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Verkehrsclub ADAC gibt jahrzehntelanges Nein zum Tempolimit auf

Die Debatte um ein generelles Tempolimit auf Autobahnen hat wieder Fahrt aufgenommen. Europas größter Verkehrsclub rückt von seinem strikten Nein ab.
24.01.2020 Update: 24.01.2020 - 10:55 Uhr 4 Kommentare
In der Debatte um ein Tempolimit auf Autobahnen gibt der ADAC seine jahrzehntelange, strikt ablehnende Haltung auf. Quelle: dpa
Tempolimit

In der Debatte um ein Tempolimit auf Autobahnen gibt der ADAC seine jahrzehntelange, strikt ablehnende Haltung auf.

(Foto: dpa)

Goslar Es ist eines der größten Reizthemen in der Verkehrspolitik: ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Nun könnte eine der Bastionen gegen eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung ins Wanken geraten – der einflussreiche ADAC, mit gut 21 Millionen Mitgliedern der größte Automobilclub Deutschlands.

Der ADAC sei „nicht mehr grundsätzlich“ gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung, sagte der Vizepräsident Verkehr, Gerhard Hillebrand, der Deutschen Presse-Agentur vor dem 58. Verkehrsgerichtstag in Goslar (29. bis 31. Januar). Ein Schwerpunkt dort: Aggressivität im Straßenverkehr.

Der Satz von Hillebrand lässt aufhorchen. Denn jahrzehntelang war der ADAC als klarer Gegner eines Tempolimits bekannt. Nun rückt er von seinem strikten Nein ab – ein Ja bedeutet das aber auch nicht. Die Diskussion werde emotional geführt und polarisiere bei den Mitgliedern, erläutert Hillebrand. „Deshalb legt sich der ADAC in der Frage aktuell nicht fest.“

In einer Umfrage unter Mitgliedern hatten 50 Prozent gegen ein Tempolimit votiert und 45 Prozent dafür. Eine Versachlichung sei dringend erforderlich. Die Auswirkungen eines Tempolimits sollten dringend in einer umfassenden Studie geklärt werden. „Diese würde eine belastbare Entscheidungsgrundlage liefern.“

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    Beim Klimaschutz werde bei einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern eine Einsparung von bis zu zwei Millionen Tonnen CO2 erwartet, sagte Hillebrand. Aber auch das sei vage. „Wir brauchen eine umfassende Studie über die Wirkungen eines Tempolimits. Diese würde eine belastbare Entscheidungsgrundlage liefern.“

    In einer aktuellen Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins spricht sich die Mehrheit für ein Tempolimit aus. 56 Prozent der 1000 befragten Führerscheinbesitzer sehen in einer generellen Geschwindigkeitsbeschränkung eine wirkungsvolle Maßnahme für mehr Verkehrssicherheit.

    Scheuer sieht „keine Mehrheiten“ für Tempolimit

    Die Debatte um ein Tempolimit in Deutschland hatte Ende 2019 wieder an Fahrt aufgenommen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte sich ablehnend geäußert: „Wir haben weit herausragendere Aufgaben, als dieses hoch emotionale Thema wieder und immer wieder ins Schaufenster zu stellen – für das es gar keine Mehrheiten gibt.“ Der Regierungspartner SPD hatte zuvor auf einem Parteitag ein Tempolimit von 130 auf Autobahnen gefordert und das mit Verkehrssicherheit und Klimaschutz begründet.

    Der SPD-Politiker Ralf Stegner forderte die CSU und ihren Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer nach der ADAC-Kehrtwende auf, ihre Blockadehaltung in Sachen Tempolimit aufzugeben. „Wenn schon der ADAC erkannt hat, dass ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen ein kleiner aber unkomplizierter Beitrag zum Klimaschutz ist, die Verkehrssicherheit erhöht und den Verkehrsfluss verbessert, dann sollte prinzipiell auch die CSU zu solchen Einsichten fähig sein“, sagte der Fraktionschef im schleswig-holsteinischen Landtag dem Handelsblatt.

    Stegner erinnerte daran, dass ganz Europa ein solches Tempolimit habe. „Selbst die freiheitsliebende USA haben es“, sagte er. „Vielleicht können ja auch Andi Scheuer und seine Kameraden verkraften, wenn wir die deutsche Mitgliedschaft im exklusiven Club der freien Fahrt für freie Bürger aufgeben“, fügte Stegner mit Blick auf Länder wie Mauretanien und Nordkorea hinzu.

    Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hatte mit Blick auf Scheuers ablehnende Haltung erklärt, ein Tempolimit verringere die Unfälle mit Todesfolge und spare jährlich ein bis zwei Millionen Tonnen Kohlendioxid. Die neue SPD-Chefin Saskia Esken schrieb auf Twitter, es gebe nur wenige Länder ohne Tempolimit. Nordkorea gehöre dazu.

    Julia Fohmann vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) verwies auf andere Länder in Europa. Wer auf Autobahnen in Frankreich, Österreich oder Belgien unterwegs sei, erlebe mehr Gelassenheit als hierzulande. Es sei zu vermuten, dass die dortigen Tempolimits dazu beitragen. Sobald man wieder auf deutsche Autobahnen komme, sei der Unterschied spürbar, sagte Sören Heinze, Sprecher des Auto Clubs Europa ACE. Auf Deutschlands Autobahnen gehe es viel aggressiver zu.

    „Mit einem Tempolimit sinkt die Zahl der Unfälle, der verletzten und getöteten Personen“, sagte Heinze. „Hinzu kommen positive Auswirkungen auf den Verkehrsfluss. Und einen Beitrag zum Klimaschutz leistet ein Tempolimit noch dazu.“ Die ACE-Hauptversammlung habe jüngst für Tempo 130 votiert.

    Auf dem Großteil der Autobahnen in Deutschland gilt nach wie vor freie Fahrt. Ohne verbindliches Tempolimit sind 70 Prozent des Autobahn-Netzes. Dauerhaft oder zeitweise geltende Beschränkungen mit Schildern gibt es auf 20,8 Prozent des Netzes, wie aktuelle Daten der Bundesanstalt für Straßenwesen von vor fünf Jahren zeigen. Dazu kommen variable Verkehrslenkungsanzeigen.

    Zu den eindeutigen Befürwortern einer generellen Geschwindigkeitsbegrenzung gehört die Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Aus unserer Sicht spricht alles dafür, dass ein Tempolimit die Zahl der schweren Unfälle auf Autobahnen deutlich verringern würde“, sagte der stellvertretende Bundesvorsitzende Michael Mertens.

    „Eine homogene Geschwindigkeit und damit ein gleichmäßiger Verkehrsfluss sorgen tendenziell für weniger Beschleunigungs- und Bremsmanöver“, sagte der Leiter der Unfallforschung der deutschen Versicherer, Siegfried Brockmann. Es fehlten allerdings belastbare Daten für die Annahme, dass ein allgemeines Tempolimit tatsächlich zu weniger Verkehrstoten führe würde. Dies könne nur ein wissenschaftlicher Großversuch klären, sagte Brockmann.

    Dagegen ist der Automobilclub von Deutschland (AvD) strikt gegen eine Tempobegrenzung. Autobahnen seien die sicherste Straßenkategorie, sagte Sprecher Herbert Engelmohr. Zudem machten die 13.000 Kilometer Autobahnen nur zwei Prozent des deutschen Straßennetzes aus. Rund 3900 Kilometer davon seien schon jetzt mit einem Tempolimit belegt.

    „Es erscheint dem AvD wenig plausibel, dass die Einführung einer generellen Tempobeschränkung auf einem derart kleinen Teil des Straßennetzes einen relevanten Effekt auf die CO2-Emissionen und damit für den Klimaschutz haben soll.“ Autofahrer sollten auf einer freien Autobahn bei guten Wetterbedingungen weiterhin mit höherem Tempo fahren dürfen.

    Mehr: Ein generelles Tempolimit auf Autobahnen soll es vorerst nicht geben, sagt eine Regierungssprecherin. Das sei im Koalitionsvertrag der GroKo nicht vorgesehen.

    • dpa
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    4 Kommentare zu "Verkehrsclub: ADAC gibt jahrzehntelanges Nein zum Tempolimit auf"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Tempolimit von 130 ist eine Augenwischerei und nur Ideologie.
      Wer selbst über 6000 km, bedingt durch einen Anhänger Tempo 100 fahren muss, was hier gerechtfertigt ist, erlebe ich selbst wie ermüdend diese Fahrweise ist. Aber um was reden wir den überhaupt bei Tempo 130:
      3% der Überlandstraßen sind ohne Tempolimit, also 97% der Straßen haben Tempolimit.
      Statistik 2017: Verkehrstote gesamt 3180, davon Innerorts: 976, Außerorts: 1795 bei Tempo 60-100km/h, Autobahn: 409 auf Strecken ohne Tempolimit davon 120 Tote,
      Aber 579 Tote allein auf den wenigen km Alleenstraße auf denen max. 60 - 100 km/h gilt.
      lt. AOK-Studie sind 2014 im Kranken ca 19.000 Tote durch Behandlungsfehler gestorben,
      Im Haushalt sind 9.815 Tote im Jahr 2015 verunfallt. Nun frage ich warum regt sich wegen den 6 mal so vielen Toten im Krankenheus durch Behandlungsfehler und den 3 mal so vielen Toten im Haushalt auf? Niemand. Jeder Tote ist einer zu viel. Dann aber ist es für mich scheinheilig an den fast 30.000 Toten durch Krankenhausbehandlungsfehler und Haushaltsunfällen nichts ändern zu wollen, wobei hier beim gleichen politischen Aufwand bei einer Reduktion von 20% in absoluten Zahlen 6.000 Menschen weniger sterben würden dazu im Gegenzug auf der Autobahn 24 Tote weniger wären. Also wäre es doch Vernünftig zuerst die 30,000 Toten (Krankenhausbehandlungsfehler und Haushaltsunfällen) deutlich zu reduzieren, damit wäre mehr gewonnen ohne andere Bereiche zu vernachlässigen.
      Die Umwelt würde beim der Gesamtemission durch ein Tempolimit um 2 Mio. Tonnen also 0,3% entlastet.
      Komme bitte niemand mit Daten des Umweltbundesamts denn diese stammen aus 1996 und mit diesen Zahlen wird Politik gemacht.
      Wenn ich dann Forderungen lese: "Dass sich das in Zukunft, auch im Hinblick auf die zu erwartenden Gäste unseres Landes, ändert", muss ich sagen, Gäste haben sich den Regeln der Gastgeber unter zu ordnen und nicht umgekehrt, oder wie mein Vater zu sagen pflegte:" Jeder Gast weis wo der Maurer das Loch gelassen hat.

    • Über Jahrzehnte hat man in Deutschland geglaubt, sich Demokratie, das heißt. Eigenverantwortung des Einzelnen, in der Industrie nicht leisten zu können. Der Mord auf unseren Straßen wurde daher auch von staatlicher Seite geduldet, dem entsprach auch die Haltung de ADAC in dieser Frage. Ich würde mir wünschen, dass sich das in Zukunft, auch im Hinblick auf die zu erwartenden Gäste unseres Landes, ändert. Der Mord im Verkehr ist für den Menschen entwürdigend.

    • ein Hoch auf den AVD. In diesem Land geht es nur noch um die moralische Überlegenheit und
      wer wem welchen Lebensstil aufoktroyiert. Laisse fair laisse alle´war einmal. im Übrigen wird die
      Gegner Fraktion hauptsächlich von Leuten geführt, die mal alle 3 Wochen für 5 KM Autobahn fahren.
      Wenn man wirklich beruflich unterwegs ist, weiß man wie gefährlich es ist 300 Km mit Richtgeschwindigkeit zu
      fahren ( sehr ermüdend ) und passt seine Geschwindigkeit den tatsächlichen Verhältnissen an sprich eventuell
      erzeugt man sogar den gegenteiligen Effekt von Verkehrssicherheit. Noch sollte der Fahrer entsprechend der
      Verkehrslage seine Geschwindigkeit dieser entsprechend anpassen und nicht der Gesetzgeber.

    • Ein Tempolimit ist schon länger fällig. Immer wenn ich auf einer Autobahn bin, bekomme ich Schweißausbrüche. Der dichte Autobahnverkehr mit den unzähligen LKW‘s lässt im Grunde keine höheren Geschwindigkeiten zu. Es ist schon ein Wunder, dass nicht mehr passiert. Ich frage mich auch, warum auf unseren Straßen solch eine Risikobereitschaft besteht, das eigene Leben als auch das Leben anderer aufs Spiel zu setzen. Ich hoffe, dass bald ein Politiker heranwächst, der dem ein Ende setzt. In anderen Länder ist die Welt auch nicht untergegangen, nur weil man das Gaspedal nicht durchdrücken darf.

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