Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Pandemie Das Coronavirus verschärft die wirtschaftlichen und sozialen Probleme Afrikas

Noch ist Afrika verhältnismäßig wenig vom Coronavirus betroffen. Doch das könnte sich ändern. Ökonomisch sind die Aussichten ohnehin düster.
02.06.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Das nigerianische Gesundheitssystem wäre mit vielen schwer verlaufenden Covid-19-Fällen schnell überfordert. Quelle: AFP
Krankenhaus in Nigerias Hauptstadt Lagos

Das nigerianische Gesundheitssystem wäre mit vielen schwer verlaufenden Covid-19-Fällen schnell überfordert.

(Foto: AFP)

Kapstadt Wer als Unternehmer in Afrika erfolgreich sein will, noch dazu in Zeiten von Corona, braucht wie Johannes Flosbach neben viel Gelassenheit und Intuition auch ein hohes Maß an Flexibilität. Als der General Manager (Geschäftsführer) des nigerianischen Chemie- und Nahrungsmittelunternehmens Cormart Anfang März die Corona-Pandemie heraufdämmern sah, verlegte er den Schwerpunkt der hauseigenen Produktion sofort auf Desinfektionsmittel.

Der 39-Jährige hat Erfahrung mit Epidemien, denn genauso entschlossen wie jetzt hatte er bereits ein paar Jahre zuvor gehandelt, als das hochgefährliche Ebola-Virus in einigen der umliegenden Staaten wütete und auf Nigeria überzugreifen drohte.

Seit zwei Monaten produziert Cormart deshalb weniger Rohstoffe für Lebensmittel und Klebstoffe, sondern vor allem Handseifen, Gels, Oberflächenreiniger sowie flüssige Desinfektionsmittel – vom 100-Milliliter-Fläschchen für den kleinen Haushalt bis hin zum 25-Liter-Kanister für Großkunden wie etwa den Braukonzern Heineken. NGOs brachten zudem 40.000 Liter von Cormarts Desinfektionsmitteln aufs Land hinaus.

Inzwischen ist das Unternehmen dadurch zum größten Desinfektionsmittelhersteller in der zweitgrößten Volkswirtschaft in Subsahara-Afrika aufgestiegen. War der Umsatz noch im März zunächst auf rund 60 Prozent des Normalniveaus geschrumpft, könnte der Mai dank der veränderten Produktpalette zum besten Monat in der Firmengeschichte werden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Es gibt also auch Gewinner der Coronakrise in Afrika. Doch damit ist Cormart eine Ausnahme. Zwar ist der Kontinent verglichen mit anderen Weltregionen (noch?) nicht allzu stark von Covid-19 betroffen. Offiziell hat ganz Afrika bislang jedenfalls „nur“ etwa 130.000 bestätigte Infektionen und 3800 Todesfälle.

    Vielleicht steht der Kontinent erst am Anfang der Pandemie. Vielleicht sind die Menschen hier mit durchschnittlich 19,5 Jahren aber auch einfach viel zu jung, als dass das Virus größere Folgen hätte. Doch ökonomisch sind die Aussichten Afrikas düster: So ist zum Beispiel die Nachfrage nach seinen Exportprodukten, vor allem Rohstoffen, eingebrochen, worunter insbesondere erdölproduzierende Länder wie Nigeria leiden.

    Der stets optimistische Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass die vergleichsweise kleine Wirtschaft in diesem Jahr um mindestens vier Prozent schrumpfen wird; die Beratungsfirma McKinsey rechnet mit mindestens dem Doppelten.

    Noch düsterer sind die Prognosen für die Staatskasse vor dem Hintergrund des kollabierten Ölpreises. Als Afrikas größter Ölproduzent gehen Nigeria dadurch mehr als die Hälfte der eingeplanten Staatseinnahmen verloren, schließlich hängen rund 75 Prozent von ihnen vom Öl ab. Mittel zum Gegensteuern hat das Land nicht. So fließen bereits jetzt 60 Prozent der Staatsausgaben in die Bedienung des Schuldenberges.

    Die Mehrheit der Nigerianer lebt von der Hand in den Mund

    Obwohl der fünfwöchige Lockdown Anfang Mai entschärft wurde, werden ihn die 20 Millionen Menschen in der Wirtschaftsmetropole Lagos schon deshalb nicht schnell vergessen, weil die Mehrheit von ihnen im informellen Sektor arbeitet, und dabei buchstäblich von der Hand in den Mund lebt: „Wer hier einen Tag lang, geschweige denn fünf Wochen nichts verdient, geht abends hungrig zu Bett“, sagt Idayat Hassan vom Centre for Democracy and Development in der Hauptstadt Abuja.

    Denn wie überall in Afrika gibt es auch in Nigeria keinen Sozialstaat, der den vielen Menschen ohne jede Rücklage helfen könnte. Zudem läuft der weitaus größte Teil der wirtschaftlichen Transaktionen informell ab. Durch Ausgangssperren und Geschäftsschließungen ist ein gewichtiger Teil der Ökonomie zum Erliegen gekommen.

    Dabei war die Lage in Nigeria selbst vor Corona schon wenig hoffnungsvoll: Landesweit leben rund 80 Millionen der 200 Millionen Nigerianer in extremer Armut. Sie müssen mit weniger als 1,90 US-Dollar am Tag auskommen.

    Die meisten Beobachter sind überzeugt, dass Corona das Land bei der Armutsbekämpfung nun um Jahre zurückwerfen wird. Berechnungen der Weltbank zufolge dürften durch das Virus mindestens fünf Millionen weitere Nigerianer in die extreme Armut abrutschen, vermutlich jedoch am Ende noch viel mehr.

    Die aktuellen Corona-Infektionszahlen lassen einen solchen weitreichenden Effekt des Virus zunächst nicht vermuten. Ende Mai hatte Nigeria nur rund 9000 bestätigte Covid-19-Infizierte und weniger als 300 Corona-Tote.

    Der Hauptgrund für diese ausgesprochen niedrige Zahl dürfte zumindest teilweise darin liegen, dass Nigeria seine Bevölkerung noch weniger als die meisten anderen afrikanischen Länder testet. Offiziell hat das Land bislang kaum 50.000 Proben genommen – verglichen mit dem Zehnfachen in Südafrika, das weniger als ein Drittel der Einwohner Nigerias zählt.

    Nach Dutzenden von mysteriösen Todesfällen im muslimischen Norden und dessen Hauptort Kano sind Spekulationen aufgekommen, wonach sich das Coronavirus dort in einigen Hotspots unentdeckt vermehre. Bisher gibt es aber keinen Ansturm auf Hospitäler. „Die meisten Menschen sterben still daheim“, sagt Flosbach.

    Infrastruktur ist problematisch

    Ein Modell der Afrika-Sektion der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass sich über die nächsten zwölf Monate rund 250 Millionen Afrikaner mit dem Coronavirus infizieren und bis zu 190.000 davon sterben werden. Der amerikanische Milliardär Bill Gates war vor drei Monaten hingegen noch von bis zu zehn Millionen Toten in Afrika ausgegangen.

    Zwar liegen die aktuellen Zahlen somit weit niedriger, doch würden die extrem fragilen Gesundheitsdienste auf dem Kontinent selbst die wenigen ernsthaften Fälle kaum stemmen können.

    Entsprechend vorsichtig agieren die Behörden in Nigeria. Neben Clubs, Hotels und Restaurants bleiben auch hier die stets stark frequentierten Gottesdienste der vielen Freikirchen zunächst noch geschlossen. Auch besteht noch immer zwischen 20 Uhr abends und 6 Uhr früh eine Ausgangssperre. „Andererseits ist vieles schon wieder fast zur Normalität zurückgekehrt – sogar die berüchtigten Verkehrsstaus“, berichtet Flosbach, der vor zehn Jahren ins Land kam. „Wer es sich leisten kann, shoppt und bestellt fast alles online bei den Supermärkten und lässt liefern.“

    Ein Problem ist und bleibt die fehlende Infrastruktur: In Makoko, einem großen Slum in Lagos, haben auch 60 Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes noch immer weniger als 20 Prozent2 der Haushalte fließend Wasser. Viele Beobachter sehen Corona deshalb auch nur als eine von vielen Baustellen, mit denen Nigeria seit Jahren kämpft. „Es ist sicherlich nicht so, dass Cormart locker durch all den Aufruhr segelt“, sagt auch Flosbach. Das sei man bei all den Krisenherden noch nie. „In Nigeria rudert man eher mit Esslöffeln.“

    Mehr: Seuchenexperte Farrar: „Gesundheit darf kein politischer Spielball sein“

    Startseite
    Mehr zu: Pandemie - Das Coronavirus verschärft die wirtschaftlichen und sozialen Probleme Afrikas
    0 Kommentare zu "Pandemie: Das Coronavirus verschärft die wirtschaftlichen und sozialen Probleme Afrikas"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%