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IWF-PrognoseWeltwirtschaft könnte dreißigmal stärker schrumpfen als in der Finanzkrise

Der Internationale Währungsfonds erwartet einen dramatischen Einbruch der globalen Konjunktur. Auch Deutschlands Wirtschaft schrumpft der Prognose zufolge drastisch.Martin Greive und Donata Riedel 14.04.2020 - 14:30 Uhr Artikel anhören

Der IWF rechnet mit einer Krise, die mit der Großen Depression vergleichbar wäre.

Foto: dpa

Berlin. Das Coronavirus verändert die Weltwirtschaft in einer Weise wie kaum eine Krise zuvor. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet in seinem neuen Konjunkturausblick mit einer Weltrezession, die in ihrer Tiefe nur noch mit einer Krise vergleichbar ist: der Großen Depression nach 1929.

Die Finanzkrise jedenfalls, in der die Weltwirtschaft erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg schrumpfte, war mit einem Minus von 0,1 Prozent nichts im Vergleich zu dem Wachstumsverlust, den der IWF jetzt für dieses Jahr erwartet.

So rechnet der IWF für das Jahr 2020 mit einem Einbruch der Weltwirtschaft um drei Prozent. In seiner Prognose vor dem Ausbruch der Coronakrise war der IWF noch von einem Plus in Höhe von 3,4 Prozent ausgegangen. Noch nie hat der IWF seine Prognose so drastisch nach unten korrigiert. Der jetzige Abschwung fällt nicht nur dramatischer aus, er verläuft völlig anders als alle Rezessionen nach dem Zweiten Weltkrieg, sagte die Chefvolkswirtin des IWF, Gita Gopinath.

In der Finanzkrise 2009 konnten Schwellenländer wie China und Indien die Weltkonjunktur noch aus der Krise ziehen. „Dieses Mal sind alle Ländergruppen in die Rezession gerutscht: Industriestaaten, Schwellen- und Entwicklungsländer“, sagte Gopinath.

Zwar zählen China und Indien mit einem Wachstum von 1,2 und 1,9 Prozent noch zu den wenigen Ländern, die laut IWF einer Rezession entgehen. Das im Vergleich zu den Vorjahren aber nur minimale Wachstum reicht für die Schwellenländer nicht mehr länger, um die Rolle der Weltkonjunktur-Lokomotive zu übernehmen.

Deutschland etwa muss 2020 mit einem BIP-Verlust von sieben Prozent rechnen, die USA mit einem Minus von 6,1 Prozent. Frankreichs Wirtschaft schrumpft demnach um 7,2 Prozent, Spaniens um acht Prozent und Italiens sogar um 9,1 Prozent.

Die Coronakrise, so Gopinath, könnte die Weltwirtschaft insgesamt in diesem und im nächsten Jahr um neun Billionen Dollar ärmer machen. Immerhin: Nach dem Einbruch in diesem Jahr soll die Weltwirtschaft 2021 wieder stark wachsen, der IWF rechnet mit einem Plus von 5,8 Prozent.

Erstmals virtuelle IWF-Tagung

Gopinath stellte die Konjunkturprognose zum Auftakt der jährlichen Frühjahrstagung von IWF und Weltbank am Dienstag vor. Das traditionelle Treffen der Finanzminister, Notenbankchefs und Entwicklungsminister findet aufgrund der Coronakrise erstmals nur virtuell als Abfolge von Videokonferenzen statt.

Einziges Thema des virtuellen Treffens ist die Coronakrise und ihre Wirkungen auf die Weltwirtschaft und Finanzmärkte. Aus Sicht vieler Beobachter fällt die Runde der G20, die gerade für solche Krisen nach der Finanzkrise 2008 ins Leben gerufen wurde und die sich traditionell ebenfalls während der IWF-Frühjahrstagung immer trifft, in der Coronakrise als ordnende Kraft bislang weitgehend aus.

„Multilaterale Zusammenarbeit ist unverzichtbar für die Erholungsphase der Wirtschaft“, betonte Gopinath. Die Minister und Notenbanker wollen deshalb diese Woche Signale setzen, dass die internationale Zusammenarbeit auch in dieser Krise gut laufe. Die Umstände allerdings sind widrig: So gibt es in den G20-Staaten eine Reihe von Regierungschefs, die von internationaler Zusammenarbeit wenig halten, allen voran US-Präsident Donald Trump. Und unklar ist auch, wie tief der Fall der Weltwirtschaft letztlich ausfallen wird – und damit, wie stark sich die Staaten am Ende stützen müssen.

Die Krise besteht aus zwei Phasen: einer Phase der Eingrenzung der Virusausbreitung mit weitgehendem Stillstand großer Teile der Wirtschaft. Und einer zweiten, der Erholungsphase. Wie tief die Rezession wirklich wird, hängt von der Dauer der ersten Phase ab. Wenn sie nicht im ersten Halbjahr beendet werde, würde die Weltwirtschaft um weitere drei Prozent schrumpfen, erwartet der IWF. Sollte sie gar bis ins Jahr 2021 anhalten, werde der BIP-Verlust um acht Prozent größer ausfallen als in der aktuellen Prognose.

„Erhöhte Gesundheitsausgaben sind essenziell für die Krisenbewältigung“, fordert daher IWF-Chefvolkswirtin Gopinath. Wenn in der ersten Phase das Gesundheitssystem eines Landes zusammenbreche, breche auch die Wirtschaft zwangsläufig ein. Gesundheits- und Wirtschaftsgewinne gegeneinander aufzurechnen, funktioniere nicht.

Investoren ziehen Geld aus Schwellenländern ab

Besonders hart getroffen von der Coronakrise sind laut IWF besonders Schwellenländer, die aus einer langjährigen Phase stabilen Wachstums herauskatapultiert worden seien. Zwar sind dort bislang weniger Corona-Fälle aufgetreten als in den Industriestaaten.

Doch diese Zahlen dürften auch auf mangelnde Tests zurückzuführen sein. Und auch, dass die Bevölkerung in Schwellenländern in der Regel jünger ist, dürfte die Länder kaum weniger angreifbar machen. Denn dafür sind ihre Gesundheitssysteme deutlich schwächer als in den reichen Industriestaaten, weshalb die Lage in diesen Ländern dramatischer werden dürfte als in den Industriestaaten.

Wie in jeder Unsicherheitsphase ziehen zudem bereits Investoren ihr Geld aus Schwellenländern ab. Mehr als hundert Milliarden Euro waren es bereits in den ersten Wochen. Der Abzug der Devisen wiederum lässt die lokalen Währungen abstürzen: Es folgt zwangsläufig eine Schuldenkrise, weil Schwellen- und Entwicklungsländer ihre Schulden in Dollar nicht mehr bedienen können.

Zwar sieht der IWF die Schwellenländer noch nicht als Epizentrum einer möglichen neuen weltweiten Finanzkrise. Die globale Finanzarchitektur sei seit der Finanzkrise 2008 besser aufgestellt und reagiere weniger empfindlich auf Krisen. Dennoch bereitet die Lage dem IWF und den G20-Staaten Sorge. Man beobachte die Lage sehr genau, heißt es. Der IWF und die Weltbank flehen geradezu seit vier Wochen darum, dass reiche Staaten und auch Finanzinstitutionen Umschuldungen und Schuldenerlasse gewähren.

Der IWF ging nun selbst mit gutem Beispiel voran. So gewährt der Weltwährungsfonds armen Staaten für einen Zeitraum von sechs Monaten Notkredite, um sie im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie zu unterstützen. Zu diesen Ländern zählen Kriegsstaaten wie Afghanistan und Jemen, aber auch die ärmsten afrikanischen Länder, etwa der Sahelzone.

„Das gewährt unseren ärmsten und schutzbedürftigsten Mitgliedern Zuschüsse zur Deckung ihrer IWF-Schuldenverpflichtungen für eine erste Phase in den nächsten sechs Monaten und wird ihnen helfen, mehr ihrer knappen finanziellen Ressourcen für lebenswichtige medizinische und andere Hilfsmaßnahmen zu verwenden“, sagte IWF-Chefin Kristalina Georgiewa. Die Gläubigerstaaten stimmten dem Schulden-Moratorium zu, weil sie schwere Verwerfungen auf den Finanzmärkten befürchteten.

Krisenpakete zeigen Wirkung

Trotz der Katastrophe, in der Gopinath die Weltwirtschaft aktuell sieht, gebe es aber Zeichen der Hoffnung: Die ersten Länder gingen bereits von Phase eins in die Erholungsphase über. China etwa habe die Shutdown-Phase bereits verlassen.

Abstandsgebote, Kontaktverfolgung und massives Testen hätten sich als wirksam erwiesen, die Virusausbreitung einzugrenzen. Und die weltweiten Hilfsprogramme für Unternehmen und Arbeitnehmer zeigten ebenfalls Wirkung, die Rezessionen abzumildern, sagte Gopinath und versuchte, trotz des düsteren Ausblicks Zuversicht zu verbreiten: „Diese Gesundheitskrise wird enden.“

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