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Tarifpolitik„Historische Chance“ – Metall-Tarifparteien starten Konsenssuche

Die Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie beginnen. Gelingt es, einen Kontrapunkt zum ewigen Ampel-Streit zu setzen und geräuschlos zu einem guten Kompromiss zu kommen?Frank Specht 10.09.2024 - 14:11 Uhr Artikel anhören
Teilnehmer einer IG-Metall-Kundgebung: In der Metall- und Elektroindustrie herrscht noch bis zum 28. Oktober Friedenspflicht. Einen Tag später dürfte die Gewerkschaft zu Warnstreiks aufrufen. Foto: Christoph Soeder/dpa

Berlin. Verantwortung ist das Wort der Stunde. „Ich rufe die IG Metall zur Verantwortung auf“, sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der bayerischen Metall-Arbeitgeber. „Die Lage ist ernst, die Aussichten sind trüb.“ Umgekehrt appelliert die Gewerkschaft an ihren Sozialpartner, zu einem zügigen Abschluss zu kommen. Denn: „Diese Tarifrunde kann dem Land einen Stabilitätsschub geben“, sagt IG-Metall-Chefin Christiane Benner.

Der Verantwortung sind sich also beide Seiten bewusst, wenn an diesem Mittwoch die Tarifverhandlungen für die rund 3,9 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer der Metall- und Elektroindustrie beginnen. Die industrielle Schlüsselbranche, die fast jedem zehnten Beschäftigten in Deutschland Arbeit gibt, steckt in der Krise, wie nicht erst die jüngsten Sparpläne bei Volkswagen zeigen. Auch die Wirtschaft insgesamt verharrt im Konjunkturtief. Doch während Arbeitgeber und Gewerkschaft die Lage noch ähnlich beurteilen, unterscheiden sich ihre Rezepte, wie man am besten aus der Krise kommt.

„Ökonomen sind sich einig: Die Konjunktur braucht jetzt steigende Kaufkraft“, sagt Benner, die gemeinsam mit Tarifvorständin Nadine Boguslawski ihre erste Metall-Tarifrunde bestreitet. Mit der Steigerung der Kaufkraft rechtfertigt die Gewerkschaft ihre Forderung nach sieben Prozent mehr Lohn, die sie Anfang Juli nach einer Beschäftigtenbefragung aufgestellt hat.

Sieben-Prozent-Forderung mit Augenmaß

Dies sei mit Augenmaß geschehen, sagte Benner Anfang dieser Woche beim Tag der Metall- und Elektroindustrie in Berlin. Denn bei der Forderungsdiskussion seien aus einzelnen Bezirken sogar zweistellige Lohnforderungen gekommen, die man aber erfolgreich wegmoderiert habe.

Die Gewerkschaft verweist darauf, dass die Lohnkosten im vergangenen Jahr nur rund 16 Prozent der Gesamtkosten in der Metall- und Elektroindustrie ausmachten. Und die IG Metall erwartet, dass die Politik die Unternehmen an anderer Stelle entlastet, nämlich bei den hohen Energiekosten. Die Debatte um einen Industriestrompreis, die angesichts knapper Kassen lange nur leise geführt wurde, flammt aktuell wieder auf.

IG-Metall-Chefin Christiane Benner (r.), Tarifvorständin Nadine Boguslawski: „Ökonomen sind sich einig: Die Konjunktur braucht jetzt steigende Kaufkraft.“ Foto: Andreas Arnold/dpa

Auf Arbeitgeberseite verweist man dagegen auf die besondere Situation, in der die Branche steckt. „Wir haben es in der Metall- und Elektroindustrie nicht nur mit einer lang andauernden Rezession, sondern auch mit einer strukturellen Krise zu tun“, sagt Ökonom Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Die Krise der Automobilindustrie wirkt sich längst auch auf andere Bereiche aus, der Maschinenbau und auch die lange immun scheinende Elektroindustrie leiden unter der auch geopolitisch bedingten Nachfrageschwäche. Der Standort stehe unter Druck wie nie zuvor, warnt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in einer am Dienstag veröffentlichten Studie.

Die Produktion der Metall- und Elektroindustrie liegt um 14 Prozent unter dem Vorkrisenniveau 2018, ihre Auftragsbestände bewerten die Unternehmen als so schlecht wie zuletzt auf dem Höhepunkt der Coronakrise im Juli 2020. Namhafte Unternehmen der Branche haben einen Stellenabbau angekündigt – nicht nur VW, das allerdings nicht unter den Flächentarif fällt, sondern über den eigenen Haustarifvertrag verhandelt.

Forderung nach Mitgliederbonus nachgereicht

Dass die IG Metall in dieser Lage eine ihrer höchsten Entgeltforderungen seit der Wiedervereinigung aufstelle – nur 1991, 1992, 2009 und 2022 lag sie höher –, sei völlig unverständlich, sagte Bayerns Arbeitgebervertreter Brossardt Ende vergangener Woche.

Zumal die Gewerkschaft ja selbst vor einer Deindustrialisierung in Deutschland warne. Die Arbeitskosten seien aber einer der wenigen Faktoren, die die Tarifparteien selbst in der Hand hätten. Brossardt verwies darauf, dass sich die Tarifentgelte seit 2018 um mehr als 17 Prozent erhöht hätten, Metaller in Bayern verdienten im Durchschnitt 70.634 Euro im Jahr.

Die Verhandlungen werden – am Mittwoch beginnend in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen – auf regionaler Ebene geführt. Am 28. Oktober endet die Friedenspflicht, am Tag danach sind Warnstreiks möglich.

IW-Tarifexperte Lesch würde sich wünschen, dass es angesichts der schwierigen Lage dieses Mal zu einem Schulterschluss ohne große Arbeitskämpfe kommt – wie beispielsweise in der Corona-Krisenrunde 2020. „Beide Seiten sollten den Fokus auf Beschäftigungssicherung legen, und die Gewerkschaft sollte auf Nachschlagdebatten verzichten“, sagt der Ökonom.

Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf: Beweisen, dass man auch in schwierigen Zeiten einen vernünftigen Kompromiss finden kann. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Allerdings steht IG-Metall-Chefin Benner in ihrer ersten Tarifverhandlung natürlich auch unter hohem Erwartungsdruck durch die Mitglieder, was für eine Zuspitzung spricht. Zumal die Gewerkschaft selbst die Latte noch einmal höher gelegt hat.

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Die Forderung nach sieben Prozent mehr Geld, 170 Euro mehr für Auszubildende und einer Ausweitung des Wahlmodells zwischen Zeit und Geld war schon übermittelt, da legte die IG Metall per Brief nach. Sie fordert nun auch noch einen Mitgliederbonus, wie ihn die Chemie-Tarifparteien in diesem Jahr bereits vereinbart haben. Dieser ist für die Metallarbeitgeber ein rotes Tuch und dürfte die Verhandlungen zusätzlich erschweren.

Der Chef des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, appellierte jedenfalls beim Tag der Metall- und Elektroindustrie an den Einigungswillen der Gewerkschaft. Die Tarifparteien könnten einen Kontrapunkt zu den zerstrittenen Ampelparteien setzen und zeigen, dass sich auch in schwierigen Zeiten ein vernünftiger Kompromiss finden lasse. Dies, so Wolf, sei eine „historische Chance“.

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