Trumpf-Chefin Leibinger-Kammüller: „Wir brauchen jetzt eine Regierung!“
Die Trumpf-Chefin hätte lieber eine Jamaika-Koalition gesehen, hofft aber nun, dass die Große Koalition zustande kommt.
Foto: Berthold Steinhilber/laifDitzingen. Der Besprechungsraum strahlt keine nüchterne Funktionalität aus, das Interieur ist geschmackvoll ausgewählt. Kunstwerke schmücken Sideboards und Wände, Literatur liegt griffbereit parat, unter anderem der Bestseller „Weltordnung“ von Politveteran Henry Kissinger. Der Blick aus der siebten Etage geht vom Städtchen Ditzingen in Richtung Stuttgart. Doch Nicola Leibinger-Kammüller hat noch Größeres im Blick. Die Chefin des Maschinenbauers Trumpf ist einer der politischsten Köpfe der deutschen Wirtschaft. Ein Interview zur mühsamen Regierungsbildung in Deutschland ist ganz nach ihrem Geschmack. Kurz vor dem wichtigen SPD-Parteitag will sie erklären, worauf es jetzt ankommt.
Frau Leibinger-Kammüller, Deutschland hat vor vier Monaten gewählt, aber immer noch keine neue Regierung. Auch die Neuauflage einer Großen Koalition ist kein Selbstläufer. Drohen Deutschland politisch instabile Verhältnisse?
Es stimmt, wir hatten in der Bundesrepublik noch nie eine so lange Phase der Regierungsfindung. Deshalb sind wir auch so nervös. Das passt nicht zu uns Deutschen, wir wollen die Dinge schön schnell geregelt haben. Aber ich halte nichts vom großen Wort „Verfassungskrise“, die sehe ich überhaupt nicht. Es ist eine schwierige Regierungsbildung, und die dauert etwas länger. Wir sollten deshalb gelassen bleiben. Unser Land ist nicht in einer bedrohlichen Lage. Trotzdem wünsche ich mir, dass die potenziellen Koalitionäre jetzt zu Potte kommen.
Die ersten SPD-Landesverbände haben sich schon gegen die Neuauflage einer Großen Koalition ausgesprochen. Der SPD-Parteitag droht für die SPD-Führung zum Fiasko zu werden ...
… und andere Landesverbände haben sich dafür ausgesprochen. Ich glaube nicht, dass eine große Mehrheit in der SPD für die Große Koalition stimmen wird. Aber am Ende wird sich die SPD darauf besinnen, dass es vernünftig ist, mitzuregieren und zu gestalten.
Wünschen Sie sich die Fortsetzung der Großen Koalition?
Von Wünschen kann nicht die Rede sein. Jamaika hätte ich weitaus lieber gesehen, um den Einfluss der FDP in der Regierung sicherzustellen.
So denken viele Unternehmer, die FDP gewählt haben.
Was ich gut verstehen kann. Die FDP hätte wieder mehr wirtschaftspolitische Vernunft in die Regierungsarbeit gebracht. Wirtschaftspolitik ist nicht die Stärke der letzten Großen Koalition gewesen. Allerdings habe ich mir immer schwer vorstellen können, wie es mit FDP und Grünen in einer Regierung hätte funktionieren sollen. Aber die Dinge sind, wie sie sind, und wir brauchen jetzt eine neue Regierung. Genau deshalb ist es mein Wunsch, dass CDU und SPD zusammenkommen.
Die Sondierungsbeschlüsse von Union und SPD sind aber das Gegenteil von einem mutigen Reformprogramm, das die Herausforderung der Zeit angeht. Sind Sie davon nicht enttäuscht?
Natürlich hatte auch ich mir mehr erhofft. Aber einige Dinge finde ich ganz vernünftig.
Was zum Beispiel?
Die Regeln zur Begrenzung des Flüchtlingsstroms sind ein deutlicher Schritt nach vorne. Voraussetzung ist natürlich, dass die Regierung die Integration der hier lebenden Flüchtlinge energischer angeht als in den vergangenen Jahrzehnten.
Sonst noch etwas?
Positiv ist auch, dass es keine Steuererhöhungen geben soll. Die Erhöhung des Spitzensteuersatzes wäre absurd gewesen. Wir haben im eigenen Unternehmen nicht wenige Mitarbeiter, die unter den Spitzensteuersatz fallen. Sie hätte das ganz konkret betroffen. Bei der inneren Sicherheit gibt es auch gute Ideen, etwa das Personal der Polizei aufzustocken. Das ist alles vernünftig. Hier geht es um Grundbedürfnisse der Bevölkerung, die erkannt worden sind.
Und welche Beschlüsse kritisieren Sie?
Die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Das trifft die Unternehmen direkt und kostet Geld. Die Sondierungsbeschlüsse sollten unbedingt noch nachverhandelt und verbessert werden. Beispielsweise müsste sich die neue Regierung darauf verständigen, die großen Themen wie Bildung und digitale Infrastruktur anzupacken. Sollte im Koalitionsvertrag hierzu ein echter Wurf gelingen, dann könnte ich viele andere Punkte, die mir nicht gefallen, verschmerzen.
Glauben Sie ernsthaft, dass Union und SPD diese mutlosen Beschlüsse in den Koalitionsverhandlungen noch kräftig nachbessern werden? Oder sollte die SPD nicht wie FDP-Chef Lindner die Notbremse ziehen?
Die Zukunftsthemen haben SPD und CDU bisher nicht mit der nötigen Verve adressiert, das stimmt. Aber was, frage ich Sie, wäre denn im Augenblick die Alternative? Eine Minderheitsregierung, die sich mühsam ihre Mehrheiten suchen müsste für jede Entscheidung? Ich bin fest davon überzeugt, eine solche Regierung wäre noch langsamer als eine Große Koalition. Und sie würde teilweise von der AfD unterstützt, was man nicht wollen kann. Hinzu kommt, dass wir vor gigantischen Herausforderungen in Europa stehen. Wer soll die in einer Minderheitsregierung lösen?
Warum sollte das nicht gehen?
Frau Merkel oder wer auch immer müsste sich für jede Entscheidung, die es in Brüssel zu fällen gibt, in Berlin die Mehrheiten zusammensuchen. Ist das angemessen angesichts der außenpolitischen Situation? Eines unvorhersehbar agierenden US-Präsidenten? Und eines Landes wie China, das mit großer Macht vorangeht und klar Positionen auch in der Wirtschaftspolitik bezieht?
Ihrer Ansicht nach offenbar nicht.
Nein, es ist besser, jetzt Kompromisse einzugehen. Wenn CDU und SPD nur mit Maximalforderungen in die Gespräche gegangen wären, hätte es kein Ergebnis gegeben. Martin Schulz muss seinen Genossen doch mit irgendetwas in der Hand einen politischen Erfolg verkaufen können. Und die eigentlichen Koalitionsverhandlungen stehen ja noch aus. Da kann die CDU mehr herausholen.
Sie haben immer wieder mit Bundeskanzlerin Merkel gesprochen. Hat Frau Merkel noch die Kraft, die großen Themen anzugehen?
Frau Merkel hat eine große Kraft. Und sie knickt nicht ein, wenn es schwierig wird. Wenn ihr oder dem Land das Wasser bis zum Halse steht. Wie bei der Krise nach der Lehman-Pleite: Die Kredite sind sicher, war damals die Antwort, unsere Banken gehen nicht hops, die Renten werden bezahlt. Ich glaube, sie ist sehr, sehr gut, wenn sie sehr gefordert wird.
Trotz aller Kritik: Frau Merkel ist also weiter die richtige Kanzlerin?
Ja, wenn die Koalition mit der SPD zustande kommt, sollte sie noch eine Legislaturperiode regieren. Aber sie sollte dann auch personelle Zeichen setzen in ihrer Partei. Sie sollte jungen Leuten eine Chance geben, die noch kein Ministeramt hatten. So wie wir es in der Firma auch machen, wenn wir Talente fördern und frischen Wind reinbringen.
Hätten Julia Klöckner oder Jens Spahn das Format?
Frau Klöckner gefällt mir sehr gut. Ich kenne sie ein bisschen, sie ist frisch, intelligent. Und sie hat Mut. Warum sollte man so jemandem nicht mal eine Chance geben? Frau Merkel war ja auch unerfahren, als sie Ministerin wurde. Man braucht – in der Politik wie im Unternehmen – eine gute Mischung aus Erfahrung, Kraft und neuen Impulsen.
Hat die Kanzlerin ihre Nachfolge verschleppt?
Von außen betrachtet wahrscheinlich schon. Aber die Nachfolge ist in der Politik viel schwieriger zu regeln als in einem Unternehmen. In der Wirtschaft geht so etwas viel gradliniger. Bei den Parteien kommen Landesverbände, andere Gremien und tausend Befindlichkeiten. Welcher Kanzler hat es zur rechten Zeit geschafft, einen Nachfolger aufzubauen? Kein Konrad Adenauer und kein Helmut Kohl.
Sollte Angela Merkel nach der Hälfte der Legislaturperiode abtreten?
Ich stelle mir vor, ohne die Pläne von Frau Merkel zu kennen, dass sie nach der Legislaturperiode aufhören wird. Dann hätte sie jetzt alle Freiheiten, ohne Rücksicht auf ihre eigene Wiederwahl jemanden aufzubauen.
Mit einer Begrenzung der Amtszeit würden Amtsinhaber gezwungen, rechtzeitig einen Nachfolger aufzubauen.
Das halte ich prinzipiell für eine gute Idee. Aber es steht ja jetzt nicht zur Debatte.
Die CDU und die SPD haben bei der Bundestagswahl ihre schlechtesten Ergebnisse eingefahren. Hätte man daraus nicht schließen müssen, dass nicht nur inhaltliche, sondern auch personelle Konsequenzen nötig sind?
Das kann man durchaus so sehen. Natürlich ist eine ehrliche Bestandsaufnahme für die miserablen Wahlergebnisse nötig. Aber aus Unternehmersicht: Die Karre ist für die Volksparteien an der Wand. Da kann ich mich doch nicht zurückziehen und erst einmal monatelang beraten. Es muss jetzt weitergehen. Wir brauchen jetzt eine Regierung!
Vor einiger Zeit haben Sie kritisiert, die CDU sei keine Partei der Unternehmen mehr. Gilt das noch?
Wenn man sich die vergangenen Jahre anschaut, dann gab es zu viele Lippenbekenntnisse. Zum Beispiel verspricht auch die Union seit vielen Jahren, die Forschung in Unternehmen besser steuerlich zu fördern. Doch das ist nie gekommen. Da muss man den Eindruck bekommen, es ist manchem eben doch nicht so wichtig.
Der Punkt ist jetzt wieder Teil der Sondierungsbeschlüsse.
Papier ist geduldig. Die Politik fragt sich wahrscheinlich: Warum müssen wir die Wirtschaft überhaupt zusätzlich unterstützen? Es läuft doch. Es geht doch wunderbar. Die Wirtschaft floriert, man kann den Unternehmen immer noch mehr aufbrummen. Ich kann vor einer solchen Einstellung nur warnen.
Sie haben einmal gesagt, dass sich Frau Merkel vielleicht nicht so für die Wirtschaft interessiert, wie sie gehofft hatten. Das ist kein gutes Zeugnis für eine Regierungschefin.
Es geht mir nicht um Zeugnisse. Wir müssen heute die Weichen stellen für die Zukunft. Ganz nach dem Sprichwort „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“. Die Politik müsste insgesamt stärker erkennen, dass die Erfolge der deutschen Wirtschaft zu einem guten Teil aus eigener Kraft kommen. Aus unseren weltweit nachgefragten Produkten, unseren gut ausgebildeten Mitarbeitern. Aber eben auch aus einer historisch günstigen Großwetterlage mit niedrigen Zinsen, billigem Öl und einer boomenden Weltkonjunktur. Die wird aber nicht ewig anhalten.
Für sie gehen SPD und Union die großen Herausforderungen des Landes noch nicht mit der nötigen Verve an.
Foto: Berthold Steinhilber/laifWas wünschen Sie sich als Unternehmerin von einer neuen Regierung?
Ich würde mir erstens eine große Offensive zur digitalen Infrastruktur in Deutschland wünschen. Mit viel Kraft und genügend Kapital. Und einem Kümmerer, der das Thema operativ umsetzt. Einem digitalen Transformationsminister, so gewöhnungsbedürftig ein solches Amt auch klingt.
Und zweitens?
Steuern runter! Und zwar in der vollen Breite – und nicht so zögerlich, wie es jetzt geplant ist. Die Mittelschicht muss entlastet werden, hier arbeiten die viel zitierten Leistungsträger unseres Landes. Dann können Familien auch die Kindergartengebühren selber bezahlen. Es ist doch absurd, dass mit kostenlosen Kita-Plätzen in einigen Bundesländern auch diejenigen entlastet werden, die es gar nicht nötig haben. Ich bin sehr dafür, Alleinerziehende oder Paare komplett freizustellen, die es nicht aus eigener Kraft schaffen. Das ist eines der Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft. Aber doch nicht Gutverdiener! Die Dinge müssen einen Wert haben. Wenn ich alles umsonst haben kann, dann strenge ich mich weniger an. Leistung muss sich in einem funktionierenden Staatswesen lohnen.
Angela Merkel bei Trumpf in Ditzingen mit Nicola Leibinger-Kammüller.
Foto: picture alliance/dpaBeherzigen Sie das auch bei Ihren eigenen Kindern?
Wir sorgen zumindest dafür, dass sie nicht in einer Luxuswohnung leben, wenn sie studieren. Sie sollen wenig Geld haben, sich selbst etwas erarbeiten. Damit sie lernen, es wertzuschätzen. Damit sie spüren, dass man schaffen muss, wie der Schwabe sagt, um etwas zu besitzen.
Welches Thema sollte die Regierung noch angehen?
Das Thema Bildung. Wir müssen unsere Bevölkerung darauf einstellen, dass es gewaltige Veränderungen durch die Digitalisierung geben wird. Wir müssen die Menschen deshalb beizeiten weiterbilden. Steuersenkungen, digitale Infrastruktur und Bildung – aus diesen Zutaten sollte die neue Regierung eine Vision für Deutschland entwickeln. Dafür müsste sie aber vor aller Welt bekennen, wie real etwa die Bedrohung für die industrielle Basis aus China ist. Wie viel schneller man dort vorankommt.
Diese Vision und Erkenntnis sieht man aber nicht.
Zumindest vordergründig kann man manchmal den Eindruck bekommen, die Politiker lebten in einem Wolkenkuckucksheim und sähen die Probleme nicht, die auf unser Land zukommen. Aber wahrscheinlich tun sie es, sagen es aber nicht deutlich genug.
Möglicherweise traut die Politik den Bürgern keine unangenehmen Wahrheiten und anstrengenden Reformen zu.
Die Menschen, so erlebe ich das, haben keine Angst vor Reformen. Aber viele Bürger wiegen sich in Sicherheit. Das sehen wir auch bei uns im Unternehmen. Der Mensch, und das ist nichts Trumpf-Spezifisches, gewöhnt sich sehr schnell an gute Verhältnisse. Noch mal: Wir sind ja auch gut. Wir haben tolle Leute in Deutschland, wir haben tolle Universitäten, klasse Mitarbeiter, die schaffen wie die Verrückten. Aber es geht uns schon lange gut, zumindest vielen Deutschen. Und wir wollen nicht wahrhaben, dass sich das ändern kann. Das ist am Ende eine fast philosophische Frage: Braucht es vielleicht eine elementare Krise, um wieder zur Vernunft zu kommen? Es ist bekanntlich am allerschwersten, radikale Veränderungen anzugehen, wenn der Leidensdruck fehlt.
Große Krisen gibt es doch genug in der Welt: die Terrorgruppe Islamischer Staat, den Nordkorea-Konflikt und nicht zuletzt das bedrohte Projekt Europa.
In der Tat ist Europa gerade dabei auseinanderzufallen, wir haben gefährliche nationale Strömungen. Ich bedauere es zutiefst, dass die Briten aus der Europäischen Union ausscheiden. Ein starkes Europa ist für mich zentral für die Stabilität in der Welt. Und gerade für Deutschland ist Europa besonders wichtig.
Was sollte die Politik tun?
Genau analysieren, warum die Menschen sich von Europa abwenden. Vielleicht muss man das eine oder andere wieder zurück in die Verantwortung der Länder holen, aber dafür die großen Themen gemeinschaftlich angehen. Ich bin deshalb sehr dankbar für die Initiative von Emmanuel Macron, weil durch sie neuer Schwung in die europäische Frage kommt. Auch deshalb brauchen wir übrigens Frau Merkel.
Warum?
Weil der französische Präsident Frau Merkel mit ihrem europapolitischen Gewicht braucht, um seine Pläne umzusetzen.
Mehr als vor der Zukunft Europas fürchten sich die Menschen vor den Folgen der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Ist Deutschland auf diesen Wandel ausreichend vorbereitet?
An der digitalen Transformation kommt Deutschland nicht vorbei. Umso nötiger ist eine Politik, welche die Herausforderungen klar benennt und den Menschen erklärt, was sie erwartet. Aber ihnen auch Mut macht! Wir brauchen zum Beispiel eine Offensive, um die Menschen für die berufliche Praxis umzuschulen.
Welche Rolle spielt der sich abzeichnende Fachkräftemangel gerade bei den digitalen Berufen?
Für unser Haus kann ich glücklicherweise sagen, dass wir ein attraktiver Arbeitgeber sind. Aber auch wir müssen kämpfen, wenn es um Fachkräfte für Software geht. Ich habe deshalb auch nie verstanden, warum sich die CDU gegen ein Einwanderungsgesetz gesperrt hat, um qualifizierte Menschen ins Land zu holen. Die Flüchtlinge lösen das Problem jedenfalls nicht. Es kommen eben zu wenige gut Ausgebildete, auf die man seitens der Wirtschaft vielleicht gehofft hatte.
Die Flüchtlinge sind keine Hilfe?
Eine Hilfe schon, wenn wir es richtig anpacken, aber nicht die Lösung der Fachkräftefrage. Die Integration muss anders als bisher betrieben werden. Wir müssen die zu uns Gekommenen noch stärker in die Pflicht nehmen, Deutsch zu lernen. Dafür brauchen wir viel mehr richtig ausgebildete Deutschlehrer. Und wir müssen die Menschen anschließend in Berufen ausbilden, in denen wir einen Mangel an Arbeitskräften haben. Das wird den Staat sehr viel Geld kosten, aber es kann gelingen.
Wie passt eigentlich die Forderung der 28-Stunden-Woche der IG Metall mit dem Fachkräftemangel zusammen?
Zunächst einmal habe ich kein Problem damit, dass Arbeitszeiten zeitweise reduziert werden. Denn die Flexibilisierung kommt den veränderten Lebensgewohnheiten der Mitarbeiter entgegen. Wir haben schon seit Jahren entsprechende Arbeitszeitmodelle, die wir als „Bündnis für Arbeit“ mit der IG Metall ausgehandelt haben.
Aber?
Die jetzige Forderung der IG Metall ist völlig überzogen. Es kann doch nicht sein, dass jeder einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit von 28 Stunden für zwei Jahre erhält – und zwar ohne Mitsprache des Arbeitgebers. Das ist der springende Punkt. Zudem setzt der Vorschlag falsche Anreize zulasten der Unternehmen. Denn durch den geforderten Zuschuss des Arbeitgebers von 200 Euro monatlich und der Steuerprogression verlieren die Mitarbeiter netto vielleicht nur noch 100 Euro. Das ist geradezu eine Einladung, weniger zu arbeiten.
In vielen Betrieben wird wegen des Fachkräftemangels und der guten Auftragslage auch über längere statt kürzere Arbeitszeiten diskutiert.
Eben. Mehr Zeit für Kinder oder die Pflege Angehöriger gehen deshalb nur gemeinschaftlich, im Konsens zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Und schon gar nicht durch eine Reduzierung auf Dauer, während man überall im Ausland mehr arbeitet. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Wir haben hier in Ditzingen vor einigen Jahren eine Laserfabrik gebaut, die wir wesentlich kostengünstiger an unserem Schweizer Standort hätten haben können. Die Mitarbeiter dort arbeiten 42 Stunden, sie haben weniger Ferien, und wir bekommen die Arbeitskräfte problemlos am Markt. Also haben wir uns damals mit den Arbeitnehmern in Ditzingen geeinigt, dass sie etwas länger arbeiten, weil wir das Werk hier bauen wollten.
Warum?
Weil wir trotz einer konsequenten Internationalisierung des Unternehmens Patrioten sind. Wir stehen zum Standort und wollen so viele Jobs wie möglich in Deutschland halten. Und es hat im besagten Fall auch geklappt. Die Mitarbeiter haben mitgezogen, weil sie gesehen haben, dass wir hier Hunderte Arbeitsplätze schaffen.
In den neuen Bundesländern fühlen sich viele Menschen abgehängt. Haben Unternehmer nicht eine besondere Verantwortung, die Strukturprobleme zu beseitigen?
Ja, keine Frage. Wir haben in Neukirch in der Oberlausitz ein hervorragendes Werk mit vielen Industriearbeitsplätzen. Bevor wir dort auch nur eine Stelle abbauen, machen wir das zumindest theoretisch eher im Speckgürtel von Stuttgart. Hier können Fachkräfte viel einfacher zu anderen Firmen wie Bosch, Mahle oder Daimler wechseln. Diese Verantwortung nehmen wir als Familienunternehmen sehr ernst.
Sie sitzen auch im Aufsichtsrat von Siemens. Der Konzern prüft gerade, ein Werk in Görlitz zu schließen – trotz ordentlicher Milliardengewinne. Das ist den Betroffenen kaum zu vermitteln.
Die Entscheidungen des Vorstands von Siemens kommentiere ich als Aufsichtsrat nicht. Aber gehen Sie davon aus, dass sie absolut gewissenhaft getroffen werden.
Haben Sie Siemens-Chef Joe Kaeser Ihre Sicht auf die gesamtgesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen in den vergangenen Wochen einmal persönlich erklärt?
Natürlich. Joe Kaeser ist ein hervorragender Manager. Und die Zwänge eines Dax-Unternehmens sind vollkommen andere und weitreichendere als die eines inhabergeführten Familienunternehmens. Ich erinnere nur daran, unter welchem Druck der internationalen Investoren so ein Unternehmen steht, denen solche gesellschaftspolitischen Aspekte naturgemäß weniger wichtiger sind. Ich möchte es darum ins Positive wenden und sagen: Auch deshalb brauchen wir in Zukunft einen gesunden Mix aus großen und mittelständischen Firmen.
Wie meinen Sie das?
Ich kenne so viele Unternehmer, die alles geben, um in Deutschland erfolgreich zu sein und die Mitarbeiter zu halten. Auf sie müssen wir achtgeben. Sie sind der Kern unseres Landes. Denn die übergroße Zahl der Firmen ist nach wie vor mittelständisch geprägt.
Das heißt, ein Börsengang kommt für Trumpf nicht infrage?
Nein.
Niemals?
Niemals. Wir haben eine Eigenkapitalquote von fast 60 Prozent, keine Schulden und versuchen, uns aus eigener Kraft heraus zu finanzieren. Und das Wichtigste: Wir wollen frei bleiben. Frei, um auch mal weniger Rendite zu erzielen, um in die Zukunft zu investieren.
Frau Leibinger-Kammüller, Sie sind jetzt im dreizehnten Jahr an der Spitze von Trumpf, Ihr Vater hat das Unternehmen 27 Jahre geführt. Sie haben gesagt, Sie wollten nicht so lange Chefin bleiben. Haben Sie schon ein Ausstiegsdatum festgelegt?
Ich bin jetzt 58 Jahre alt, mein Vater hat die Firma bis zu seinem 75. Lebensjahr geführt. Ein bisschen habe ich also noch. Aber wir machen eine intensive Nachfolgeplanung innerhalb des Unternehmens, unabhängig von der Familie. Wenn ein Mitglied der Familie irgendwann gut ausgebildet ist, Erfahrung außerhalb des Unternehmens gesammelt hat, charakterlich einwandfrei ist, dann wird entschieden, ob es in die Geschäftsleitung kommt. Es gibt hervorragende Familienunternehmen, die „fremdgeführt“ sind. Es kommt nicht darauf an, dass die Firma von der Familie geführt wird, sondern dass sie gut geführt wird.
Könnten Sie sich einen Wechsel in die Politik vorstellen?
Oh nein, ich käme ja in Teufels Küche. Glauben Sie, ich könnte mich zurückhalten? Ich würde wahrscheinlich im Bundestag die Handtasche schwingen, wenn mir was nicht passt, und den Laden aufwirbeln. Nein, die Politik passt nicht zu meinem Temperament.
Frau Leibinger-Kammüller, vielen Dank für das Interview.