Pisa-Test: Wirtschaft reagiert entsetzt auf Bildungsdesaster
Berlin. Das erneut schlechte Abschneiden Deutschlands beim jüngsten Pisa-Test alarmiert die deutsche Wirtschaft. „Die Ergebnisse sind ein neuer PISA-Schock – und bestätigen zugleich die Erfahrungen vieler Ausbildungsbetriebe“, sagt DIHK-Vizechef Achim Dercks dem Handelsblatt. Dass sich die deutschen Schüler so stark verschlechtert hätten – auf das niedrigste Niveau seit Beginn der deutschen Erhebungen 2000 – lege „die Bildungsmisere, in der sich Deutschland befindet, schonungslos offen“.
Zugleich zeige es die immense Herausforderung der Fachkräfteausbildung: „Eine erfolgreiche Ausbildung fängt in der Schule an. Unternehmen können nur unzureichend ausgleichen, was in vielen Jahren zuvor nicht gelernt wurde.“
Nach Einschätzung des Instituts der Deutschen Wirtschaft gefährdet der „katastrophale Einbruch“ der Pisa-Ergebnisse den Technologiestandort Deutschland insgesamt, weil er „mittelfristig die Fachkräftesicherung erschwert“, sagte der IW-Bildungsexperte Axel Plünnecke.
Schon seit 2016 seien die Erstsemesterzahlen in den MINT-Fächern an Hochschulen – also Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – stark gesunken. Das sei die direkte Folge der Rückgänge in den entsprechenden Kompetenzen der Schüler in den Jahren zuvor. Nun werde es noch „deutlich schwieriger, den rückläufigen Trend in den kommenden Jahren umzukehren“.
Und da die Risikogruppe – also die, die nicht einmal die Mindestanforderungen erfüllen – steige, werde es auch noch deutlich schwieriger, die Ausbildungsstellen zu besetzen. Damit „wird auch ein Erfolg der Transformation in den Bereichen Digitalisierung und Klimaschutz stark gefährdet“, warnt Plünnecke. Der Experte zeigte sich auch persönlich geschockt, die Pisa-Ergebnisse „sehen ja wirklich sehr schlimm aus. Hoffentlich resultiert daraus ein Zeitenwende in der Bildungspolitik.“
Hüther fordert trotz Haushaltskrise Investitionen in Bildung
IW-Direktor Michael Hüther fordert als Konsequenz, dass nun keinesfalls Investitionen in Bildung unter der Haushaltskrise leiden dürften. Stattdessen müsse Deutschland die Förderinfrastruktur an Kitas und Schulen ausbauen, die Digitalisierung der Schulen vorantreiben sowie die Sprach- und MINT-Förderung weiter ausbauen. „Bei diesen dringend notwendigen Investitionen darf es aufgrund der Schuldenbremse zu keinen Verzögerungen kommen“, sagte Hüther dem Handelsblatt.
Das zielt vor allem auf das geplante Startchancen-Programm der Bundesbildungsministerin, das über zehn Jahre insgesamt 20 Milliarden Euro von Bund und Ländern in 4000 Schulen mit besonders vielen benachteiligten Schülern lenken soll. Daneben geht es um die Verlängerung des Digitalpaktes für die Schulen, über den Bund und Länder noch streiten.
Auch der Bildungsexperte des Ifo-Instituts, Ludger Woeßmann, sagte, Schulen seien nun „das letzte, wo gespart werden darf“. Wichtiger noch als zusätzliche Mittel sei aber, diese effektiv einzusetzen: „Wir müssen sicherstellen, dass alle Kinder und Jugendlichen die nötigen Basiskompetenzen erwerben“.
Woeßmann nannte die Pisa Ergebnisse „ein Desaster“. Einen derartigen Rückgang habe es noch nie gegeben, und „in allen Bereichen sind wir mittlerweile weit hinter das Niveau zurückgefallen, das vor 20 Jahren den ersten Pisa-Schock ausgelöst hat“. Deshalb brauche es nun einen „neuen Pisa-Schock“: Schule müsse nun in Politik, Bildungsverwaltung, Schulen und Familien – in der ganzen Gesellschaft – oberste Priorität haben.
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Ein Desaster seien Pisa auch für die Volkswirtschaft insgesamt, denn „die ökonomische Forschung belegt deutlich, dass diese Kompetenzen die Basis unseres wirtschaftlichen Wohlstands sind“. Die Lernverluste zerstörten die Chancen der Einzelnen, etwa in Form von geringeren Beschäftigungsmöglichkeiten und Einkommen – „und verringern das Wirtschaftswachstum und damit das zukünftige Wohlstandsniveau unserer Gesellschaft“.
Arbeitgeberpräsident für Neuanfang im Bildungswesen
Das Bildungsniveau der Bevölkerung sei „der wohl wichtigste Faktor für langfristiges Wirtschaftswachstum“. Würde es gelingen, die Bildungsleistungen um 25 Pisa-Punkte zu steigern, würde Deutschland langfristig – über den Lebenszeitraum eines heute geborenen Kindes gerechnet – rund 14 Billionen Euro an zusätzlichem Bruttoinlandprodukt erzielen. Zur Einordnung: In Mathe hatten die Schüler diesmal exakt 25 Punkte weniger erreicht als 2018. Im Lesen fielen sie um 18 Punkte zurück.
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger forderte einen „fast schon revolutionären Neuanfang in unserem Bildungswesen“. Der Ganztag an Schulen sollte gezielt zur individuellen Förderung genutzt werden. „Das sind wir unseren Kindern schuldig. Sie verdienen eine Zukunft in einem Land, in dem das Versprechen ‚Aufstieg durch Bildung’ weiterhin Bestand haben muss.“ Schließlich seien die jetzigen Schülerinnen und Schüler die Auszubildenden und Beschäftigten von morgen. „Diese Köpfe sind der Baustoff unserer Zukunft und der Motor unseres Wohlstands.“
Der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz an der Grundschule tritt allerdings erst 2026 in Kraft. Er gilt auch dann zunächst nur für die erste Klasse – und wird bis 2029 bis zur 4. Klasse ausgeweitet.