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Besuch in KatarGabriels Suche nach den WM-Sklaven

Menschenrechtler beklagen die Ausbeutung Tausender Wanderarbeiter auf den WM-Baustellen in Katar. Franz Beckenbauer will diese Arbeitssklaven nicht gesehen haben. Nun scheint auch SPD-Chef Gabriel ein Auge zuzudrücken. 10.03.2015 - 12:40 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ist bei seiner Auslandsreise in in Doha eingetroffen.

Foto: dpa

Doha. Vor dem Emir kommt der Kaiser. Doha, 35 Grad, leichter Wind vom Golf: Sigmar Gabriel wird mit Franz Beckenbauer konfrontiert. Zwei Jahre ist es her, da fiel der legendäre Satz von Beckenbauer, er habe rund um die WM-Baustellen in Katar nicht einen einzigen Sklaven gesehen: „Die laufen alle frei rum.“ Sie seien weder in Ketten gefesselt noch hätten sie irgendwelche Büßerkappen am Kopf. Menschenrechtler und Gewerkschafter waren entsetzt.

Gabriel kennt die Berichte über viele Todesfälle auf WM-Baustellen, die Ausbeutung asiatischer und afrikanischer Wanderarbeiter. Der Wirtschaftsminister guckt sich gerade das Modell einer neuen 450.000-Einwohner-Stadt an, die unter deutscher Bauleitung für 45 Milliarden US-Dollar aus dem Wüstensand gestampft wird. Im Stadion von Lusail City sollen Eröffnung und Abschluss der WM stattfinden, erklärt der Fremdenführer. Auf Kaiser Franz angesprochen, verzieht der SPD-Chef beim Rundgang spöttisch den Mund: „Da ich weiß, dass man Sklaven in der Regel nicht sieht, habe ich, glaub' ich, ein anderes Bild.“

Anschließend fordert Gabriel bessere Arbeitsbedingungen auf den Baustellen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022. Zugleich will er seine Gastgeber aber auch nicht brüskieren und spricht sich auch für einen fairen Umgang mit dem Golfemirat aus. „Wir wissen, dass es in der Vergangenheit erhebliche Verstöße gegeben hat“, sagt der Bundeswirtschaftsminister. Es habe aber Verbesserungen gegeben.

Fußballweltmeisterschaft in Katar
Das Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel am Persischen Golf wird als absolute Monarchie regiert. Der Staat liegt auf einer Halbinsel und grenzt im Süden an Saudi-Arabien. Das Staatsgebiet schließt einige Inseln ein.
Katars Hauptstadt ist mit 521 283 Einwohnern Doha. Die Stadt beherbergt den Internationalen Flughafen Doha, sowie wichtige Teile der Öl- und Fischereiindustrie. Mit der „Education City“ ist die Stadt ebenso ein attraktives Gebiet in Katar für Forschung und Bildung.
Das überwiegend flache Land ist von Salzsümpfen, Geröll- und Kieswüste geprägt. Das Grundwasser hat einen sehr hohen Salzgehalt, weshalb Trinkwasser in Meerwasserentsalzungs-Anlagen gewonnen wird. Mit dem geringen Jahresniederschlag von unter 100 mm gehört Katar zu den trockensten Landschaften der Erde. Das Klima ist ganzjährig schwül, subtropisch und heiß. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 85 %. Im Sommer sind Temperaturen von 45 °C keine Seltenheit, im Winter sinken sie auf durchschnittlich 17 °C.
Die arabische Bevölkerung mit katarischer Staatsangehörigkeit beträgt nur rund 250.000 Menschen. Etwa 80 % der 1, 7 Millionen Einwohner Katars sind Migranten. Der sunnitische Islam ist Staatsreligion. Unter den Menschen mit Migrationshintergrund herrschen Schiiten vor. Zudem gibt es einen beträchtlichen Anteil an Hindus und 70.000 Christen in Katar. Die Amtssprache ist arabisch, Handelssprachen sind Persisch und Englisch.
In Doha sind sechs Stadien geplant, sechs weitere verteilen sich auf Städte in der näheren Umgebung. Damit die einzelnen Sportanlagen gut erreichbar sind, werden alle an das im Bau befindliche Stadtbahnsystem angeschlossen. Das Investitionsvolumen für die zwölf Spielstätten wird auf etwa 2,87 Milliarden bis 4 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Die Katarer Nationalmannschaft bestritt 1970 ihr erstes internationales Länderspiel während des Golfpokal-Turniers gegen Bahrain. Derzeit rangiert die Mannschaft auf der Fifa-Weltrangliste auf dem 96. Platz. An der letzten WM hat Katar nicht teilgenommen, ist nun aber als Gastgeber automatisch qualifiziert.
Die Kritik, das Land weise keine fußballerische Tradition vor, rechtfertigte die Fifa mit der Erklärung, man wolle neue Wege gehen. Ein weiterer, eher praktischer Einwand gegen die Vergabe waren die hohen Temperaturen in dem Land. Aufgrund von fast 50 Grad Celsius im Sommer müssten die Stadien klimatisiert werden. Daraufhin regte Franz Beckenbauer eine Verlegung der Fußball-WM in den Winter an. Eine weitere, viel grundsätzlichere Kritik ist, dass bei der Abstimmung des Fifa-Exekutivausschusses im Vorfeld schon Katar-Stimmen gekauft wurden.
Wegen der Hitze im Sommer überlegt die Fifa nun, die WM im Winter, also kurz vor Weihnachten auszurichten. Das würde den Spielplan der großen Ligen über den Haufen werfen.

Zum Abschluss seiner Vier-Tage-Tour durch die Golfstaaten ist er in Katar gelandet. Der märchenhafte Reichtum lockt viele Touristen ins gasreiche Emirat, das seit dem Arabischen Frühling in der Weltpolitik eine umstrittene Rolle spielt.

Einerseits ist es enger Partner des Westens, andererseits besteht der Verdacht, katarisches Geld fließe nach Syrien und Irak, womöglich auch an die sunnitische Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Das weist der Emir, Scheich Tamim bin Hamad al-Thani, zurück, den Gabriel auch kennenlernt.

Die Eintrittskarte zum Emir hat Gabriel am Abend zuvor in einem schillernden Museum gelöst. Scheich Faisal, ein steinreicher Großcousin des Herrschers, führt ihn herum. Mehr als 500 Oldtimer, ein Rennanzug von Michael Schumacher, tote Tiere, antike Waffen sind zu sehen. Auch eine nachgestellte Folterszene gehört zur Sammlung.

So eine Einladung kann ein Politiker kaum ausschlagen, der Geschäfte in Katar machen will. Das Emirat ist Großaktionär etwa bei Deutscher Bank, Siemens, VW, Hochtief und Solarworld. Faisal ist nicht irgendwer, sondern sei der „Milchbruder“ des Emir-Vaters, wird erzählt. Sie sollen von derselben Amme gestillt worden sein.


Gabriel ist von Faisal, dem in Berlin Luxushotels und eine Beteiligung am Klinikkonzern Vivantes gehören, beeindruckt, weil der auch mal klein angefangen habe: „Da kann man nur ein Gefühl großer Bewunderung empfinden. Einen besseren Gastgeber hätten wir uns nicht vorstellen können.“

Nicht alle sehen das so, hätten sich mehr Distanz gewünscht. Der Kontrast zu Gabriels vollmundigen Einsatz für Menschenrechte in Saudi-Arabien sei groß: „Ich bin irritiert, ich habe mich hier nicht wohlgefühlt. Es geht in Katar um ernste Themen wie die Ausbeutung von Wanderarbeitern“, meint der mitreisende grüne Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek.

Die Fußball-Welt ist in Aufruhr, weil das globale Ereignis erstmals im Winter stattfinden soll, mit einem Finale kurz vor Weihnachten. Über einen Boykott oder eine Verlegung will Werder-Bremen-Fan Gabriel lieber nicht reden: „Wenn sie stattfindet, dann werde ich sicherlich, sofern ich dafür Zeit habe, überlegen, ob ich mir ein Ticket kaufe.“

Momentan sind mehr als 13.000 Gastarbeiter in Katar. Der Internationale Gewerkschaftsbund fällte im Vorjahr ein vernichtendes Urteil: „Ausländische Beschäftigte werden wie Sklaven behandelt.“ Schuld sei das „Kafala“-System. Die Arbeiter gehören dem Arbeitgeber, der den Pass abnimmt. Schuften in der Hitze, sechs Tage die Woche, führte zu vielen Todesfällen. Der Emir reagierte. „Es gibt vier Helikopter, die innerhalb von achten Minuten an jedem Unfallort sind“, sagt die Regierung.

Auch Gabriel spricht von vielen Verbesserungen. Der Westen sollte anerkennen, dass Katar auf Druck von Gewerkschaften und der Uno-Arbeitsorganisation ILO viel für die Wanderarbeiter verbessert habe, sagte Gabriel. „Ich finde, das gehört auch zur Wahrheit.“

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Die ILO selbst ist da vorsichtiger. Die Katarer haben oft viel versprochen, schwarz auf weiß liegt nichts vor. Eine Untersuchung der Arbeitsschutz-Kontrolleure der Vereinten Nationen dazu läuft. In Berlin wird darauf gesetzt, dass der Emir eine Eskalation vermeiden will. Er habe genug andere Probleme vor der Haustür.


dpa
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