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Unternehmergymnasium in BayernDas Einmaleins des Gründens

Das Unternehmergymnasium Bayern in Pfarrkirchen vermittelt seit zehn Jahren die Grundlagen des Wirtschaftens – auch ganz praktisch an schuleigenen Firmen. Nachahmer gibt es bislang nicht. Warum eigentlich nicht?Stefani Hergert 04.02.2017 - 17:09 Uhr Artikel anhören

Einzigartige Form der Ausbildung.

Foto: PR

Pfarrkirchen. Derzeit übernimmt die mittlerweile sechste Generation beim Möbelproduzenten Bequemix die Geschäfte. Das neue Management überlegt nun, den kleinen Hersteller von Holzliegestühlen für Festivals oder den Baggersee stärker auf das Geschäft mit Unternehmenskunden zu fokussieren und das Marketing in die sozialen Medien auszuweiten. Allerdings muss es sich auch um neues Holz und den Zuschnitt kümmern, die Vorräte sind zum Teil aufgebraucht.

Doch zuvor müssen noch einige Fragen geklärt werden – und die haben nicht nur mit der Unternehmensübergabe zu tun. Denn ob Ferdinand, Marvin und Felix – die sechste Bequemix-Generation - wirklich extensiv Facebook & Co. nutzen können, müssen sie und ihre Lehrer erst prüfen. Die Jungen sind schließlich in der elften Klasse und das Start-up, das sie von ein paar Zwölftklässlern ihres Gymnasiums übernehmen, ist eine Schülerfirma.

Die gibt es mittlerweile an vielen Schulen in Deutschland. Die Ausbildung aber, die die Jugendlichen durchlaufen haben, gibt es so nur hier – am Unternehmergymnasium Bayern in Pfarrkirchen. In der zehnten Klasse wurden ihnen ein Jahr lang die Grundlagen des Unternehmertums vermittelt – von der Geschäftsidee über die Finanzierung bis zu den richtigen Versicherungen für Gründer. Dafür kamen Praktiker einen Nachmittag in der Woche nach Pfarrkirchen oder fuhren die Jugendlichen zu Unternehmen in der Region. „Die Schüler bleiben freiwillig einen weiteren Nachmittag. Das zeigt, wie sehr sie sich für diese Themen interessieren“, sagt Schulleiter Peter Brendel, der das 2006 gestartete Programm initiiert hat.

Per Skype zugeschaltet

Nur ein Teil seiner Zehntklässler nutzt das Zusatzangebot, dafür aber auch Jugendliche aus anderen Regionen. 21 Teilnehmer hat der aktuelle Jahrgang, fünf davon werden jede Woche per Skype zugeschaltet. Praktika, bei denen Paten aus den jeweiligen Unternehmen zur Seite stehen, ergänzen das Programm. In der Oberstufe können die Schüler wie an anderen Gymnasien auch Wirtschaftsseminare belegen. Zudem stehen die Schülerfirmen wie Bequemix allen offen. Die Lehrer, die das Projekt betreuen, halten aber auch Workshops an anderen Schulen, in denen sie Jugendliche ans unternehmerische Denken heranführen. „Das Unternehmergymnasium hilft jungen Menschen, unternehmerisch zu denken“, sagt Stephanie Lindner von der Lindner Group, deren Stiftung das Projekt fördert. „Ob sie später einmal in der Region gründen und hier Arbeitsplätze schaffen oder aber als Mitarbeiter eine Firma voranbringen, ist dabei gar nicht entscheidend.“

Etwa zehn Schüler haben schon während ihrer Schulzeit in Pfarrkirchen ein eigenes Unternehmen gegründet. Markus Arnold ist einer von ihnen. Der 28-Jährige hat sein Abitur gemacht, als das Unternehmergymnasium gerade im Aufbau war, und nebenbei eine IT-Firma betrieben. Die Lehrer hätten ihn mit Kontakten zu Steuerberatern oder Wirtschaftsprüfern vor Ort versorgt, erzählt er heute. Gerade während der Abiturzeit wurde es schon mal stressig, zumal Arnold viel mit Menschen in den USA telefonieren musste und die Zeitverschiebung ein echtes Manko war. „Viel Verständnis“ hätten die Lehrer gehabt, sagt Arnold, der heute als Produktmanager fest angestellt ist.

Nachahmer haben sich bisher noch nicht gefunden, obwohl Schulleiter Brendel die Idee schon oft vorstellen sollte. „Das ganze Konzept hat noch keiner übernommen, aber einzelne Elemente schon“, sagt er. Woran es liegt? Schwer zu sagen. Der Freistaat finanziert das Konzept mit einer Lehrerstelle, das Gymnasium hat zudem einen Förderverein für Schule und Wirtschaft, der bisher 200.000 Euro spendiert hat. „Das hat nicht jede Schule“, sagt Brendel. Eine gewisse Portion Idealismus gehöre aber schon dazu, sagt Lehrer und Projektleiter Andreas Winterer.

Brendel ist aufgefallen, dass sich in den vergangenen Jahren „immer mehr Teilnehmer aus Familien angemeldet haben, die schon ein Unternehmen haben“. Vor zehn Jahren habe man vor allem Jugendliche ansprechen wollen, die bereits eine Gründungsidee haben. Später sei es dann allgemein um mehr unternehmerisches Denken gegangen. Und heute sind es Unternehmer wie Joseph Schöngruber, dessen Sohn im angeschlossenen staatlichen Internat lebt. Die Zusatzausbildung sei nicht der Hauptgrund gewesen, ihn hierherzuschicken, sagt er. Aber gut gefallen habe sie ihm schon.

Sein Sohn ist einer der drei Elftklässler der sechsten Bequemix-Generation. Er hat den Plan, das Marketing auszuweiten. Wer künftig die Stoffe zusammennäht, mit denen die Stühle bezogen sind, ist noch offen. Die fünfte Generation konnte das in der Werkstatt einer Mutter selbst machen. Vielleicht wird das auch outgesourct – sofern das Geld dafür da ist. Bei der Übergabe hat das Team im Vergleich zu klassischen Unternehmen einen Riesenvorteil. Und der heißt Joachim Barth. Der Lehrer hat das Projekt und die Firma von Anfang an begleitet. Wenn es ein Problem gibt, weiß er Rat.

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