Indien: Modi verliert die Kontrolle über die Coronakrise
Modi ist es trotz harter Ausgangssperren nicht gelungen, die Ausbreitung der Pandemie in Indien zu stoppen.
Foto: action pressBangkok. Es ist erst ein paar Wochen her, die dramatisch steigenden Infektionszahlen waren längst sichtbar, da strotzte Indiens Innenminister Amit Shah noch vor Selbstbewusstsein: „Die Welt kann an Indien sehen, wie einer der erfolgreichsten Kämpfe gegen Covid-19 geführt wird“, sagte der mächtigste Minister im Kabinett von Regierungschef Narendra Modi. Nun liegt Shah selbst im Krankenhaus – infiziert mit dem Coronavirus.
Der 55-Jährige ist in Asiens drittgrößter Volkswirtschaft einer von inzwischen fast zwei Millionen bestätigten Fällen. Behandeln lässt sich Shah bezeichnenderweise nicht in einer öffentlichen Klinik, sondern in einem Privatkrankenhaus. Nicht einmal die Regierungsmitglieder scheinen in der Krise noch Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des staatlichen Gesundheitssystems zu haben.
Premier Modi ist es trotz harter Ausgangssperren zu Beginn der Pandemie nicht gelungen, die Ansteckungswelle in dem fast 1,4 Milliarden Einwohner großen Land zu stoppen. Mit mehr als 50.000 bestätigten Neuinfektionen pro Tag lag Indien zuletzt mehrfach an der Spitze weltweit – noch vor den Vereinigten Staaten und Brasilien, die bisher die größte Gesamtzahl an Fällen gemeldet hatten.
Gleichzeitig droht der Regierung ein Scheitern bei dem Versuch, die Wirtschaft inmitten der Pandemie wieder anzuschieben. Volkswirte warnen angesichts der Verunsicherung in der Bevölkerung vor einer lang anhaltenden Krise.
Dabei hat Modi schon früh geahnt, wie gefährlich das Coronavirus für sein dicht besiedeltes Land sein kann. In einer Fernsehansprache Mitte März warnte er davor, dass Indien um Jahrzehnte zurückgeworfen werden könnte, sollte es den Kampf gegen das Virus verlieren.
Er mahnte deshalb dazu, eine wochenlange Ausgangssperre, die als eine der striktesten der Welt galt, ausnahmslos einzuhalten. Obwohl Indien damals erst wenige Hundert bestätigte Infektionsfälle verzeichnete, funktionierte die Strategie aber nicht: Der wirtschaftliche Schaden war enorm, die Fallzahlen explodierten trotzdem. Modi änderte den Kurs und verkündete im Mai: „Wir können nicht erlauben, dass sich unser Leben nur noch um Corona dreht.“
Doch die wirtschaftliche Erholung, die nach dem Ende des Lockdown einsetzte, dauerte offenbar nur kurz – das jedenfalls geht aus mehreren neuen Indikatoren hervor: Der vom Marktforschungsunternehmen IHS Markit am Montag veröffentlichte Einkaufsmanagerindex PMI sank mit Blick auf die Geschäftslage im Juli weiter ab.
Bei Erwerbstätigen im formalen Sektor kam es zuletzt zu einem erneuten Anstieg der Arbeitslosenrate. Mobilitätsdaten von Apple und Google legen zudem nahe, dass die Inder angesichts der steigenden Infektionszahlen wieder öfter zu Hause bleiben als noch vor ein paar Monaten, was unter anderem der Gastronomie und dem Einzelhandel schaden dürfte.
Die Notwendigkeit zum Abstandhalten sowie regionale Ausgangsbeschränkungen werden weiterhin für Zurückhaltung im Geschäftsleben sorgen, kommentiert Volkswirt Shilan Shah, Indienexperte beim Analysehaus Capital Economics. Er rechnet mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 5,5 Prozent.
„Mit Blick auf das Fehlen einer angemessenen finanziellen Unterstützung durch die Regierung wird die Erholung in Indien wohl eine der schwächsten unter den großen Volkswirtschaften sein“, fügt er hinzu.
In der Bevölkerung wächst die Verunsicherung, der Konsum bleibt verhalten.
Foto: imago images/Hindustan TimesAuch die Volkswirte von Oxford Economics warnten, dass die Erholung an Schwung verliere: „Die Aussichten sind besorgniserregend“, schrieben sie kürzlich in einem Bericht über die Entwicklung in Indien. Sie sehen eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es wieder zu stärkeren Beschränkungen im öffentlichen Leben kommen wird. „Die wirtschaftliche Öffnung stößt inmitten der steigenden Covid-19-Zahlen bereits jetzt auf Hindernisse.“
Die Erfahrungen zeigen, wie schwer es ist, zu wirtschaftlicher Normalität zurückzukehren, während die Gesundheitskrise ungelöst bleibt. Dass Indien noch keinen Weg gefunden hat, die Infektionskurve abzuflachen, liegt auch an der chronischen Vernachlässigung des Gesundheitssystems: Mit Ausgaben von rund dreieinhalb Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt Indien laut der Weltbank unter den globalen Schlusslichtern.
Die Folgen zeigen sich nun nicht nur in überlasteten Krankenhäusern, sondern auch in einer – gemessen an der Bevölkerungsgröße – sehr geringen Zahl an Coronavirus-Tests: Pro einer Million Einwohner gab es in Indien bisher rund 15.000 Tests – in Brasilien ist dieser Wert viermal so hoch.
Experten glauben daher auch, dass sowohl die Zahl der Infizierten als auch die der Corona-Todesopfer in Indien deutlich höher sind als offiziell angegeben. Bisher geht die Regierung davon aus, dass rund 40.000 Inder an den Folgen von Covid-19 starben – damit wäre die Todesrate deutlich niedriger als in anderen Ländern.
Doch auch zu normalen Zeiten wird nur ein Bruchteil der Toten in Indien statistisch korrekt erfasst – besonders in entlegenen Dörfern. Aber auch in Metropolen wie Delhi und Mumbai fehlen verlässliche Daten. Der Finanzdienst Bloomberg versuchte zuletzt vergeblich, von den lokalen Behörden verlässliche Aussagen über die sogenannte Übersterblichkeit zu bekommen, anhand derer sich auf die tatsächlichen Todesopfer der Pandemie schließen ließe.
Premier Modi scheint der Mangel an zuverlässigen Informationen über das wahre Ausmaß der Gesundheitskrise aber gar nicht unrecht zu sein. Vergangene Woche sagte er, bei der Eröffnung von drei neuen Testzentren, dass Indien in einer besseren Lage sei als viele andere Länder.
„Unsere Todesrate ist niedriger als in vielen führenden Ländern der Welt“, behauptete er. Seine Regierung setzte zuletzt große Hoffnungen darauf, dass die heimische Pharmaindustrie in Rekordzeit einen Coronavirus-Impfstoff auf den Markt bringen kann. Den unrealistischen Wunsch, dass dies bereits zum Nationalfeiertag in der kommenden Woche der Fall sein könne, nahmen die Behörden aber wieder zurück.
Angesichts der fehlenden Erfolge in der Corona-Bekämpfung kümmert sich Modi nun wieder verstärkt um die hindu-nationalistische Basis seiner Partei. An diesem Mittwoch will er an einer heiklen Zeremonie in der Stadt Ayodhya teilnehmen: Es geht um die Grundsteinlegung für einen hinduistischen Tempel auf dem Gelände einer vor drei Jahrzehnten zerstörten Moschee.
Modi soll dabei fünf Silberziegel für das Fundament setzen. Im Streit zwischen Hindus und Indiens muslimischer Minderheit um die religiöse Stätte könnte er sich dabei nicht eindeutiger positionieren. Doch das Coronavirus droht Modi auch bei dieser Veranstaltung einzuholen: Mehrere hinduistische Priester wurden vor der Zeremonie positiv auf Covid-19 getestet. Einer der religiösen Führer in der Stadt sagte lokalen Medien: „Natürlich bin ich besorgt.“