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Chinas Einfluss „Zensur, Schikane, Verfolgungen“: Hongkong wird immer unattraktiver für Unternehmen

Ein Jahr nach dem Inkrafttreten des Sicherheitsgesetzes kehren immer mehr Firmen der Metropole den Rücken. Der große Exodus ist jedoch ausgeblieben.
30.06.2021 - 16:47 Uhr 1 Kommentar
Ein Mann schwenkt eine chinesische Fahne. Hongkong bereitet sich auf Feierlichkeiten zum 24. Jubiläum der Rückgabe Hongkongs an China sowie das 100. Jubiläum der Kommunistischen Partei Chinas vor. Quelle: dpa
Chinas Fahne in Hongkong

Ein Mann schwenkt eine chinesische Fahne. Hongkong bereitet sich auf Feierlichkeiten zum 24. Jubiläum der Rückgabe Hongkongs an China sowie das 100. Jubiläum der Kommunistischen Partei Chinas vor.

(Foto: dpa)

Peking, Bangkok Die Hongkonger Regierung griff am 1. Juli vor einem Jahr sofort hart durch. Gleich am ersten Tag nach dem Inkrafttreten des Nationalen Sicherheitsgesetzes ließ sie rund 300 Menschen festnehmen, die für mehr Demokratie protestiert hatten – zehn explizit auf Grundlage des neuen Gesetzes. Inzwischen ist diese Zahl auf mehr als 114 gestiegen, darunter der bekannte Verleger der Peking-kritischen Zeitung „Apple Daily“, Jimmy Lai.

Seitdem das drakonische Gesetz in dieser Woche vor genau einem Jahr verabschiedet wurde und in Kraft trat, hat sich Hongkong deutlich verändert. Das bekommen auch Unternehmen zu spüren. Zwar ist der große Exodus ausgeblieben, doch immer mehr Firmen verkleinern ihre Büros vor Ort, verlassen die Finanzmetropole ganz oder planen noch, dies zu tun.

In einer Umfrage der Amerikanischen Handelskammer sagten im Mai 42 Prozent der befragten Unternehmen, sie überlegten, die Stadt zu verlassen. 62 Prozent davon gaben als Grund an, dass sie sich wegen des Nationalen Sicherheitsgesetzes sorgten. Das Sicherheitsgesetz zerstöre die internationale Attraktivität Hongkongs, wird einer der Befragten zitiert.

Ein Jahr nach dem Inkrafttreten zog die Menschenrechtsorganisation Amnesty in einem 47-seitigen Bericht am Mittwoch Bilanz. Das Gesetz zur Nationalen Sicherheit werde benutzt, um Andersdenkende ins Visier zu nehmen und „Zensur, Schikanen, Verhaftungen und Verfolgungen zu rechtfertigen, die die Menschenrechte verletzen“, heißt es darin. „In einem Jahr hat das Nationale Sicherheitsgesetz Hongkong einem Polizeistaat nahegebracht und ein Klima der Angst geschaffen, das in allen Teilen der Gesellschaft zu spüren ist – von Politik über Kultur, Bildung bis hin zu den Medien“, sagte Theresa Bergmann, Asien-Expertin bei Amnesty International in Deutschland.

„Mir war klar: Jetzt ist es Zeit zu gehen“

Die US-Stiftung Heritage Foundation, die Hongkong von 1995 bis 2019 in einem Ranking der freiesten Wirtschaftsstandorte auf dem ersten Platz führte, hatte die Finanzmetropole in der neuesten Ausgabe der Liste bereits komplett entfernt. Hongkong wird jetzt mit China auf Platz 107 aufgeführt.

Sandra Boch ist eine der Unternehmerinnen, die die chinesische Sonderverwaltungszone aufgrund der politischen Situation bereits verlassen haben. Die 39-Jahre alte Österreicherin hat 16 Jahre in Hongkong gelebt. Sie betrieb dort den Online-Versandhändler Modes4u, der auf Stoffe aus Japan und Amerika spezialisiert ist, und beschäftigte zwölf Angestellte in der Metropole. Die Straßenproteste gegen Chinas wachsenden Einfluss erlebte sie hautnah mit. „Wir hatten aber immer die Hoffnung, dass sich China doch noch zurückzieht“, sagt sie. Das änderte sich vor einem Jahr: Als China das sogenannte Sicherheitsgesetz für Hongkong in Kraft treten ließ, fühlte sie sich in der Stadt nicht mehr sicher. „Mir war klar: Jetzt ist es Zeit zu gehen.“

Im November verlagerte Boch ihr Unternehmen inklusive ihres Warenlagers von Hongkong in den südostasiatischen Stadtstaat Singapur. Das sei wegen der Pandemie zwar alles andere als einfach gewesen – das Cargo-Schiff mit ihrem kompletten Warenbestand steckte wegen eines Virusausbruchs zeitweise in Malaysia fest. Doch die Unternehmerin zeigt sich überzeugt, dass der Schritt der richtige war. Singapurs Logistikinfrastruktur sei sogar besser als die in Hongkong, sagt sie. Eine Rückkehr in ihre alte Wahlheimat schließt sie aus: „Ich habe einen sieben Jahre alten Sohn. Hongkong ist nicht mehr ein Ort, an dem ich ihn aufwachsen sehen möchte.“

Zunehmender Andrang neuer Kundschaft aus Hongkong

Boch ist nicht die einzige Unternehmerin, die sich von Hongkong abwendet und in Singapur eine neue Heimat findet. Aus Sorge um die Daten seiner Nutzer verlegte der südkoreanische Internetkonzern Naver im vergangenen Jahr seine Back-up-Server von Hongkong in die südostasiatische Metropole.

Die Deutsche Bank zog das Büro ihres Asien-Vorstands aus Hongkong ab und wählte stattdessen Singapur. Der Computerspiele-Hersteller Sony Interactive Entertainment ging mit einem Teil seines Managementteams den gleichen Weg. L'Oréal kündigte an, Mitarbeiter von Hongkong nach Singapur und Schanghai zu verlagern – um klarere Zuständigkeiten für die Märkte in Südostasien und China zu schaffen.

Auch die Betreiber sogenannter Family-Offices – der privaten Vermögensverwaltung von sehr wohlhabenden Klienten – berichteten in Singapur in den vergangenen Monaten von einem zunehmenden Andrang neuer Kundschaft aus Hongkong. Offenbar versuchen Anleger, zumindest einen Teil ihrer Vermögenswerte vor möglichen Zugriffen der chinesischen Behörden zu schützen.

Singapurs Regierung zeigt sich zwar öffentlich bemüht, nicht als Profiteur der politischen Umwälzungen in Hongkong zu wirken – wohl auch, um die Beziehungen mit China nicht zu belasten. Doch wenn die Superreichen eine neue Heimat suchen, sagt man in dem Stadtstaat nicht Nein: Wer mindestens 150 Millionen Dollar mitbringt, erhält im Gegenzug eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis.

„Die Bedenken, was ich sagen darf, sind da“

Als das Staatssicherheitsgesetz in Kraft trat, war die Hongkonger Regierung aktiv auf ausländische Unternehmen in der Finanzmetropole zugegangen und hatte versucht, sie damit zu beschwichtigen, dass mit dem Gesetz nur „Extremisten“ zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Doch die Unternehmen in Hongkong sind nachhaltig verunsichert.

Auf der einen Seite sei es durch das harte Durchgreifen der Hongkonger Regierung, die die Demokratieproteste durch das Sicherheitsgesetz völlig erstickt hatte, nun ruhiger in der Stadt. „Aber die Bedenken, was das Sicherheitsgesetz angeht - Was darf ich sagen und was nicht, und wo gerate ich ungewollt und unbewusst mit dem Gesetz in Konflikt? - sind da“, sagt ein deutscher Wirtschaftsvertreter in Hongkong, der anonym bleiben will.

Auch in der deutschen Wirtschaft vor Ort sind einige, die Hongkong verlassen wollen oder es bereits getan haben. Der große Exodus ist aber ausgeblieben. Allerdings sei es schwer zu bestimmen, ob diejenigen, die Hongkong verlassen haben, das wegen der strengen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie und der beschränkten Reisemöglichkeiten getan hätten oder aufgrund der politischen Situation, sagt der Wirtschaftsvertreter. Unmittelbar stärker betroffen sei die deutsche Community von den coronabedingten Einschränkungen.

Friedolin Strack, Abteilungsleiter Internationale Märkte beim Bundesverband der Deutschen Industrie erklärt: „Wir sehen bisher keine Abwanderung von deutschen Firmen aus Hongkong. Chinas Vorgehen in Hongkong und in Xinjiang war jedoch ein Weckruf für deutsche Unternehmen. Das Verhalten der chinesischen Staatsführung wird jetzt deutlich kritischer hinterfragt."

Mehr: Der Westen hat sein Überlegenheitsgefühl durch einen China-Komplex ersetzt.

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1 Kommentar zu "Chinas Einfluss: „Zensur, Schikane, Verfolgungen“: Hongkong wird immer unattraktiver für Unternehmen"

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  • Hongkong ist eine Stadt mit 7Mio Einwohnern. Daher eigentlich eine Stadt wie jede andere. Die einzige Bedeutung HKs sind die niedrigen Steuern + der vereinfache Zugang zum chinesischen Binnenhandel. + Geldwäsche von chinesischen Unternehmen da HK einfacher mit dem Ausland handeln kann als China.

    Natürlich ist China bestrebt das "Schlupfloch" zu schließen und die Geldströme übers Festland selbst zu leiten. Relativ legitim aus meiner Sicht. Europa will auch alle Steueroasen schließen. Europa hat sogar den 500 Euro Schein abgeschafft wegen der Geldwäsche.

    Entspannen und HK, HK sein lassen.

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