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Geopolitik„China gewinnt den Kampf um Einfluss“

Vor dem Hintergrund von Donald Trumps Asien-Tour analysiert der Ex-Chef des US-Marinegeheimdiensts das Ringen Chinas und der USA um weltweite Einflussnahme – und sieht ein Ungleichgewicht.Martin Kölling 28.10.2025 - 11:20 Uhr Artikel anhören
US-Präsident Donald Trump mit den Führern der südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean am Wochenende in Malaysia: n. Foto: AP

Tokio. US-Präsident Donald Trump eilt derzeit in Asien von einem Gipfeltreffen zum nächsten. Zunächst traf er am Sonntag die Staats- und Regierungschefs Südostasiens auf dem Asean-Gipfel in Malaysia und vereinbarte Handelsabkommen. Am Dienstag begegnet er Japans neuer Premierministerin Sanae Takaichi. Und an diesem Donnerstag steht Südkorea auf dem Programm, wo er voraussichtlich mit dem chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping sprechen wird.

Weltweit wird dieses Treffen besonders aufmerksam verfolgt: Eine letzte Runde der chinesischen und amerikanischen Unterhändler hatte laut beiden Seiten eine vorläufige Einigung bei Themen wie Exportkontrollen und Schifffahrtsabgaben zum Ergebnis. Die Aktienmärkte in Asien feierten am Montag die Aussicht auf eine Ruhe im Handelssturm. Der japanische Nikkei-225-Index stieg sogar erstmals auf mehr als 50.000 Punkte.

Doch Mike Studeman, ehemaliger US-Admiral und Kommandeur des Office of Naval Intelligence, sagt im Gespräch mit dem Handelsblatt, dass der Fokus auf den Deal vom grundlegenden Problem ablenke: Chinas Werben für mehr Einfluss in der Welt.

Es gehe um viel mehr als nur um Chips, seltene Erden, Fentanyl und Tiktok. „Es ist viel komplexer“, sagt Studeman. „China gewinnt den Kampf um Einfluss.“

Die erste Asienreise in Trumps zweiter Amtszeit sei zwar symbolisch wichtig, um die Bedeutung zu unterstreichen, die das Weiße Haus dem indopazifischen Raum beimisst. Aber der Experte befürchtet, dass Trumps „verzweifeltes Streben nach einem Abkommen zu einer kleinen Vereinbarung führen könnte, die dem amerikanischen Volk als Lösung für die China-Herausforderung verkauft wird“.

Keine alternative Vision formuliert

Er sei besorgt, dass die Regierung übersehe, „dass es sich um eine makrostrategische Herausforderung durch China handelt, die tausend bewegliche Teile hat“.

Peking kombiniert laut Studemans Einschätzung dafür energisches diplomatisches Engagement und den Einsatz aller Instrumente der nationalen Macht weltweit. Zum anderen werbe die Führung für ihre Strategie „durch das Angebot einer Vision für die Welt“. Dieses klinge „oberflächlich betrachtet für viele Länder, insbesondere für diejenigen im globalen Süden, vernünftig, wenn nicht sogar inspirierend“.

Darin sieht Studeman eine große Herausforderung für die USA. „Jede Supermacht, die ihre Macht und ihren Wohlstand stärken will, muss eine konstruktive, inspirierende Vision für die Welt haben und diese Vision verantwortungsbewusst und in echter Partnerschaft mit anderen Nationen verfolgen“, sagt Studeman. „Leider haben die politischen Eliten in Washington aktiv wichtige Grundsätze der bestehenden liberalen internationalen Ordnung abgebaut, ohne eine alternative Vision zu formulieren, um die sich andere Nationen versammeln könnten.“

MAGA ist Chinas globalen Initiativen unterlegen

„Make America great again“ werde wahrscheinlich nicht gut mit Chinas vier globalen Initiativen zu Entwicklung, Sicherheit, Zivilisation und Regierungsführung konkurrieren können. Mit den vier Initiativen will China die internationale Ordnung neu gestalten.

Ein wichtiges Argument Chinas ist auch das wirtschaftliche, sagt Studeman. Zwar gebe es viele Skeptiker hinsichtlich der Vorstellungen der Kommunistischen Partei Chinas über die zukünftige Weltordnung, und es bestehe ein Vertrauensdefizit sowohl gegenüber Washington als auch gegenüber Peking. Doch sei China eben auch bereits der wichtigste Handelspartner für mehr als 120 Länder.

Selbst in Südostasien hat China den US-Verbündeten Japan als größten Investor überholt. Louise Loo, Leiterin der Abteilung für Asienwirtschaft bei Oxford Economics, beschreibt in einer Analyse die unterschiedlichen Sichtweisen auf China in den industrialisierten und aufstrebenden Ländern Asiens.

Asean-Gipfel

Trump inszeniert sich in Asien als Friedensstifter – und stellt seine Gastgeber vor ein Dilemma

Zwar werde Chinas aufstrebende Rolle als wichtiger Lieferant von Zwischenprodukten für globale Lieferketten und als dominierender Hersteller von Produkten mit hoher Wertschöpfung wie Elektroautos in den entwickelten Märkten als Bedrohung gesehen – in den Ländern der Region jedoch auch als Chance.

„Die asiatischen Volkswirtschaften erobern Nischen im Bereich der mitteltechnologischen Montage, die von chinesischen Herstellern aufgegeben wurden“, sagt die Ökonomin. Im Gegenzug trage die zunehmende chinesische Investitionstätigkeit in diesen Volkswirtschaften dazu bei, die lokalen Produktionskapazitäten zu verbessern.

Die USA benötigen eine konstruktive Vision

Der wachsende Einfluss Chinas beunruhigt Studeman: „Die globale Dynamik könnte sich leicht zugunsten Pekings verschieben, da China seinen Einfluss in allen Regionen ausbaut und festigt, während sich die USA nach innen wenden“, sagt er. „In den vergangenen acht Monaten ist die Marke Amerika schneller und stärker gefallen als jemals zuvor.“

Der frühere US-Konteradmiral und Sicherheitsberater Mike Studeman: China könnte den Kampf um eine globale Vision gegen die USA gewinnen. Foto: INSA

Studemans Appell: Washington müsse eine konstruktivere Vision davon bieten, wie eine neue Weltordnung funktionieren soll, die über reine Hegemonie hinausgeht. Unkonventionelle Ansätze mögen eine Zeit lang funktionieren, aber letztendlich seien sie selbstzerstörerisch.

Studeman ist mit dieser Ansicht nicht allein. Ian Bremmer, Gründer der Strategieberatung Eurasia Group, sagte auf seinem G-Zero-Gipfel in Tokio: „Die Unzuverlässigkeit der USA ist zum zentralen Treiber geopolitischer Unsicherheit und Instabilität in der heutigen G-Zero-Welt geworden.“ Mit G-Zero meint er eine Welt ohne eine klar führende Nation.

Trumps Asienreise: Erfolgreiche Fotos, schwindender Einfluss

In dieser Hinsicht spielt Trumps Besuch in Asien eine wichtige Rolle. „Jeder internationale Besuch trägt dazu bei, das Ansehen eines Staatsoberhauptes zu stärken“, sagt Studeman. Aber viele der indo-pazifischen Staats- und Regierungschefs, mit denen der US-Präsident zusammentreffen wird, werden insgeheim besorgt sein.

Sicherheitsgarantien, die einst unbestritten waren, seien durch Washingtons Umgang mit der Ukraine, mit den Nato-Verbündeten, den Nachbarn Amerikas und anderen Partnern, die Zöllen und wilden Schwankungen in der Rhetorik Washingtons ausgesetzt sind, bis ins Mark erschüttert worden. Auch im westlichen Pazifikraum herrscht spürbare Besorgnis um die Zuverlässigkeit der USA als Verbündeter.

Proteste gegen Trump während des Asean-Gipfels in Malaysia: ump. Foto: AFP

„China nutzt dies aus, indem es mit seiner Propaganda versucht, in den Ländern der Region Zweifel an der Stärke, Willenskraft und Absicht der USA zu wecken, die Interessen ihrer Verbündeten zu schützen“, sagt Studeman. „Wenn Präsident Trump diese Ängste zerstreuen und die Verbündeten und Partner hinsichtlich der Verpflichtungen der USA beruhigen kann, wird die Asienreise ein Erfolg sein.“

Verteidigung

Südkorea und seine asiatischen Nachbarn geraten in eine Rüstungsspirale

Viele regionale Staats- und Regierungschefs werden auch genau beobachten, ob Trump und Xi sich tatsächlich am Rande des bevorstehenden Gipfels der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) in Südkorea treffen werden. „Eine Deeskalation des eskalierenden Handelskriegs zwischen China und den USA würde als ermutigende Nachricht für die regionalen Staats- und Regierungschefs angesehen werden, die mit wirtschaftlichen Herausforderungen zu kämpfen haben“, sagt Studeman.

Wie China seine Chance nutzen will

China hingegen wartet auf Fehltritte. „Xi Jinping möchte als ein Staatschef wahrgenommen werden, der die chinesischen Interessen vor jeglichem Schaden durch eine ‚globale Hegemonialmacht‘, sprich die USA, schützen und verteidigen kann“, sagt Studeman.

Xi, so Studeman, möchte zeigen, dass er mit Trump umgehen kann, sich gegen die als Schikane empfundenen Maßnahmen Washingtons wehrt und aus Verhandlungen als derjenige hervorgeht, der besonnener, vernünftiger und verantwortungsbewusster ist als Trump.

Chinas Präsident Xi Jinping (Mitte) während des vierten Plenums der Kommunistischen Partei Chinas: Im Mittelpunkt der Macht Foto: Shen Hong/Xinhua/AP/dpa

„Während Amerika seine Macht ausspielt, versucht China, der Welt seine seit Langem verkündete Botschaft wieder und wieder zu vermitteln: dass ein demokratisches Amerika instabil, chaotisch und gefährlich ist und nicht geeignet ist, die Welt zu führen“, sagt Studeman.

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Allerdings sei der Wettbewerb um die Gunst der Länder Asiens noch lange nicht entschieden. Viele Länder hinterfragten die Absichten und Methoden Pekings. Trotz Chinas Entwicklungshilfe und vielschichtiger Propagandabemühungen, blieben viele Nationen vorsichtig, um nicht zu abhängig von China zu werden.

Entscheidend könnte daher bei diesem Wettbewerb sein, welche Nation die wenigsten unnötigen Fehler macht. „Die politischen Entscheidungsträger in Washington wären gut beraten, intensiv über einen Plan für eine weiterentwickelte Weltordnung nachzudenken, der positiv, konstruktiv und inspirierend formuliert ist“, sagt Studeman. „Wenn sie dies nicht tun, wird China weiterhin das Vakuum füllen.“

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