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Pandemie Täglich mehr als 40.000 Neu-Infizierte – Großbritannien diskutiert Rückkehr der Corona-Einschränkungen

Drei Monate nach dem „Freedom Day“ steigen die Krankenhauseinweisungen in Großbritannien. Experten fordern neue Restriktionen, doch die Regierung lehnt ab.
20.10.2021 - 20:45 Uhr Kommentieren
Pendler sitzen zum Teil mit und ohne Mund-Nase-Schutz in einer Londoner U-Bahn auf der Jubilee Line, in der Maskenpflicht herrscht. Großbritannien hatte in den vergangenen Tagen jeweils mehr als 40.000 Fälle verzeichnet, die Sieben-Tage-Inzidenz lag zuletzt bei weit über 400. Quelle: dpa
Menschen mit und ohne Maske in der Londoner U-Bahn

Pendler sitzen zum Teil mit und ohne Mund-Nase-Schutz in einer Londoner U-Bahn auf der Jubilee Line, in der Maskenpflicht herrscht. Großbritannien hatte in den vergangenen Tagen jeweils mehr als 40.000 Fälle verzeichnet, die Sieben-Tage-Inzidenz lag zuletzt bei weit über 400.

(Foto: dpa)

London Besucher aus Deutschland wirken immer etwas desorientiert, wenn sie in diesen Tagen nach England kommen. Keine Masken weit und breit, man geht einfach überall rein, ohne einen Impfnachweis oder ein Testergebnis vorweisen zu müssen. Gefühlt existiert die Coronapandemie im Königreich nicht mehr.

Die Zahlen allerdings zeigen ein anderes Bild. Jeden Tag werden mehr als 40.000 neue Infektionen registriert, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei mehr als 400. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen steuert auf tausend pro Tag zu, auch die Todeszahlen liegen schon wieder bei rund 200 am Tag – der höchste Stand seit März.

Im Vergleich zu den deutlich niedrigeren Zahlen auf dem europäischen Festland scheint die Lage auf der Insel außer Kontrolle. Gesundheitsminister Sajid Javid warnte in einer Pressekonferenz am Mittwoch, dass die Zahl der Infektionen im Winter auf 100.000 am Tag steigen könne.

Gesundheitsdienst fordert neue Einschränkungen

Drei Monate nach dem „Freedom Day“, als Premier Boris Johnson sämtliche Einschränkungen aufhob, läuft daher nun eine neue Coronadebatte im Land. Wissenschaftler und Vertreter des staatlichen Gesundheitssystems NHS drängen auf eine Wiedereinführung von Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen.

„Es ist Zeit für den Plan B“, sagte Matthew Taylor, Chef des Gesundheitsverbands NHS Confederation. „Ohne präventives Handeln riskieren wir, in eine Winterkrise zu stolpern.“

Der britische Premier lehnt neue Restriktionen trotz steigender Infektionszahlen ab. Quelle: AP
Boris Johnson

Der britische Premier lehnt neue Restriktionen trotz steigender Infektionszahlen ab.

(Foto: AP)

Das staatliche Gesundheitssystem NHS gerät jeden Winter an seine Belastungsgrenze. Durch die Pandemie ist die Lage besonders angespannt. Die Kliniken schieben einen Berg an aufgeschobenen Behandlungsterminen vor sich her: 5,7 Millionen Briten warten auf Operationen.

Die Notaufnahmen sind schon wieder so voll, dass Krankenwagen draußen warten müssen, bis jemand ihre Patienten aufnehmen kann. Manche Menschen lägen mehrere Stunden im Krankenwagen vor der Klinik, sagte der Rettungssanitäter Richard Webber vom College of Paramedics dem Sender Sky News.

„Wir stehen an der Kante – und es ist Mitte Oktober“, sagte Taylor dem „Guardian“. „Wir bräuchten unglaubliches Glück, um uns nicht in den kommenden drei Monaten in einer tiefen Krise wiederzufinden.“

Impfwirkung in der Bevölkerung lässt nach

Für die steigenden Infektionszahlen werden zwei Gründe angeführt: Erstens erhöht das sorglose Miteinander im Alltag das Ansteckungsrisiko. Zweitens lässt auch der Impfschutz in der Bevölkerung nach. Da Großbritannien als erstes Land mit dem Impfen begonnen hatte, ist bei vielen Briten die zweite Spritze schon mehr als sechs Monate her. Auch haben die meisten das weniger wirksame Vakzin von Astra-Zeneca bekommen.

Die Regierung sieht jedoch keinen Grund, ihre Strategie zu ändern. Sie setzt weiterhin ausschließlich auf die Impfkampagne, um die Pandemie zu überwinden. Man sei noch nicht an dem Punkt, um neue Restriktionen einzuführen, sagte Gesundheitsminister Javid.

Sajid Javid, Gesundheitsminister von Großbritannien, vor der Downing Street 10. Quelle: dpa
Britischer Gesundheitsminister Javid

Sajid Javid, Gesundheitsminister von Großbritannien, vor der Downing Street 10.

(Foto: dpa)

Die Regierung halte es weiterhin für richtig, dass die Verantwortung bei den Einzelnen liege, wann er oder sie Maske trage oder soziale Kontakte beschränke. Auch sei der Druck auf die NHS noch nicht so groß, dass neue Einschränkungen im Alltag nötig seien. Auf Nachfrage wollte er nicht sagen, ab wann dieser Punkt erreicht sei.

Tories halten Maske für überflüssig

Tatsächlich dürfte es schwer werden, die Briten dazu zu bringen, ihre Freiheiten noch einmal aufzugeben. Anders als in der ersten und zweiten Viruswelle herrscht keinerlei Alarmstimmung – ganz im Gegenteil. Großveranstaltungen wie der Tory-Parteitag vor ein paar Wochen finden ohne Tests, Impfnachweise und Masken statt. Im Parlament sitzt die komplette Regierungsfraktion ohne Maske. Selbst in der U-Bahn verzichten immer mehr Menschen auf den Mund-Nase-Schutz.

Konservative Lockdown-Gegner warnen die Regierung vor einer Wiedereinführung der Restriktionen. „Wir können die Freiheiten der Menschen in diesem Land nicht vom Kapazitätsmanagement der NHS abhängig machen“, sagte der Abgeordnete Steve Baker dem Sender Talkradio.

Doch betonte Javid, dass die Pandemie noch nicht vorbei sei. „Wir sind besorgt“, sagte der Minister. Zwar gebe es keine gesetzlichen Vorschriften mehr, „aber wir alle können vorsichtig sein“. Er appellierte an die Briten, Maske in Innenräumen zu tragen, sich regelmäßig zu testen und sich impfen zu lassen. Das Impfen bleibe die „erste Verteidigungslinie“ gegen das Virus.

Dritte Impfung für über 50-Jährige

Aktuell erhalten die Zwölf- bis 15-Jährigen ihre erste Impfung. Die über 50-Jährigen sind aufgerufen, zur Drittimpfung zu gehen. Die Impfbegeisterung der Briten scheint jedoch nachzulassen: Von den acht Millionen, die zur Drittimpfung eingeladen wurden, hat erst die Hälfte das Angebot angenommen. Auch sind fünf Millionen Briten noch gar nicht geimpft.

Wer solche Impfverweigerer im eigenen Umfeld kenne, solle doch mal mit ihnen reden, sagte Javid. Auch die Drittimpfung müsse ernst genommen werden. „Wir könnten unseren Fortschritt verspielen, wenn die Menschen das Impfangebot nicht annehmen.“

Der bevorstehende Winter macht die Regierung und ihre Berater nervös. „Wir gehen mit einem sehr hohen Niveau an Infektionen in den Winter“, sagte Jenny Harries von der UK Health Security Agency bei der Pressekonferenz mit Javid. Auch die Krankenhauseinweisungen seien in den vergangenen Tagen gestiegen, ebenso wie die Todeszahlen. Zwar seien sie noch deutlich niedriger als während der früheren Wellen. „Aber sie bewegen sich in die falsche Richtung.“

Stephen Powys, medizinischer Direktor der NHS England, warnte die Briten davor, die Virusgefahr nicht mehr ernst zu nehmen. Auch Javid sprach eine klare Warnung an seine Landsleute aus: Wenn nicht genug Menschen zur Drittimpfung gingen und Maske trügen, würden neue Restriktionen wahrscheinlicher. „Das wird uns dann alle treffen.“

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