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Dalai Lama wird 80„Wollen die Leute nur mehr Zeug oder dauerhaftes Glück?“

Heute feiert der Dalai Lama seinen 80. Geburtstag. Kaum ein geistiger Führer hat sich so um Wirtschaftsfragen gekümmert. Sein Bild eines Managers widerspricht der gängigen Praxis – und ist dennoch erfolgversprechend.Thorsten Giersch 06.07.2015 - 16:43 Uhr Artikel anhören

Der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, feiert heute seinen 80. Geburtstag.

Foto: dpa

Düsseldorf. Einmal war der Dalai Lama selbst als Unternehmer aktiv: Nach seiner Flucht aus dem von China besetzten und unterdrückten Tibet musste die Gemeinde der Flüchtlinge den über die Grenze geschmuggelten „Schatz“ der alten tibetischen Führung verkaufen, um Geld für das Nötigste zusammenzubekommen. Doch statt ihn der indischen Regierung anzubieten, entschieden sich die Exil-Tibeter, ihn auf dem freien Markt loszuschlagen. Ein Großteil des Investments ging so innerhalb kurzer Zeit verloren.

In seiner Autobiografie „Das Buch der Freiheit“ urteilt der Dalai Lama über diese „traurige Episode“ mit einer Einstellung, die unter Managern nicht sehr verbreitet ist: Er beklagt sich nicht über Umstände oder Pech, sondern sagt: „Wir hatten keinen alleinigen Anspruch, kein karmisches Recht darauf.“ Schließlich gehörte der Schatz allen Tibetern und nicht nur denen, die fliehen konnten – unabhängig von der Tatsache, dass er sonst in chinesische Hände gefallen wäre.

Knapp 57 Jahre nach seiner Flucht aus Tibet kümmert sich der Dalai Lama längst nicht mehr um Finanzen. Er entscheidet nur noch, was mit seinem verdienten Geld passiert, wie dem Gewinn, den er 1989 für den Friedensnobelpreis erhielt.

Doch mit dem Thema Wirtschaft beschäftigt sich der Dalai Lama sehr intensiv – mehr als jeder andere Religionsführer der Neuzeit. Das aber mit einem sehr pragmatischen Ansatz und mit zahlreichen Gesprächspartnern der ersten Güte, weil sich nur so etwas verändern kann: „Es ist unrealistisch zu meinen, die Zukunft der Menschheit ließe sich mit Gebeten und guten Wünschen gestalten.“

Für den Dalai Lama ist die Kunst des guten Managements Teil des Wegs zum Glück. Die Wirtschaft, so sagt er, sei die größte und gestaltende Kraft in dieser Welt geworden. Das meint er nicht negativ, jedoch bemisst er den moralischen Wert unseres Tuns nach den Motiven: Reichtum zu generieren, sei nicht unmoralisch. Die Frage ist nur, wem er dient: dem Gemeinwohl oder nur einem selbst. Am ehesten nennt er Schweden als Vorbild für eine „mitfühlende Wirtschaft“.

Der Dalai Lama - Stationen seines Lebens
Geburt am 6. Juli 1935 in einem Dorf im Nordosten Tibets
Der Zweijährige Lhamo Dhondup wird als Reinkarnation des Dalai Lamas erkannt; er bekommt seinen Mönchsnamen Tenzin Gyatso
Ausbildung in Logik, tibetischer Kunst und Kultur, Sanksrit, Medizin und buddhistischer Philosophie
Schon als 15-Jähriger übernimmt er nach dem Einmarsch der chinesischen Truppen die religiöse und politische Führung der Tibeter
Neun Jahre versucht er mit der chinesischen Regierung zu verhandeln; 1959 sieht er sich zur Flucht nach Indien gezwungen
Reden vor dem US-Kongress und dem Europäischen Parlament
Friedensnobelpreis für seinen gewaltlosen Kampf
Demokratisierung der tibetischen Exilregierung mit Sitz im indischen Dharamshala bis zur Abgabe des Amtes 2011
...reiste der Dalai Lama in 67 Länder auf sechs Kontinenten, kehrte aber nie nach Tibet zurück. Er ist Autor und Co-Autor von mehr als 100 Büchern.

Dabei hat Tensin Gyatso, wie der Dalai Lama mit bürgerlichem Namen heißt, erst im Laufe seines Lebens den Kapitalismus als besten Weg zum Wohlstand für sich entdeckt. Schließlich ist er mit dem Marxismus chinesischer Prägung als junger Mann sehr viel intensiver in Berührung gekommen – nicht zuletzt durch die Treffen mit Mao tse tung.

Das Ideal des Marxismus hat den Dalai Lama zunächst stärker angezogen, doch er hat sich nicht von der schönen Theorie blenden lassen, sondern recherchiert und erkannt, dass im Kapitalismus mehr Wohlstand erreicht werden kann. Enorm ungleiche Verteilung macht ihm allerdings Sorgen.

Wie der Dalai Lama seinen Tag verbringt
aufstehen, beten und meditieren
Spaziergang; bei Regen drinnen auf dem Laufband
Frühstück, normalerweise Haferbrei, Gerstenmehl, Brot und Tee; dazu Radionachrichten hören
Mediation und Gebete
buddhistische Texte lesen
Mittagessen, in Dharamsala vegetarisch, bei Reisen ist er nicht so streng
Büroarbeit, Gespräche mit Mitarbeitern, Audienzen
Tee; nach den Vorschriften für buddhistische Mönche isst er nur zwischen Sonnenaufgang und der Mittagsstunde
Gebete und Meditation
zu Bett gehen

Der Dalai Lama sieht wohl, dass der Kapitalismus Millionen von der Armut in eine Mittelschicht gebracht hat. Aber ihm entgeht nicht eine wachsende Ungleichheit in entwickelten Industriestaaten und dass der Preis für das dauerhafte Wachstum hoch ist – durch Umweltverschmutzung und Klimawandel.

Nachhaltige Verbesserung kann in seinen Augen nur aus der Jugend kommen und „nicht von Regierungsentscheidungen oder von den Vereinten Nationen“. Er schreibt: „Ein Wandel setzt dann ein, wenn sich die Menschen die Werte zu eigen machen, die der Kernbestand jeder Ethik sind, die aber auch dem wissenschaftlichen Kenntnisstand und dem gesunden Menschenverstand entsprechen.“

Der Bauernsohn, der im Alter von zwei Jahren als Reinkarnation des XIII. Dalai Lama entdeckt wurde, musste sich 1950 als 15-Jähriger mit dem Einmarsch der Chinesen in sein Land befassen und 1959 fliehen. Der XIV. Dalai Lama ist der erste in 400 Jahren, der nicht in einem Heimatland des Buddhismus lebt.

Der Dalai Lama ist es gewohnt, seine Geburtstage fern der Heimat zu feiern - so auch heute den 80.; diesmal lässt er sich in Anaheim, Kalifornien während seiner US-Tour beglückwünschen.

Foto: dpa

Heute sagt er: „Mit 16 habe ich meine Freiheit verloren“, womit er den Zeitpunkt mein, als er die Rolle des religiösen Führers und Staatsoberhauptes Tibets übernahm. Als er fliehen musste, habe er dann auch noch „sein Land verloren“.

Umso erstaunlicher ist, was für ein positiver Mensch der Dalai Lama ist. Aber nicht aus Entrücktheit: So hört oder schaut er jeden Morgen Nachrichten. Das Negative der Welt wird nicht ausgeblendet, im Gegenteil. Jeden Tag lässt sich der Dalai Lama neu an den Mangel an Mitgefühl in der Welt erinnern und von der Litanei des Unrechts mitreißen. Und wenn ihn wer fragt, wo denn die Gegenkräfte für den Bau einer Welt sind, wie wir sie gern hätten, dann lautet seine Antwort: Die müssen wir selbst aufbauen – mit der Kraft zum Guten. Es ist diese Mischung, die den Dalai Lama zum Vorbild macht: Wissenschaft, Verstand, Ethik, Autorität und ein gigantisches Netzwerk.

Seit dem Friedensnobelpreis 1989 ist der Dalai Lama der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Es fällt Politikern wie auch Wirtschaftsführern immer schwerer, nicht mit ihm zu sprechen, nur weil das die Chinesen vergrätzen könnte. Dabei nehmen seine religiösen Auftritte eher zu als ab. Viel häufiger spricht der Dalai Lama über das Leben: über Umweltzerstörung, Werte, Politik – kurz gesagt über Visionen, Wandel und eine bessere Zukunft. Und er weiß, dass das nicht ohne Wirtschaftslenker geht.

Der Dalai Lama ist ein Anti-Manager. Er propagiert Tugenden, von denen die Mehrheit der heute aktiven Führungskräfte nichts wissen will – oder, wie viele es ausdrücken würden: keine zeitlichen Kapazitäten hat, um sie in die Realität zu überführen. Der Dalai Lama ist ein Anbeter der Selbstbeherrschung in einer Grundsätzlichkeit, von der pseudo-disziplinierte Manager nur träumen können, die unter Disziplin 80-Stunden-Wochen verstehen, im Zweifel mit Aufputschmitteln unterstützt.

Der Mensch Tenzin Gyatso hat nie ein Haus oder ein Auto besessen. Seine Uhren repariert er selbst und der Wecker schrillt jeden Morgen um drei Uhr. Sein Geist ist voller Wissenshunger und frei von Begierden. Viele der Belange, die einen Großteil der Tatkraft von dem klassischen Managertypus binden, sind ihm fremd. Der renommierte Wissenschaftler Daniel Goleman schreibt in seinem Buch „Die Kraft des Guten“: „Das erfrischende an seiner Botschaft liegt für mich darin, dass keine versteckten Absichten dahinterstecken und sich alles um ein zentrales Ordnungsprinzip dreht: echtes Mitgefühl.“

Goleman betont, dass der Dalai Lama an keine Vorgaben gebunden sei – und so habe er in den Diskussionen ganz andere Spielräume als zum Beispiel der Papst. Damit werde der Dalai Lama zu einer Führungsfigur des Wandels. Die Welt „sehnt sich nach dieser Art von Führung“. Der Wandel müsse dabei von innen kommen und nicht zuletzt bei den Mächtigen in Politik und Wirtschaft langfristig Werte wie Selbstbeherrschung und Fürsorglichkeit herausbilden.

Das kann man von den heute Erwachsenen nur noch bedingt erwarten. Deshalb setzt der Dalai Lama auf die junge Generation und darauf, sie anders zu erziehen, ihnen andere Ideale mitzugeben. So sieht er die Wurzeln auch im Bildungssystem, wo vieles auf den Erwerb von Geld (vermeintliche Sicherheit) ausgelegt ist, und das vermittelt, dass alles gut werde, wenn man einmal Macht und Geld habe.

David Goleman kommt zu dem Urteil: „Seine Alternative zum ‚Weiter so‘ hat gerade heute ihren Reiz, wo immer mehr Menschen erkennen, dass Macht, Reichtum und Ruhm nicht halten, was sie zu versprechen scheinen. Dass Hektik und Hetze bis zur Erschöpfung sinnlos sind und dass ein Leben in Großzügigkeit, Klarheit und Freude weitaus befriedigender ist.“ Dieser Wandel sei keine einzelne große Maßnahme, sondern ein langer Weg mit vielen kleinen Schritten.

Eine Führungsfigur nach dem Vorbild des Dalai Lama muss nicht wie dieser fünf Stunden pro Tag beten und meditieren. Doch er oder sie sollte „die Feinde des Wohlbefindens“ kennen, wie der Religionsführer lehrt. Da geht es vor allem um einen „Widerwillen“ gegen die alltäglichste Emotion: den Ärger. Das sei hartes Training, aber für jeden lernbar. Und zwar nicht dadurch, negative Gefühle zu ignorieren, also unter Verschluss zu halten.

Vielmehr rät der Dalai Lama sehr Ähnliches wie gute Coaches und Psychologen – ohnehin arbeitet er bei diesen Fragen sehr eng mit Top-Wissenschaftlern zusammen: Es geht um den Umgang mit dem Reiz, andere sagen auch Impuls. Das kann eine E-Mail sein, ein störendes Telefonat oder böse Worte in einem Meeting. Durch eine „Gewohnheit des Geistes“, eine Konditionierung, fällt unsere Reaktion drauf anders aus: Wir verfallen zum Beispiel nicht in Ärger – Psychologen nennen es auch „Opferrolle“ –, sondern behalten die Kontrolle über unsere Mimik, unsere Worte, die Situation und das Verhältnis zu den Menschen, die im Raum sind.

Dafür braucht es auch einen moralischen Kompass, was nicht selbstverständlich ist in einer Welt, in der viele Menschen ohne eine Basis-Ethik auskommen. Aber als einer der ganz wenigen Religionsführer gibt der Dalai Lama zu, dass die Religionen sich an deren Vermittlung seit Jahrhunderten versuchen, ihnen aber nicht sehr viel gelungen sei.

Entsprechend geht er ja auch soweit und sagt, dass dieser Kompass weit mehr als eine Frage der Religion sei. Die Werte müssten aus der Mitte der Gesellschaft kommen und sich auch in den Kreisen der Führungsfiguren etablieren. Regel Nummer eins: „Wer sich für etwas Besonderes hält, unterliegt der Selbsttäuschung.“

Ein Wort benutzt der Dalai Lama besonders oft: Mitgefühl. Das ist nicht zu verwechseln mit dem, was wir unter „Mitleiden“ verstehen. Es steckt sehr viel mehr Mumm dahinter – und drei Prinzipien: Transparenz, Fairness und Rechenschaftspflicht.

Nun stelle man sich einen Manager vor, der ehrlich ist, alle gleich behandelt und für sein Handeln Verantwortung übernimmt. Und dann überrascht es auch nicht, dass sich der Dalai Lama sehr verbunden fühlt zu Papst Franziskus – erst recht, als dieser dem Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst von seinen Pflichten entband. Auch deshalb fordert er deutlich mehr Frauen in Führungspositionen – bei ihnen sei „das Wesen des Mitgefühls stärker ausgeprägt“.

Die Welt zu verändern ist aus Sicht des Dalai Lamas nicht möglich, ohne dass sich jeder einzelne verändert. Eine wesentliche Erkenntnis bestehe für Führungskräfte darin, dass sie auf andere angewiesen sind: „Sie verstehen oft nicht, wie sehr sie von Reaktionen von Menschen abhängen, über die sie keine Kontrolle ausüben können“, schreibt er in seinem Buch „Führen, gestalten, bewegen“. Dem liegen zwei wesentliche Eckpfeiler der buddhistischen Lehre zugrunde: Alles in der Welt ist demnach voneinander abhängig ist – das Prinzip von Ursache und Wirkung. Nichts und niemand agiert für sich allein.

Ein Denken ohne „Ich“ und ohne Emotionen wie Gier, weil es der Mensch schafft, keinen falschen Begierden nachzulaufen und sich an nichts zu haften, was allzu vergänglich ist. Eine Vision, die es wert ist. Am Ende geht es um die Frage, ob die jungen Menschen immer mehr Zeug wollen oder dauerhaftes Glück.

Man mag sich eine Welt ohne solche Fragen und ohne den Dalai Lama kaum vorstellen – in einer Zeit, in der es an Orientierungsgestalten ohnehin mangelt und die Reichen die Armen ihrem Schicksal überlassen.


Zum Weiterlesen:

Verwandte Themen
Tibet
Literatur

Dalai Lama, Laurens van den Muyzenberg
Führen, gestalten, bewegen
Campus Verlag, Frankfurt 2008

Daniel Goleman
Die Macht des Guten
O.W. Barth Verlag, Frankfurt 2015

Dalai Lama
Das Buch der Freiheit
Bastei-Lübbe, 2008, 432 Seiten

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