Coronavirus: Restaurants und Schulen müssen schließen – Belgier bereiten sich auf den Beinahe-Lockdown vor
Auch Belgien hat seine Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus verschärft.
Foto: dpaBrüssel. Es ist Freitagmittag und in der Buchhandlung Filigranes, eine der größten in Brüssel, herrscht reges Treiben. Der riesige Laden ist voller stöbernder Leser. An den Kassen stehen lange Schlangen von Kunden, die stapelweise Bücher kaufen, außerdem Puzzle und Spiele. Sie wappnen sich für den anstehenden Quasi-Hausarrest, den ihnen ihre Regierung aufgebrummt hat.
Etwa 14 Stunden zuvor hat die belgische Regierung den baldigen Beinahe-Lockdown angeordnet: Das öffentliche Leben soll auf ein Minimum reduziert werden, um eine Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.
Alle 11 Millionen Einwohner müssen auf sämtliche Freizeitaktivitäten verzichten. Alle Cafés und Restaurants müssen schließen, Geschäfte dürfen nur unter der Woche öffnen – Lebensmittelgeschäfte und Apotheken sind jedoch davon ausgenommen. Auch Frittenbuden und Take-aways dürfen weiterhin geöffnet bleiben.
Die Schule fällt aus, allerdings ist die Kinderbetreuung für arbeitende Eltern gesichert, die Kindertagesstätten bleiben geöffnet. Die Regierung wies zusätzlich darauf hin, dass Kinder auf keinen Fall von ihren Großeltern betreut werden sollten, da diese zur Risikogruppe des Coronavirus gehören.
Generell sollen alle möglichst von zu Hause aus arbeiten. Der öffentliche Nahverkehr wird aber weiterhin in Betrieb sein. Trotzdem soll die Bevölkerung Busse und Bahnen nur nutzen, wenn es nicht anders möglich ist. Um das Infektionsrisiko zu senken, führt beispielsweise der Brüsseler Nahverkehr keine Ticketkontrollen mehr durch.
Die Maßnahmen gelten ab Freitag Mitternacht und sollen drei Wochen – bis Ostern – andauern. Damit ist Belgien eines der EU-Länder, das am striktesten gegen die Ausbreitung des Coronavirus vorgeht.
Den Ankündigungen vorangegangen war eine Sitzung des nationalen Sicherheitsrats am Donnerstagabend. Zahlreiche Institutionen hatten Druck auf die Regierung ausgeübt, striktere Maßnahmen durchzusetzen. Stand Freitag gibt es in Belgien 556 Corona-Infizierte. Die Zahl war seit vorvergangenem Wochenende stark angestiegen; zuvor hatte es lediglich einen Infizierten gegeben.
„Dies ist kein Lockdown.“
Die belgische Ministerpräsidentin Sophie Wilmès sagte zwar: „Dies ist kein Lockdown.“ Verschiedene Bereiche des öffentlichen Lebens würden jedoch zum Stillstand kommen. Es gehe darum, eine Situation wie in Italien zu verhindern.
Sie bat die Bevölkerung, keine Hamsterkäufe zu tätigen. Da die Supermärkte geöffnet blieben, sei dies nicht nötig. Am Freitag zeigten sich in den Supermärkten dennoch leere Toilettenpapier-Regalfächer, außerdem ein starker Abverkauf bei Nudeln, Cerealien, Konserven und Milchprodukten.
Die flämische Tageszeitung De Morgen berichtete, dass der Discounter Aldi immer wieder seine Filialen für eine kurze Zeit schließen werde, damit seine Mitarbeiter die Regale wieder auffüllen könnten.
Bereits am Donnerstag, als schon Gerüchte über einen anstehenden Lockdown die Runde machten, sprachen die Händler von einer um 50 Prozent angestiegenen Nachfrage nach Toilettenpapier. Manche Supermärkte verweigerten den Einlass, da sich bereits zu viele Kunden im Laden befanden.
Auch wenn die Buchhandlung Filigranes am Freitag ebenfalls einen verstärkten Abverkauf beobachten konnte, zählt sie trotzdem nicht zu den Gewinnern der Krise. Dass der Laden am umsatzstarken Wochenende nicht öffnen darf, schmerze sehr. „Wir werden Verluste machen“, sagte eine Buchhändlerin. Zudem mache sich bereits das Ausbleiben des EU-Publikums bemerkbar: In der Abteilung der fremdsprachigen Bücher sind die Verkäufe komplett eingebrochen.
EU-Kommission im Home-Office
Die Brüsseler EU-Blase hatte bereits in den vergangenen zwei Wochen zu drastischen Maßnahmen gegriffen. Erst wurden nach und nach alle Veranstaltungen abgesagt, mittlerweile hat das EU-Parlament defacto seine Arbeit eingestellt. Die Abgeordneten sind in ihre Wahlkreise gereist, alle übrigen sollen auf Telearbeit umstellen.
Auch die EU-Kommission schickt ab Montag fast alle ihrer Mitarbeiter ins Home Office. Nur Personen, die Schlüsselstellen besetzen, sollen sich auf den Weg ins Büro machen. Im Rat finden nur die dringendsten Ministertreffen statt. Der eingefrorene Politikbetrieb stellt vor allem das Gastgewerbe vor große Probleme.
Ohne Veranstaltungen gibt es auch keine Besucher mehr, die irgendwo übernachten müssen. Die Restaurants verzeichneten in der vergangenen Woche bereits 30 bis 50 Prozent weniger Gäste, in den letzten Tagen 50 bis 80 Prozent weniger. Die nun angeordneten verpflichtenden Schließungen ist für sie eine völlige Katastrophe, so der belgische Gastgewerbe-Verband Fédération Horeca Bruxelles. Die Branche steht für 186.000 Arbeitsplätze und 60.000 Geschäftsinhaber.