Autoindustrie: EU will E-Auto-Zölle für Hersteller aus China streichen
Brüssel, Peking. Die EU-Kommission kommt China im Streit um Elektroautos entgegen: Statt hoher Ausgleichszölle sollen chinesische Anbieter ihre Fahrzeuge künftig zu einem festgelegten Mindestpreis in die EU liefern dürfen. Das geht aus einem Dokument hervor, das die Kommission am Montag veröffentlicht hat.
Das Handelsblatt hatte bereits im April vergangenen Jahres exklusiv über eine vertrauliche Vereinbarung zwischen EU-Handelskommissar Maros Sefcovic und Chinas Handelsminister Wang Wentao berichtet, den Streit über die E-Autos mit einer Vereinbarung über Mindestpreise beizulegen. Die EU beschuldigt China, seinen Unternehmen unzulässige Wettbewerbsvorteile auf dem Weltmarkt zu verschaffen, indem es sie staatlich subventioniert.
Als erster Hersteller dürfte Volkswagen Anhui von den neuen Regeln profitieren. Dies ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Volkswagen und dem chinesischen Hersteller JAC mit Sitz in der chinesischen Provinz Anhui. Die EU-Kommission prüft seit Dezember eine Verpflichtungserklärung der Firma.
Auch soll der von VW Anhui in China hergestellte vollelektrische SUV Cupra Tavascan von den Zöllen ausgenommen werden. Im Gegenzug verspricht VW, den SUV nicht unter einem bestimmten Mindestpreis zu importieren. Das Unternehmen warnte zuvor, die EU-Zölle stellten eine ernste Bedrohung für das Geschäftsmodell dar.
Die EU-Kommission stellte nun am Montag allgemeine Vorgaben für sogenannte Preisverpflichtungen vor, die chinesische Exporteure von batterieelektrischen Fahrzeugen einreichen können. Diese seien dazu geeignet, die schädlichen Auswirkungen staatlicher Subventionen durch China auszugleichen und eine Wirkung zu entfalten, die den geltenden Zöllen entspricht, heißt es in dem auf der Website der Kommission veröffentlichten Dokument. Weitere Hersteller könnten dann dem Beispiel von Volkswagen folgen.
China lobt „Fortschritte“
Künftig sollen die Hersteller in ihren Angeboten die eigenen Mindestimportpreise sowie Vertriebswege angeben und erklären, wie sie mögliche Quersubventionierungen ausschließen. Auch zu künftigen Investitionen in der EU sollen die Hersteller Angaben machen.
Die EU hatte im Juli 2024 Zölle auf in China hergestellte E-Autos eingeführt. Sie begründete diese mit unfairen Wettbewerbsvorteilen aufgrund der staatlichen Unterstützung für die Autoindustrie in der Volksrepublik. China reagierte mit Gegenmaßnahmen, die unter anderem Milchprodukte aus der EU trafen. Zudem übte Peking mit Exportbeschränkungen für seltene Erden und Permanentmagnete Druck auf die EU aus.
Chinas Handelsministerium teilte am Montag mit, dass es mehrere Verhandlungsrunden zwischen Brüssel und Peking gegeben habe. Beide Seiten seien übereingekommen, dass es notwendig sei, chinesischen E-Auto-Exporteuren entsprechende Leitlinien zur Verfügung zu stellen.
Die erzielten Fortschritte „spiegeln den Geist des Dialogs“ zwischen China und der EU wider, lobte das Ministerium. Das trage nicht nur zur gesunden Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Verhandlungspartnern bei, sondern auch zur Sicherung der regelbasierten internationalen Handelsordnung, hieß es. Beobachter deuten diese Aussage als Seitenhieb auf die US-Regierung und die von ihr geführten Handelskonflikte.
Die chinesische Handelskammer in der EU wertete den Schritt als positives Signal und sprach von einer „sanften Landung“ im Streit um die E-Auto-Zölle. Die Maßnahme könne das Vertrauen am Markt stärken und für mehr Stabilität und Planbarkeit für chinesische Hersteller und Zulieferer in Europa sorgen, erklärte der Verband auf der Plattform X.
Kritiker warnen vor Kapitulation
Innerhalb der EU-Behörde stößt die Kehrtwende indes auf Kritik. Die Experten der EU-Kommission hätten sich zuvor bewusst gegen Mindestpreise entschieden, da diese leicht umgangen werden können, etwa indem Importeure Rabatte für andere Produkte erlassen. Zudem würden die chinesischen Autobauer die Differenz zwischen ihrem ursprünglichen Dumpingpreis und dem vereinbarten Mindestpreis selbst einnehmen, anstatt dass die EU die Preisdifferenz über Zölle kassiert.
Die Kritiker beziehen sich auch auf den Kampf um die europäische Solarindustrie im Jahr 2013. Auch damals ersetzte die EU ihre Anti-Dumping-Zölle auf chinesische Solarmodule durch einen Mindestpreis – nach massivem Druck aus Peking und Berlin. Chinesische Verkäufer drängten daraufhin mit massiven Rabatten auf den EU-Markt, Zollbehörden und Kommission waren mit der Kontrolle überfordert. In Brüssel heißt es deswegen, man habe „schlechte Erfahrungen“ mit Mindestpreisen gemacht.
Kritik kommt auch vom EU-Abgeordneten Michael Bloss (Grüne): „Europa darf die Fehler beim Verlust der Solarindustrie an China nicht bei den Autos wiederholen“, sagt er. „China verfolgt eine klare Strategie zur Übernahme des globalen Automarkts.“ Dagegen müsse sich Europa behaupten.
Kurzfristig habe die EU eine „besonders aggressive und zerstörerische chinesische Preispolitik“ stoppen können, indem sie die Zölle eingeführt habe, sagt der EU-Abgeordnete Engin Eroglu (Renew). Langfristig habe sich China aber dennoch den Zugang zum europäischen Automarkt gesichert. Die Wirksamkeit der EU-Verhandlungsstrategie hänge nun stark von einer konsequenten Überwachung und Durchsetzung der Vereinbarung ab.
Ohnehin gelten die EU-Zölle auf E-Autos aus China als vergleichsweise niedrig: Nicht nur die USA, sondern auch Kanada, Indien und andere asiatische Länder erheben Zölle von 100 Prozent, um die billigen chinesischen Stromer aus dem Markt zu halten. Die Türkei erhebt Zölle von über 50 Prozent. Die Sorge der Kommissionsexperten und europäischer Wettbewerber: Sollte die EU ihre Zölle nun ganz aufheben, drohe eine Schwemme aus China.
Denn die Verkäufe chinesischer Autobauer sind in Europa zuletzt schon gestiegen, obwohl die Zölle galten. Sie erreichten im November einen Marktanteil von 12,8 für Elektrofahrzeuge, wie Daten von Marketforce zeigen.
Aus Sicht der chinesischen Autobauer ist eine Expansion ins Ausland wirtschaftlich notwendig, weil in der Volksrepublik ein ruinöser Preiskampf herrscht. Kaum ein Hersteller verdient dort mit dem Verkauf von E-Autos Geld. Die Staatsführung versucht zwar, gegen die negative Preisspirale vorzugehen, bislang aber ohne nachhaltigen Erfolg.
Erstpublikation: 12.01.2026, 11:43 Uhr.