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Nach Fabrikeinsturz in Bangladesch Textilindustrie lässt Arbeiter für höhere Sicherheit zahlen

Seit dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch setzen westliche Textilkonzerne höhere Sicherheitsstandards durch – doch die niedrigen Löhne der Arbeiter sinken.
22.12.2019 - 08:47 Uhr 1 Kommentar
Die im internationalen Vergleich ohnehin sehr niedrigen Löhne der Textilarbeiter sind kräftig gesunken, besonders stark die Löhne der Frauen. Quelle: dpa
Näherin in Bangladesch

Die im internationalen Vergleich ohnehin sehr niedrigen Löhne der Textilarbeiter sind kräftig gesunken, besonders stark die Löhne der Frauen.

(Foto: dpa)

Frankfurt Der schwerste Industrieunfall seit der Bhopal-Tragödie 1984 ereignete sich im April 2013, als die Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch einstürzte. Mehr als 1000 Arbeiterinnen und Arbeiter verloren ihr Leben, etwa 2500 weitere wurden verletzt. Die westlichen Textilfirmen und Einzelhandelsketten, die dort hatten produzieren lassen, mussten dafür viel öffentliche Kritik einstecken. Nach einigem Zögern übernahmen sie eine Mitverantwortung und leisteten Entschädigungszahlungen.

Außerdem übten sie Druck auf ihre Zulieferer in Bangladesch auf höhere Sicherheitsstandards aus, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiert. Die Regierung in Bangladesch hob den Mindestlohn für Textilarbeiter nach dem Unglück außerplanmäßig an.  

Die Weltbank-Ökonomen Laurent Bossavie, Yoonyoung Cho und Rachel Heath haben in einer jüngst veröffentlichten Studie mit dem Titel „The Effects of International Scrutiny on Manufacturing Workers“ untersucht, was sich für die Arbeiter seit Rana Plaza verbessert und verschlechtert hat.

Das Ergebnis fällt erstaunlich zwiespältig aus. Ihren erklärten Hauptzweck haben die Kontrollen der Auftraggeber zwar erfüllt: Die Sicherheit der Arbeiter hat sich erheblich verbessert. Es gibt weniger Arbeitsunfälle, und auch Übergriffe, vor allem gegenüber den Näherinnen, sind seltener geworden.

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    Aber es gibt auch Schattenseiten. Die vertragliche Situation der Arbeiter wurde prekärer. Deutlich weniger als vorher haben nach Rana Plaza ein festes Arbeitsverhältnis. Und die im internationalen Vergleich ohnehin sehr niedrigen Löhne der Textilarbeiter sind kräftig gesunken, besonders stark die Löhne der Frauen – und das trotz der Anhebung des Mindestlohns. Der Mindestlohn war zuvor so niedrig, dass die Erhöhung nur bei einem geringen Anteil der Belegschaften gegriffen hatte.

    Lohnverlust für Frauen am größten

    Stärker schlug durch, dass die Löhne für die besserverdienenden Beschäftigten beträchtlich gedrückt wurden. Im Endeffekt ging der Lohnvorteil verloren, den man vorher gehabt hatte, wenn man für den Export produziert hatte. Besonders groß war dieser Vorteil für Frauen, weil es für sie in Bangladesch wenig Arbeitsgelegenheiten außerhalb des Textilsektors gibt. Entsprechend groß war der Lohnverlust für die Frauen.

    Die Textilfertigung, überwiegend für den Export, ist der wichtigste Wirtschaftszweig Bangladeschs. Der Anteil der Branche an den Exporten stieg von der Hälfte im Jahr 1995 bis 2015 auf über 80 Prozent. Mehr als vier Millionen zumeist niedrig qualifizierte Beschäftigte sind in der Textil-Auftragsfertigung beschäftigt, das sind 40 Prozent aller Industriebeschäftigten.

    Der Branchenmindestlohn für die niedrigste Qualifikationsstufe betrug vor dem Unglück umgerechnet 38 Dollar monatlich, danach wurde er auf umgerechnet 68 Dollar erhöht. Fünf Jahre später, im September 2018 wurde eine weitere Erhöhung auf umgerechnet 95 Dollar beschlossen.  

    Die europäischen Auftraggeber der Textilindustrie gründeten in Reaktion auf das Rana-Plaza-Unglück das Abkommen über Feuer- und Gebäudesicherheit in Bangladesch, die amerikanischen die Allianz für Sicherheit der Arbeiter in Bangladesch. Im europäischen Abkommen verpflichteten sich die Unterzeichner, bei ihren Zulieferern regelmäßige Sicherheitsüberprüfungen durchzuführen und nötigenfalls in die Mängelbehebung zu investieren. Die US-Allianz war mit der Finanzierung von Maßnahmen zur Problembehebung zurückhaltender.

    Bei dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch 2011 kamen mehr als 1000 Menschen ums Leben. Quelle: dpa
    Eingestürzte Textilfabrik in Bangladesch

    Bei dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch 2011 kamen mehr als 1000 Menschen ums Leben.

    (Foto: dpa)

    Für die Fabrikbetreiber in Bangladesch bedeuteten die von den Auftraggebern durchgesetzten höheren Standards höhere Kosten, schreibt die Weltbank und erwähnt in einem trockenen Satz den Umstand, der dafür sorgte, dass die Arbeiter in Bangladesch die Zeche für ihre höhere Sicherheit selbst bezahlen: „Dieser Anstieg der Ausgaben fiel zusammen mit zunehmendem Druck von den Kunden der Textilfabriken, die Preise zu senken.“ Einige seien durch diese Kombination von höheren Kosten und niedrigeren Preisen zu Produktionseinschränkungen gezwungen worden, andere zur Aufgabe.

    Hohe Standards, niedrige Preise

    Entsprechend deutlich verschlechterte sich die Verhandlungsposition der Textilarbeiter. Ihre Löhne sanken im Durchschnitt um über acht Prozent. Bei den weiblichen Beschäftigten betrug der Rückgang sogar 20 Prozent, bei den männlichen, die bessere Ausweichmöglichkeiten in die stark wachsenden übrigen Industrien hatten, waren es fünf Prozent Lohneinbuße.

    Ein Vergleich mit den Wirkungen von zertifiziertem fairem Handel zeigt, dass es für Einwirkungen aus den Abnehmerländern in die Produktionsbedingungen in Entwicklungsländern sehr darauf ankommt, wie und mit welcher Motivation diese stattfinden. Die Markentextilfirmen, die ihre Lieferanten in Bangladesch zu höheren Arbeitsstandards nötigten und gleichzeitig die ohnehin niedrigen Abnahmepreise drückten, scheinen stärker die heimische Öffentlichkeit als das Wohl der Arbeiterinnen und Arbeiter in Bangladesch im Sinn gehabt zu haben.

    Dagegen sind Käufer von fair gehandeltem Kaffee bereit, mehr zu bezahlen, damit die Produzenten ein besseres Auskommen haben. Das wirkt auch wie beabsichtigt, haben Raluca Dragusanu und Nathan Nunn in einer Studie über Costa Rica herausgefunden. Danach geht ein Fair-Trade-Zertifikat mit höheren Absatzpreisen und Umsätzen einher, vor allem zu Zeiten niedriger Kaffeepreise, wenn die garantierten Mindestpreise bindend werden. Die Einkommen der Familien, die in der Kaffeebranche arbeiten, steigen.

    Auch Druck der Konsumenten auf Markenunternehmen kann große Fortschritte für die Arbeiter in Entwicklungsländern erzeugen, wenn der Druck nicht wie im Fall Rana Plaza von einem einzelnen Ereignis ausgelöst und eng auf die Vermeidung einer Wiederholung abzielt, sondern umfassender das Wohl der Betroffenen im Visier hat. Das war zum Beispiel in den Neunzigerjahren der Fall, als es Boykottkampagnen gegen Firmen wie Nike, Adidas und Reebok gab, weil diese ihre Sportschuhe in indonesischen „Sweatshops“ – Ausbeuterbetrieben - unter sehr schlechten Bedingungen und zu extrem niedrigen Löhnen fertigen ließen.

    Wie Ann Harrison und Jason Scorse in einem 2010 in der „American Economic Review“ veröffentlichten Aufsatz darlegten, führten diese Kampagnen dazu, dass die indonesische Regierung die Mindestlöhne stark anhob. Die betroffenen Markenartikler gingen Selbstverpflichtungen ein, die Arbeitsbedingungen in ihren Zulieferfabriken zu verbessern und die Löhne dort zu erhöhen. Da die Zulieferer nicht wie in Bangladesch nach Rana Plaza gleichzeitig die Preise senken mussten, stellten die Ökonomen keinen nennenswerten Beschäftigungsverlust aufgrund dieser Maßnahmen fest, auch wenn die Gewinne der Fabrikbetreiber sanken und einige kleinere Fabriken schließen mussten.  

    Mehr: Was die Modefirmen aus der Rana-Plaza-Katastrophe gelernt haben

     

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    1 Kommentar zu "Nach Fabrikeinsturz in Bangladesch: Textilindustrie lässt Arbeiter für höhere Sicherheit zahlen"

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    • Sehr geehrter Herr Häring – leider ein sehr schwacher Artikel aus Ihrer Feder.
      Sie stellen nicht einmal die Kostenanteile ins Verhältnis - und Ihre Schlagzeile unterliegt vermutlich einem Rechenfehler:

      Die Entlohnung der Mitarbeiter in Bangladesch erfolgt nicht in USD sondern in Taka. Die bangladesische Währung wertet regelmäßig gegenüber USD ab, die 20% müssen daher keine Reduzierung in lokaler Währung bedeuten.

      Laut fairfashionguide.de liegt der Lohnanteil bei 0,18 EUR für ein T-Shirt mit Verkaufspreis 29 EUR.
      Darin: für Material 3,40 EUR; Transport 2,19; Einzelhandel 12,37; deutsche MwSt 4,63; Gewinn der Marke 3,61.

      Anstatt 3ct (20%) vom Lohn abzuzwicken, gibt es also Kostenblöcke mit einem viel-fachen Hebel, denen sich ein Kaufmann widmen würde.

      Das Drama ist der niedrige staatliche Mindestlohn (vermutlich aus staatlicher Angst, dass die Textilindustrie in ein anderes Land weiter zieht, so wie schon oft in Asien), verbunden mit zu hohem Angebot an Arbeit (Angebot/Nachfrage - zu viele sind aus Mangel an Alternativen bereit zu dieser Arbeit).

      Skandalös ist einzig und allein das Verhalten der Marken und der Auftraggeber:
      Um beim T-Shirt zu bleiben: Eine Reduzierung der Marken-Marge von 3,61 EUR auf 3,00 je T-Shirt oder eine Erhöhung des T-Shirt-Preises von 29 auf 29,60 würde den Lohn sofort vervierfachen.

      Der schwarze Peter liegt NICHT beim Konsumenten – die 60ct mehr oder weniger wären kein Thema. Ein Thema ist, dass sich alle in der Lieferkette die Taschen vollmachen, aber keine 60ct übrig bleiben, weil angeblich massiver Druck des Marktes besteht.

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