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LogistikKanadische Gewerkschaft kündigt Bahnstreik an – Lieferketten-Chaos droht

Die kanadische Eisenbahn könnte ab Montag erneut stillstehen. Der Tarifstreit trifft vor allem den Güterverkehr. Ein Eingriff der Politik ist offenbar verpufft.Christoph Schlautmann, Katharina Kort, Markus Fasse 23.08.2024 - 20:30 Uhr aktualisiert Artikel anhören
Stehende Züge auf dem Gleis: Die Eisenbahngewerkschaft will ab Montag streiken. Foto: Darryl Dyck/The Canadian Press via AP/dpa

Düsseldorf, New York, München. Erst seit wenigen Stunden fahren die Züge in Kanada wieder, schon droht der nächste Stillstand. Die Gewerkschaft der Transportarbeiter („Teamsters“) hat im Tarifstreit mit den großen Eisenbahngesellschaften des Landes für Montagmorgen zum Streik bei der Canadian National Railway (CN) aufgerufen.

Es ist ein Streit, der Auswirkungen auf Lieferketten in ganz Nordamerika hat – und auch deutsche Logistikunternehmen betreffen könnte.

Erst wenig zuvor hatte sich Kanadas Regierung in den Arbeitskampf bei der Eisenbahn eingemischt und erreicht, dass die Züge bei der CN und der Canadian Pacific Kansas City (CPKC) am Freitag wieder anfuhren. Die größten Bahnkonzerne Kanadas hatten am Donnerstag rund 9000 Mitarbeiter nach geplatzten Tarifgesprächen schlichtweg ausgesperrt.

Premier Justin Trudeau zwang die Parteien zwar zu neuen Verhandlungen. Ein Erfolg ist nun aber nicht unmittelbar abzusehen. Auf der Plattform X hatte Trudeau geschrieben, Tarifverhandlungen seien immer der beste Weg. Wenn sie jedoch keine absehbare Option mehr seien und „wir mit ernsthaften Konsequenzen für unsere Lieferketten und die Arbeitnehmer, die davon abhängig sind, konfrontiert sind, müssen Regierungen handeln“.

Damit reagierte die kanadische Regierung auch auf den Druck aus der Wirtschaft. Die Handelskammern der USA und Kanadas sowie andere Wirtschaftsverbände hatten sich an die Regierung in Ottawa gewandt, um den Arbeitskampf beizulegen.

Die Lieferketten-Überwachungsfirma Project44 hatte gewarnt, dass die Störungen „nicht nur den Bahntransport betreffen, sondern auch See- und Lkw-Transporte.“ So diskutierten mehrere Seefrachtunternehmen, Waren von Kanada zu Häfen in den Vereinigten Staaten zu verschiffen.

Auch Seefracht wäre betroffen

In der Folge könnte es zu einem Dominoeffekt kommen, wie man bei der weltgrößten Seefrachtspedition Kühne+Nagel (K+N) glaubt. „Hier drohen nun Verstopfungen in benachbarten US-Häfen“, sagt ein Manager in der Schweiz. Und: Auch dort drohen Streiks.

Noch aber laufe der Schiffsverkehr reibungslos, berichtete K+N seinen Kunden. Es werde jedoch mit Verspätungen und einer erhöhten Nachfrage nach Ankerplätzen gerechnet.

„Angesichts der drohenden Streiks bei den kanadischen Eisenbahnen und in den US-Häfen könnten wir einen unmittelbaren Anstieg der Frachtraten erleben“, prognostiziert Christian Roeloffs, Chef von Container xChange, einem Onlinemarktplatz für den Handel und die Vermietung von Containern. Dies sei üblicherweise die Reaktion auf potenzielle Störungen: „Unsicherheit treibt die Kosten in die Höhe.“

Ein leichter Anstieg der Frachtraten für Lieferungen an US-Häfen war bereits am Donnerstag auf dem Spotmarkt zu beobachten. Hapag-Lloyd verlangt inzwischen für Importe nach Nordamerika unter bestimmten Bedingungen eine Umleitungsgebühr in Höhe von 350 Dollar pro Container-Frachtbrief. Die gilt, falls die Stahlboxen auf dem Wasserweg für kanadische Häfen bestimmt sind, aber im Inland weiter in die USA geliefert werden sollen.

Ein Transportgut, das es laut Project44 besonders treffen könnte, ist Rohöl. Gerade auf den Transportwegen aus Provinzen wie Alberta, wo Pipelines fehlen, seien üblicherweise Züge im Einsatz. „Jeder Eisenbahnwaggon kann etwa 700 Barrel Öl transportieren, was der Kapazität mehrerer Tanklastwagen entspricht“, heißt es bei dem US-amerikanischen Logistikdienstleister.

Rohöl und Mineralien müssten teuer mit Lkw transportiert werden

Gleichzeitig werden große Mengen raffinierter Erdölprodukte wie Benzin und Diesel in Kanada mit der Bahn transportiert. Der alternative Transport per Lkw sei ineffizient und erheblich teurer. Hier drohten Preiserhöhungen auf den Energiemärkten.

Auch Kanadas gewaltige Mineralvorkommen, darunter Kohle, Eisenerz und Kali, werden aufgrund ihres hohen Gewichts und ihrer Größe hauptsächlich per Bahn transportiert. Ein einziger Eisenbahnwaggon kann etwa 100 Tonnen Eisenerz oder Kohle transportieren.

„Störungen im Schienenverkehr werden die Bergbauunternehmen dazu zwingen, alternative, teurere Transportmethoden wie Lkw zu finden, die nicht mit dem Volumen und der Effizienz der Bahn mithalten können“, warnt Project44. Diese Verschiebung würde die Transportkosten erhöhen und möglicherweise globale Lieferketten beeinträchtigen, insbesondere in der Stahlproduktion und in der Landwirtschaft.

Ähnliches gilt für kanadische Holz- und Forstprodukte. Dies könne sich auf das Baugewerbe und die Papierherstellung auswirken, erwarten die Logistikexperten, indem es die Preise in die Höhe treibt und Versorgungsengpässe verursacht.

Auch die Autoindustrie vor Einschränkungen?

Gleichzeitig führen die Streiks den Erwartungen zufolge dazu, dass fertige Fahrzeuge und große Mengen an Autoteilen, die für die Montage benötigt werden, nicht mehr per Bahn transportiert werden. Und auch hier drohen höhere Kosten, Engpässe und Verzögerungen.

Da auch der sogenannte intermodale Verkehr betroffen ist, bei dem Container vom Schiff auf die Bahn verladen werden, prüfte die dänische Reederei Maersk vor wenigen Tagen sogar die Option, einen Annahmestopp für Stahlboxen Richtung Kanada anzukündigen. Inzwischen versucht man es mit Notfallplänen, wie es aus Kopenhagen heißt.

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Betroffen ist insbesondere der dortige Einzelhandel, der nun Lieferengpässe fürchten muss – und das ausgerechnet vor den umsatzstarken Onlineverkaufstagen Black Friday und Cyber Monday.

Zumindest der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) zeigt sich entspannt, auch wenn entlang der kanadischen Grenze einige Autozulieferer ansässig sind. Auf Anfrage hieß es, man erwarte vorerst keine Auswirkungen für die Branche.

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