Umsetzung der Nationalen Wasserstoffstrategie enthält. Davon sollen 2,5 Milliarden Euro für den Dekarbonisierungsprozess in der Stahl- und der Chemieindustrie entfallen.

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1,5 Milliarden Euro des Betrags stehen dem Bundeswirtschaftsministerium zur Verfügung, eine Milliarde Euro dem Umweltressort. Die tatsächlichen Kosten für die Transformation der beiden Branchen belaufen sich jedoch auf ein Vielfaches der 2,5 Milliarden Euro.

Ob und in welchem Umfang diese Mittel noch durch EU-Mittel aufgestockt werden, ist im Moment nicht klar. Entscheidend sei, „dass die Initiativen reibungslos ineinandergreifen können und dürfen“, fordert Kerkhoff. Das sei aus heutiger Sicht nicht gegeben. Immerhin heißt es aus dem Wirtschaftsministerium, man messe der Kombinierbarkeit verschiedener Förderprogramme zur Dekarbonisierung hohe Bedeutung bei. Das betreffe sowohl Förderprogramme auf europäischer und nationaler Ebene als auch die Programme der verschiedenen Ressorts der Bundesregierung.

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