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StatistikbehördeChinas Schwäche wird zum Risiko für die Weltkonjunktur

Nach der Pandemie kommt das Wachstum nicht vollständig zurück. Nun wachsen in China die Sorgen vor einer Deflation.Sabine Gusbeth 18.07.2023 - 07:33 Uhr Artikel anhören

Chinas Konjunkturschwäche belastet die Weltwirtschaft.

Foto: dpa

Peking. Die chinesische Wirtschaft ist vom ersten auf das zweite Quartal um nur 0,8 Prozent gewachsen. Im Vergleich zum Vorjahresquartal steht zwar ein Plus von 6,3 Prozent, dieses bezieht sich aber auf ein sehr schwaches zweites Quartal 2022. Damals wuchs die Wirtschaft infolge des Lockdowns in Shanghai um nur 2,5 Prozent.

Die enttäuschenden Daten legte die Statistikbehörde NBS am Montag vor. Nach dem Ende der Restriktionen im Dezember vergangenen Jahres hatten Ökonomen erwartet, die chinesischen Haushalte würden ihre Coronaersparnisse ausgeben und so die Konjunktur anschieben. Diese Hoffnung hat sich noch immer nicht erfüllt. Zudem fällt aufgrund der anhaltenden Krise auf dem Immobilienmarkt ein bislang wichtiger Wachstumstreiber aus. 

Das bedeutet laut Xu Bin, Wirtschaftsprofessor an der China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai, dass die fehlende Nachfrage aus dem Ausland nicht durch einen steigenden inländischen Verbrauch ersetzt werden kann. Die Chinesen sparen, anstatt zu investieren. Die Einlagen der Haushalte stiegen Daten der Zentralbank zufolge im ersten Halbjahr weiter auf umgerechnet 2,5 Billionen US-Dollar.

Das hat auch Folgen für die Preisentwicklung. Während viele westliche Volkswirtschaften derzeit unter einer hohen Inflation leiden, stagnierten die Verbraucherpreise in China zuletzt. Die Erzeugerpreise sanken sogar. Dadurch wächst die Sorge vor einer Deflation. Denn wenn Unternehmen und Verbraucher davon ausgehen, dass die Preise weiter sinken, schieben sie Anschaffungen und Investitionen noch weiter auf. Das kann zu einer negativen Preisspirale aus sinkenden Investitionen, sinkenden Umsätzen und sinkenden Löhnen führen, fürchten Experten.

Chinas Haushalte horten ihre Coronaersparnisse

Der Schock über das rigorose Vorgehen der chinesischen Staatsführung gegen das Coronavirus sitzt offenbar noch immer tief und hat das Vertrauen vieler Unternehmen und Verbraucher erschüttert. Vor allem die Abriegelung der Wirtschaftsmetropole und Logistikdrehscheibe Shanghai hatte 2022 im In- und Ausland für Entsetzen gesorgt. Die 25 Millionen Bewohner waren teilweise mehr als zwei Monate in ihren Wohnungen eingesperrt, Fabriken standen still, globale Lieferketten rissen.

Zusammen mit zunehmenden Deflationssorgen dürften in China nun Forderungen nach einem Konjunkturprogramm lauter werden. Bislang waren den Ankündigungen zur Stützung der Wirtschaft nur punktuelle Maßnahmen gefolgt.

Nicht nur in Peking wächst die Sorge vor einer anhaltenden Schwächephase: Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht bislang davon aus, dass die chinesische Volkswirtschaft 2023 knapp 35 Prozent zum Weltwirtschaftswachstum beitragen wird. Chinas langsame Erholung wird so zum Risiko für die Weltkonjunktur.

Hinzu kommen Zweifel an der Zuverlässigkeit der Konjunkturdaten aus China. Denn immer neue Gesetze und Beschränkungen erschweren den Zugang zu unabhängigen Informationen aus dem Land.

Auf die hohe Inflation in vielen anderen Ländern wirkt sich die Wachstumsschwäche in China hingegen eher preismildernd aus. Denn eine höhere Nachfrage aus der Volksrepublik würde die Preise beispielsweise für Energie und andere Rohstoffe weltweit noch stärker steigen lassen. So zeigen Daten des Analysehauses Icis, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen, eine geringere chinesische Nachfrage nach Flüssiggas (LNG). Das verflüssigte Erdgas wird mit Schiffen transportiert und weltweit gehandelt. Darum hängen die Preise in Deutschland auch mit dem Bedarf in China zusammen.


Neben den BIP-Zahlen wurden in China am Montag eine Reihe weiterer Konjunkturdaten für Juni veröffentlicht. Die Umsätze im Einzelhandel stiegen im Juni um drei Prozent gegenüber Mai, etwas weniger als prognostiziert. Die Industrieproduktion legte um 4,4 Prozent gegenüber dem Vormonat zu und damit stärker als erwartet. Bereits vergangene Woche hatte die Zollbehörde bekannt gegeben, dass Chinas Exporte im Juni um mehr als zwölf Prozent eingebrochen waren. Die Jugendarbeitslosigkeit erreichte gleichzeitig ein neues Rekordhoch: 21,3 Prozent der 16- bis 24-Jährigen in Chinas Städten waren im Juni ohne Job. 

Chinas Aufschwung ist zwar nicht steil, aber er ist auch noch nicht zu Ende.
Shehzad Qazi, Geschäftsführer des US-Analysehauses China Beige Book

Im Frühjahr hatte die Staatsführung ein Wachstumsziel von rund fünf Prozent für 2023 ausgegeben. Im vergangenen Jahr war die Wirtschaft des Landes infolge zahlreicher Lockdowns und anderer Coronabeschränkungen lediglich um drei Prozent gewachsen statt wie geplant um 5,5 Prozent. Es war nach 2020 der zweitschwächste Wert seit der Reform- und Öffnungspolitik Ende der 1970er-Jahre. 

Negative Preisspirale möglich

Ein weiterer wichtiger Grund für die Konsumzurückhaltung der chinesischen Verbraucher ist die anhaltende Krise auf dem Immobilienmarkt. Der Versuch der chinesischen Staatsführung, die dortigen Kreditexzesse einzudämmen, hat zu massiven Verwerfungen in der Branche geführt. Viele Chinesen fürchten deshalb nun um ihr Erspartes, denn Schätzungen zufolge stecken rund drei Viertel des Privatvermögens in Immobilien.

Diese Investitionen in vermeintliches Betongold waren über Jahrzehnte hinweg ein wichtiger Wachstumstreiber der chinesischen Volkswirtschaft - der nun fehlt.

Chinas Wirtschaft erholt sich langsamer von den Folgen der strikten Null-Covid-Politik als erwartet.

Foto: AP

Die schleppende Erholung trübt auch die Geschäftsaussichten deutscher Unternehmen in China ein. Den deutschen Maschinenbauern droht nach Einschätzung von VDMA-Präsident Karl Haeusgen ein Wachstumseinbruch. Statt wie bislang mit einem Zuwachs von sechs Prozent rechne er nur noch mit einem Plus zwischen null und drei Prozent, sagte Haeusgen vergangene Woche bei einem Besuch in Peking.

Er berichtet von einer spürbaren Investitionszurückhaltung in wichtigen Abnehmerbranchen. So frage die Bauindustrie wegen der Immobilienkrise weniger Maschinen nach. Auch andere deutsche Unternehmen berichten gegenüber dem Handelsblatt, dass ihre Kunden in China aufgrund der anhaltenden Unsicherheit Neuanschaffungen derzeit aufschieben.


Ökonomen warnen vor Pessimismus

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, glaubt allerdings weiterhin an China als wichtigen Markt für europäische Unternehmen. „Selbst bei einem Wirtschaftswachstum von nur noch vier oder fünf Prozent wird China sehr viel stärker wachsen als die USA oder Europa“, sagte er dem Handelsblatt. „Deutsche Unternehmen werden weiterhin China als Partner benötigen. Die Sorge ist vielmehr, dass deutsche Unternehmen sich in eine zu starke Abhängigkeit von China begeben haben und dies nun kaum mehr korrigieren können.“

Das US-Analysehaus China Beige Book (CBB) ist davon überzeugt, dass sich der Kern der chinesischen Wirtschaft erholt. Es warnt deshalb vor falschen Erwartungen an ein großes Konjunkturpaket. Ein solches wäre nicht nur „teuer und peinlich für Peking“, die Unternehmen würden auch nach wie vor signalisieren, dass es nicht notwendig sei. 

Chinas Aufschwung sei „zwar nicht steil, aber er ist auch noch nicht zu Ende“, betont CBB-Geschäftsführer Shehzad Qazi. Er verweist darauf, dass die Verbraucherausgaben nach wie vor steigen. Davon profitierten der Einzelhandel und die Tourismusbranche. Auch im verarbeitenden Gewerbe hätten die Umsätze den dritten Monat in Folge zugelegt. 

5,2
Prozent
der erwerbsfähigen Chinesen und Chinesinnen sind arbeitslos.

Auch Wirtschaftsexperte Xu ist davon überzeugt, dass die chinesische Wirtschaft keine expansive Geld- oder Fiskalpolitik braucht, um wieder zu wachsen. So hätten die jüngsten geldpolitischen Lockerungen „nicht viel bewirkt“. Und während früher die Staatsführung die Wirtschaft oft mit Infrastrukturprojekten angeschoben hat, gebe es inzwischen immer weniger sinnvolle Investitionsmöglichkeiten. 

An Geld mangele es nicht, so Xu und verweist auf die hohe Sparquote. Entscheidend sei, dass die chinesischen Verbraucher und Unternehmen aus dem In- und Ausland wieder Vertrauen fassten und ihr Geld ausgeben. Wenn Chinas Privatwirtschaft die nötigen Freiräume erhalte, werde sie auch künftig für Wachstum sorgen. 

Das ist Experten zufolge die Voraussetzung für eine Erholung auf dem Arbeitsmarkt. Trotz des offiziellen Wachstums von 5,5 Prozent im ersten Halbjahr sind bislang zu wenige neue Jobs entstanden. Zwar stagnierte die offizielle Arbeitslosenrate auf niedrigem Niveau bei 5,2 Prozent. Doch die hohe Jugendarbeitslosigkeit bereitet der Staatsführung zunehmend Sorgen. Allein im Juni drängten mehr als elf Millionen Uni-Absolventen auf den angespannten Arbeitsmarkt, so viele wie noch nie. 

China: Suche nach Mitteln gegen die Jugendarbeitslosigkeit

Jedes Wirtschaftswachstum, das nicht dazu beitrage, das Beschäftigungsproblem zu lösen, könne „nicht als effektives Wachstum angesehen werden“, warnte Wang Mingyuan, Professor an der Pekinger Tsinghua-Universität, in einem viel geteilten Social-Media-Beitrag. Um neue Arbeitsplätze, vor allem für junge Menschen, zu schaffen, müsse sich das Marktumfeld für die Privatwirtschaft verbessern, insbesondere für Tech-Unternehmen und Dienstleister, betont er. Denn kleine und mittelständische Privatunternehmen sorgen in China für rund 80 Prozent aller Arbeitsplätze in den Städten. Sie haben besonders stark unter der strikten Null-Covid-Politik mit ihren unberechenbaren Lockdowns gelitten. 

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Hinzu kommt, dass die Staatsführung mit drastischen Eingriffen die zuvor weitgehend unreguliert gewachsenen Tech-Konzerne des Landes stark verunsichert hat. Zuletzt mehrten sich immerhin die Anzeichen für ein Ende der Regulierungswelle in dem innovativen Sektor. So empfing Premier Li Qiang in der vergangenen Woche die Vertreter mehrerer Plattformunternehmen, darunter Alibaba, Bytedance, Meituan und Pinduoduo. Er rief sie dazu auf, ihren Beitrag zur Stärkung der Wirtschaft zu leisten. 

Erstpublikation: 17.07.2023, 06:37 Uhr (zuletzt aktualisiert: 17.07.2023, 11:00 Uhr).

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