Start der COP28: Auf diese vier Punkte kommt es bei der Klimakonferenz in Dubai an
Berlin. Die Vereinten Nationen stehen bei ihrer diesjährigen Klimakonferenz vor einer großen Herausforderung: Schaffen sie es, den Abschied von den fossilen Energien einzuleiten? Die Zeit dafür ist reif, mahnen Klimaexperten. Niklas Höhne, Wissenschaftler und Gründer der Denkfabrik New Climate Institute, sagt: „Das Klima spielt dieses Jahr verrückt mit extremen und überraschend heftigen Klimaschäden.“ Im Idealfall, sagt er, würde die COP als Konsequenz in den Notfallmodus umschalten und eine entsprechende Vereinbarung schließen.
COP steht für Conference of the Parties, Vertragsstaatenkonferenz. Fast 200 Staaten nehmen vom 30. November bis 12. Dezember an dem Treffen in Dubai, Vereinigte Arabische Emirate, teil. Das Ziel: mehr Klimaschutz.
Die bisherigen Zusagen liegen weit hinter dem zurück, was nötig wäre, um die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Auf dieses Ziel hatte sich die Weltgemeinschaft geeinigt. 1,5 Grad gelten als Limit, um nicht mehr beherrschbare Folgen des Klimawandels abzuwenden.
Wie angespannt die Lage ist, zeigt sich auch in Deutschland an regelmäßigen Hitzewellen, Trockenheit und Ernteeinbußen: „Deutschland gehört zu den Regionen mit dem höchsten Wasserverlust weltweit“, heißt es im Bericht zur deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel, der am Montag in Berlin vorgestellt wurde.
Doch trotz der Dringlichkeit ist schon im Vorhinein klar, dass die Verhandlungen über die zentralen Themen auf der Klimakonferenz nicht einfach werden.
1) Unterschiedliche Interessen bei fossilen Energien
Der Nahost-Krieg, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die globale wirtschaftliche Lage: „Die Energiemärkte, die Geopolitik und die Weltwirtschaft sind instabil und das Risiko weiterer Störungen ist ständig präsent“, beschreibt die Internationale Energieagentur (IEA) die Stimmung.
Dennoch wollten viele Staaten, vor allem in Europa, unabhängig von allen klimapolitischen Überlegungen möglichst schnell aus den fossilen Energien aussteigen. Hintergrund ist, dass diese Länder stark von fossilen Importen mit ihren hohen und schwankenden Preisen abhängen.
Dagegen wollen „die Öl- und Gasländer möglichst lange von ihrem einträglichen Geschäftsmodell profitieren“, analysiert die Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch. Sie kritisiert, dass fossile Unternehmen und Staaten ihre Rekordgewinne mehrheitlich für weitere Ausbaupläne und nicht für nachhaltige Transformation einsetzten.
Für die Klimabewegung steht fest, dass sich die COP28 auf einen schrittweisen Ausstieg aus den fossilen Energien verständigen muss. Germanwatch fordert „verbindliche und nachprüfbare Zusagen und Fortschritte beim Ausstieg aus fossilen Brennstoffen“. WWF-Klimaexpertin Viviane Raddatz sagt: „Der vollständige Ausstieg muss bis 2050 geschafft sein.“ Nur so könnten die klimaschädlichen Treibhausgasemissionen rasch reduziert werden.
Nach Daten der IEA liegt die mittlere globale Oberflächentemperatur bereits heute 1,2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. „Und die Treibhausgasemissionen haben ihren Höhepunkt noch nicht erreicht“, warnt die Agentur.
Doch die IEA sieht auch Anzeichen für einen Richtungswechsel: Der Übergang zu sauberen Energien verlaufe inzwischen so dynamisch, dass die globale Nachfrage nach Kohle, Öl und Erdgas vor 2030 ihren Höhepunkt erreichen werde, so die Experten. Das bedeute zwar nicht das Ende der Investitionen in fossile Brennstoffe, „aber es untergräbt die Argumente für eine Erhöhung der Ausgaben“.
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Erschwert wird die Debatte über einen Ausstieg auf den fossilen Energien durch die Frage, inwieweit es sinnvoll und machbar ist, der Atmosphäre durch technische Maßnahmen Kohlendioxid zu entziehen. Die Argumentation der Befürworter: Nicht die Nutzung fossiler Energiequellen sei das Problem, sondern die Emissionen – und die ließen sich auf diese Weise effektiv senken.
Umweltschützer dagegen halten Maßnahmen etwa zur unterirdischen CO2-Speicherung für wenig geeignet, die Emissionen in einer relevanten Größenordnung zu mindern. Und das nicht nur, weil es lange dauert, die Technologie aufzubauen. Die Sorge ist groß, dass das den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas verzögert.
2) Fortschritte bei erneuerbaren Energien allein reichen nicht
Nicht alle sauberen Technologien florieren, und einige Lieferketten, insbesondere für die Windenergie, stehen unter Druck. Dennoch sieht die IEA „eindrucksvolle Beispiele für einen sich beschleunigenden Wandel“. War 2020 erst eines von 25 verkauften Autos ein Elektroauto, war es in diesem Jahr bereits eines von fünf, heißt es. 2023 würden mehr als 500 Gigawatt an erneuerbarer Energieerzeugungskapazität hinzukommen – ein neuer Rekord.
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Auch Germanwatch spricht von einem „exponentiellen Wachstumspfad“. Klimaexperten gehen davon aus, dass sich die Teilnehmer in Dubai darauf einigen könnten, die globale Kapazität bei den erneuerbaren Energien bis 2030 zu verdreifachen und die Energieeffizienz jährlich zu verdoppeln.
Der notwendige Dreiklang wäre aber: ein Ausbau der Erneuerbaren, eine Erhöhung der Energieeffizienz und ein Signal für den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Die Rede ist von einer drastischen Reduktion der globalen Emissionen, und zwar um rund die Hälfte bis 2030 gegenüber dem Niveau von 2019. Martin Kaiser, Deutschland-Chef von Greenpeace, positioniert sich klar: „Das Paket ist nichts wert, wenn nicht gleichzeitig der Ausstieg aus Öl und Gas angegangen wird.“
3) Debatte um Klimafinanzierung
Die Industrieländer hatten sich verpflichtet, ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar an öffentlichem und privatem Geld zu investieren, um ärmere Länder bei Klimaschutz und Anpassungsmaßnahmen zu unterstützen. Das Versprechen wurde zunächst gebrochen, inzwischen soll die Summe aber erreicht worden sein. Eine Bestätigung steht allerdings noch aus.
Deutschland hat 2022 einen Anteil in Höhe von 6,39 Milliarden Euro für Klimaschutz und Klimaanpassung in Entwicklungsländern zur Verfügung gestellt. Diese Zahl wurde im September an die EU-Kommission gemeldet.
Eine weitere Baustelle ist der Fonds für Schäden und Verluste in ärmeren Entwicklungsländern. Dieser „Loss & Damage-Fonds“ wurde bei der letzten Klimakonferenz in Ägypten auf den Weg gebracht. Es ist aber noch unklar, welche Länder wie viel in den Fonds einzahlen werden. Industrieländer wie Deutschland beharren darauf, dass auch reiche Schwellenländer, vor allem Öl- und Gasländer sowie China, zum Fonds beitragen.
4) Große Verursacher von CO2-Emissionen ziehen nicht mit
Wie in jedem Jahr stehen China und die USA besonders im Fokus. China ist der größte Emittent von CO2-Treibhausgasen weltweit. Auf dem zweiten Platz befinden sich die USA. Gleichzeitig ist deren Beziehung stark belastet.
2015 wurden Peking und Washington noch dafür gefeiert, das Pariser Klimaschutzabkommen entscheidend vorangebracht zu haben. In den Folgejahren fielen sie als Taktgeber aus. Erst verließen die USA unter Ex-Präsident Donald Trump das Pariser Abkommen, später verhinderten die Spannungen um Taiwan regelmäßige Gespräche. Dass die beiden Länder seit Kurzem wieder miteinander sprechen, sorgt für Erleichterung.
Nach China und den USA stoßen Indien und Russland die meisten Emissionen aus. Insgesamt verursachen die 20 größten Industrie- und Schwellenländer 81 Prozent der globalen CO2-Emissionen.
Als zentraler Punkt in Dubai gilt die Frage, inwieweit die sogenannte High Ambition Coalition es schafft, die Bremser und Blockierer zu mehr Tempo zu bewegen. In der Koalition haben sich die Staaten zusammengetan, die sich als Vorreiter im Klimaschutz sehen, darunter viele kleine Inselstaaten, deren Existenz vom Klimawandel bedroht ist.