EU-Kommissionspräsidentin in Großbritannien: Warum Ursula von der Leyen einst unter falschem Namen in London lebte
Erinnerungen an das wilde London.
Foto: AFPLondon. Als sich vergangenes Jahr abzeichnete, dass Ursula von der Leyen als nächste Präsidentin der EU-Kommission zu einer Schlüsselfigur der Brexit-Verhandlungen werden würde, stieg in Großbritannien schlagartig das Interesse an der Politikerin. In Zeitungen tauchen seither mehr oder weniger schmeichelhafte Porträts über die Deutsche auf.
Einige dieser Porträts beschreiben sie als wenig sympathische „Eiskönigin“, andere wiederum bescheinigen ihr, „überraschend selbstsicher und humorvoll“ auf unangenehme Fragen reagieren zu können. Und britische Nachrichtensprecher bemühten sich (oftmals vergeblich), den für sie so schwierigen Namen auszusprechen. Dabei lebte die heute 61-Jährige sogar ein Jahr als Studentin in der Stadt – allerdings unter anderem Namen.
An diesem Mittwoch kehrte von der Leyen erstmals in der Rolle der Kommissionspräsidentin zurück an die Universität: An der London School of Economics, an der sie selbst einmal studiert hatte, hielt sie eine Rede. Danach stand ein Gespräch mit dem britischen Premier Boris Johnson auf dem Programm, obwohl die offiziellen Verhandlungen von EU und Großbritannien über ein Handelsabkommen erst nach dem Brexit beginnen.
Als Rose Ladson, der Name ihrer Urgroßmutter, hatte sich die Politikerin 1978 eingeschrieben – aus Sicherheitsgründen: Bis dahin hatte von der Leyen in Göttingen Volkswirtschaft studiert, doch das Landeskriminalamt riet ihrem Vater Ernst Albrecht, damals niedersächsischer Ministerpräsident, zu einem Wechsel. Es gebe an der Göttinger Uni viele Sympathisanten der RAF, weshalb das Leben seiner Tochter nicht sicher sei.
Von der Leyen ging nach London – und genoss die Zeit in der Metropole, die sie in einem Interview mit der „Zeit“ 2016 als „brodelnde, internationale, farbenreiche Stadt“ beschrieb. Sie habe dort „mehr gelebt als studiert“, sagte sie nun den Studierenden ihrer ehemaligen Alma Mater und geriet regelrecht ins Schwärmen: Sie habe „deutlich mehr Zeit in den Bars von Soho und in Plattenläden von Camden verbracht als in der Bibliothek“, wolle aber nicht zu sehr ins Detail gehen.
Das hatten Weggefährten in den vergangenen Wochen allerdings schon getan: Eine nicht näher benannte Person erzählte der „Times“, dass von der Leyen gern auf Punkrock-Konzerte ging und Fan der Band Buzzcocks war. „Sie hat lieber gelebt als Wirtschaft studiert“, wird die anonyme Person zitiert. Auch der Sohn ihres damaligen Vermieters, der spätere Finanzminister von Polen, Jan Rostowski, erinnert sich gut an die blonde Studentin. Sie habe über ihm im damals einfachen Stadtteil Earls Court gewohnt.
Sie sei sehr „lebendig, höflich und umgänglich“ gewesen, erzählte Rostowski Zeitungsreportern. Dass von der Leyen wegen der Terrorgefahr unter falschem Namen lebte, habe er gewusst. „Weshalb ich es leichtsinnig fand, dass sie nie die Haustür abschloss, wenn sie nachts nach Hause kam. Und sie kam oft nachts spät nach Hause.“ Rostowski befestigte daraufhin eine Glocke, die seine Eltern aus einem Urlaub in Griechenland mitgebracht hatten, über der Tür. Von da an habe sie das Läuten der Glocke ans Zuschließen erinnert.
„London war für mich damals der Inbegriff für Modernität: Aufbruch, Lebensfreude, alles in alle Richtungen hin ausprobieren – das hat mir eine innere Freiheit vermittelt, die ich mir bis heute bewahrt habe“, sagte von der Leyen der „Zeit“. Außerdem habe sie die Erkenntnis gewonnen, dass unterschiedliche Kulturen sehr gut miteinander leben können. „Die Briten waren höflich, offen, tolerant, doch am Wochenende fuhren sie raus aufs Land, um unter sich ,very british‘ zu sein. Seitdem weiß ich: Bei aller Weltoffenheit sind die Briten immer auch auf sich selbst bezogen.“
Eine Erkenntnis, die ihr in den nächsten Monaten vielleicht helfen wird, das Verhalten der Briten in den Brexit-Verhandlungen besser einzuschätzen.