Energieversorgung: So will Griechenland seine Inseln klimaneutral machen
Athen. Manche Griechenland-Urlauber kennen das dumpfe Wummern, das einem auf vielen Inseln den Schlaf rauben kann. Es kommt aus den Dieselkraftwerken, deren Generatoren Tag und Nacht dröhnen, um Strom zu liefern.
Auf vielen kleineren Inseln betreibt der staatlich kontrollierte Stromversorger PPC solche Dieselkraftwerke. Auf den größeren Inseln kommt der Strom meist aus Schwerölkraftwerken. Allein auf Kreta, Rhodos und Chios gibt es fünf davon, mit einer installierten Leistung von 630 Megawatt (MW).
Die Tage der meisten dieser ineffizienten und umweltbelastenden Ölkraftwerke sind gezählt. Griechenland will seine Inseln auf eine weitgehend klimaneutrale Stromversorgung umstellen. In Zusammenarbeit mit der EU-Kommission und der Europäischen Investitionsbank (EIB) hat das griechische Umwelt- und Energieministerium dazu im November einen Dekarbonisierungsfonds aufgelegt, aus dem Investitionen in die „grüne Transformation“ der Inseln bezuschusst werden.
Ökostrom auch für Kreuzfahrtschiffe
Das Programm soll in den Jahren 2025 bis 2032 umgesetzt werden. Es sieht vor allem den Bau von Solarfarmen, Windkraftwerken an Land und im Meer sowie Batteriespeichern auf den Inseln vor. Mit der Vernetzung von Inselgruppen wie dem Dodekanes und den Kykladen soll die Stromversorgung stabilisiert werden.
Weitere Schwerpunkte des Programms sind die Förderung der Elektromobilität auf den Inseln, der Ausbau der Ladestationen sowie das sogenannte Cold Ironing in den Häfen. Darunter versteht man die Landstromversorgung von Schiffen während der Liegezeiten. Fähren und Kreuzfahrtschiffe können so ihr Bordnetz an das landseitige Stromnetz anschließen und ihre bordeigenen Dieselgeneratoren in den Häfen abschalten. Die Landstromversorgung vermindert die Umweltbelastung durch Abgase und Lärm. Ein Kreuzfahrtschiff kann so viel Strom wie eine Kleinstadt verbrauchen.
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Auch der intelligente Umgang mit den Wasserressourcen ist Teil des Programms. Infolge des Klimawandels und des zunehmenden Tourismus ist Trinkwasser auf den Inseln ein zunehmend kostbares Gut. Zur Sicherung der Versorgung bauen immer mehr Inseln Meerwasserentsalzungsanlagen. Deren Stromverbrauch ist jedoch hoch. Die Regierung will deshalb den Bau von Hybrid-Stauseen fördern, die zugleich als Trinkwasserreservoirs und als Pumpspeicherkraftwerke für die Stromerzeugung genutzt werden können.
Förderfonds könnte Investitionen von sieben Milliarden Euro anschieben
Aus dem Dekarbonisierungsfonds werden private Investitionen mit bis zu 60 Prozent bezuschusst. Der Fonds wird durch die erwarteten Einnahmen aus der Versteigerung von 25 Millionen Zertifikaten aus dem Emissionshandelssystem (ETS) finanziert. Ihr Wert wird derzeit auf 1,6 Milliarden Euro geschätzt. Im Umwelt- und Energieministerium erwartet man, dass damit bis Ende 2032 Investitionen von insgesamt 3,8 Milliarden Euro mobilisiert werden.
Berücksichtigt man die Prognosen für den Preisanstieg der Zertifikate, könnten weitere 1,5 Milliarden Euro Fondsvolumen hinzukommen. Damit würde die Investitionssumme auf mehr als sieben Milliarden Euro steigen.
Umwelt- und Energieminister Theodoros Skylakakis veranschlagt, dass mit dem Programm über die gesamte Lebensdauer der geplanten Anlagen bis zu 15 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden können. Das entspricht einem Viertel des jährlichen CO2-Ausstoßes des Landes. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis sieht in dem Dekarbonisierungsprogramm „ein ganzheitliches Konzept, das ein Schlüssel zur Entwicklung unserer Inseln ist“. Der Premier verspricht den Inselbewohnern „billigen Strom, einen nachhaltigen Tourismus und den Schutz der Umwelt“.
Hoteliers auf Kreta fürchten „irreparable Folgen“ durch Windparks
Doch die Pläne finden keine ungeteilte Zustimmung. Vielerorts regt sich Widerstand der örtlichen Bevölkerung und der Lokalpolitiker. Besonders unpopulär sind die Windturbinen. Dabei sollen gerade die Windparks gefördert werden, weil sie im Gegensatz zu den Solarfarmen auch nachts Strom liefern können und damit zur Versorgungssicherheit beitragen.
Doch viele fürchten, dass die Windräder das einzigartige Inselpanorama der Ägäis verschandeln werden. Umstritten sind vor allem die geplanten Offshore-Windparks. Bürgerinitiativen, Wirtschaftsverbände und Kommunalpolitiker melden Widerspruch an. Der Hotelierverband von Lasithi auf Kreta befürchtet „irreparable Folgen“ für den Tourismus. Umweltschützer sehen Naturschutzgebiete in Gefahr. Die Windparkgegner wollen jetzt die Gerichte anrufen. Das könnte den Bau der Offshore-Windparks um Jahre verzögern.
Vor allem rechtsextreme und nationalistische Politiker machen sich den Kampf gegen die Windräder zu eigen. Premierminister Mitsotakis äußert wenig Verständnis. Diese „Rhetorik gegen die erneuerbaren Energien“ sei „schädlich und unpatriotisch“, so Mitsotakis. „Es ist nicht patriotisch, wenn wir Öl und Erdgas importieren, statt unsere eigenen erneuerbaren Energiequellen zu nutzen, die uns autonom machen können.“
Erstpublikation: 25.12.2024, 19:00 Uhr.