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Covid-19 und InfluenzaEngpass beim Grippeimpfstoff: Frankreich blamiert sich beim Infektionsschutz

Corona treibt auch in Frankreich die Nachfrage nach der Grippeschutzimpfung. Doch die ist nicht mehr zu haben. Der Grund: Die französische Regierung hat sich verrechnet.Thomas Hanke 23.10.2020 - 18:02 Uhr Artikel anhören

Anders als Deutschland und Großbritannien hat Frankreich darauf verzichtet, im Corona-Jahr mehr Grippeimpfstoff zu ordern. Nun hat die Regierung ein Problem.

Foto: dpa

Paris . „Die nächsten Wochen werden hart“, sagte Frankreichs Premierminister Jean Castex an diesm Freitag mit Blick auf die steigenden Corona-Infektionszahlen und die zunehmende Auslastung der Krankenhäuser. Die Voraussage könnte sich noch stärker erfüllen, als ihm lieb ist. Das läge dann nicht zuletzt an einem Fehlers, den offenbar der Gesundheitsminister Olivier Véran zu verantworten hat.

Seit Langem weiß man, dass im Spätherbst und Winter die Corona-Pandemie zusammentreffen wird mit der jedes Jahr auftretenden saisonalen Grippe. Das birgt die Gefahr in sich, dass viele Menschen, vor allem die im fortgeschrittenen Alter, bereits durch die normale Grippe gesundheitlich geschwächt sind, wenn sie sich mit Corona infizieren.

Das zu bewältigen stellt das Gesundheitssystem vor eine besondere Herausforderung. Bereits im Frühjahr, als alle Regierungen ihre Dosen für den Grippeimpfstoff bestellt haben, war also absehbar, dass 2020 kein Jahr wie jedes andere wird.

Weil mit einer steigenden Nachfrage nach dem Grippe-Impfstoff gerechnet wird, hat beispielsweise die Bundesregierung die Anzahl der bestellten Dosen auf 26 Millionen Einheiten verdoppelt. Auch das Vereinigte Königreich hat deutlich mehr Impfstoffe bestellt als in den vergangenen Jahren.

Anders der französische Gesundheitsminister Véran. Im März bestellte er rund 13 Millionen Dosen, so viel wie in den vergangenen Jahren. Im April wurde diese Menge noch einmal bestätigt.

Zu diesem Zeitpunkt war die Pandemie bereits voll nach Europa übergeschwappt, und man wusste, dass die Bürger nach jedem rettenden Strohhalm greifen würden, und sei es die Grippeimpfung, weshalb die Nachfrage völlig anders aussehen würde als in den Vorjahren.

Véran aber reagierte nicht, zumindest soweit zu erkennen ist. Auf Nachfrage des Handelsblatts bei drei verschiedenen Pressestellen des Gesundheitsministeriums und der angeschlossenen Behörden weigerten sich alle, zu der Frage Stellung zu nehmen.

Umso bereitwilliger geben Apotheker und Ärzte Auskunft. Ein Apotheker im 17. Arrondissement von Paris sagt schulterzuckend, fünf Tage nach Verkaufsstart sei ihm der Impfstoff ausgegangen. Neue Lieferungen werde er vorerst auch nicht mehr bekommen, da alle Hersteller ausverkauft seien. „Vielleicht gibt es im November noch einmal eine Lieferung, aber ich rechne eigentlich nicht damit“, lautet die pessimistische Auskunft.

Ein Kollege aus demselben Viertel sieht das genauso: „Es ist alles weg, an einem einzigen Tag sind in Frankreich fünf Millionen Dosen verkauft worden, jetzt ist nichts mehr vorhanden, sie können gerne durch alle Apotheken in Paris laufen, sie werden den Impfstoff nicht mehr finden.“

Ausgerechnet auf Frankreichs belebtester Avenue, den Champs-Elysées, findet sich ein Apotheker, der noch ein paar Spritzen übrig hat. „Ende vergangener Woche hat die Auslieferung des Impfstoffs begonnen, ich habe 175 Einheiten erhalten, und davon habe ich heute Abend noch zwölf Stück, morgen früh werde ich blank dastehen“, sagt er.

Möglicherweise fragt die Regierung nun bei Herstellern in China an, ob sie Frankreich kurzfristig große Mengen an Grippeimpfstoff liefern können.

Foto: imago images/Xinhua

Die Regierung habe widersinnige Empfehlungen abgegeben, empört er sich. Die Impfung sei vor allem für ältere Menschen bestimmt. Tatsächlich informiert die staatliche Krankenkasse die Altersgruppe ab 65 nicht nur, sie verschickt auch ein Dokument, mit dem jeder über 65 den Impfstoff gratis in der Apotheke abholen kann – falls die ihn hat.

„Das ist auch deshalb nicht mehr der Fall, weil der Gesundheitsminister den Apothekern die Empfehlung gegeben hat, den Impfstoff an alle zu verkaufen, die ihn haben wollen, und nicht nur an die älteren Menschen“, erregt sich der Mann im weißen Kittel. „Als das Gesundheitsministerium den Run n auf die Impfung registrierte, sei sie umgeschwenkt und hat die Apotheken angewiesen, die Impfung vorzugsweise an ältere Menschen abzugeben.

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„Aber was heißt vorzugsweise? Manche meiner Kollegen haben einfach munter weiterverkauft, an alle“, so der Apotheker. Zornig, aber nicht frei von Selbstironie fügt er hinzu: „Das ist Frankreich, Monsieur!“ Auch er sieht wenig Chancen, dass es noch eine Nachlieferung gibt, „es sei denn, die Regierung kauft wieder in China ein, und die Chinesen sind bereit, uns zu beliefern“.

Eine Ärztin im 16. Arrondissement bestätigt, dass die Versorgung mit dem Impfstoff nicht funktioniert. „Viele meiner Patienten, die über 65 sind, haben das Vakzin nicht mehr bekommen, ich kann sie deshalb nicht impfen.“  Eine Hoffnung hat sie noch: „Vielleicht wird die Grippewelle in diesem Jahr nicht so hart ausfallen wie in der Vergangenheit.“

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