Russland: Trauer in Moskau um Alexei Nawalny – „In mir ist eine sehr starke Wut“
Moskau. Schnell soll es gehen am Solowezki-Stein im Zentrum Moskaus, wenn es nach den Sicherheitsbehörden geht. Das Denkmal wurde 1990 als Gedenkstein für die Opfer politischer Repressionen errichtet. An diesem Freitagabend kommen zahlreiche Moskauerinnen und Moskauer, um hier Blumen für den Kremlkritiker Alexei Nawalny abzulegen – unter den strengen Augen der uniformierten Beamten.
Am Nachmittag hatten die russischen Behörden den Tod des bekanntesten Kremlkritikers im Gefängnis gemeldet. Nicht lange danach versammelten sich Menschen in Moskau und anderen russischen Städten in Gedenken an den Politiker.
Das russische Medium „Bumaga“ berichtete von etwa 100 Menschen bei einer Versammlung in Sankt Petersburg, andere meldeten Blumenniederlegungen und Zusammenkünfte unter anderem in Ufa, Nischni Nowgorod, Tomsk und Krasnodar.
Doch die Versammlungen sind nicht ohne Risiko für die Menschen. Nach Angaben der russischen Menschenrechtsorganisation OVD-Info, die sich unter anderem für Inhaftierte einsetzt, wurden über 110 Menschen beim Ablegen von Blumen sowie Journalisten in mehreren Städten festgenommen, darunter in Moskau, Sankt Petersburg, Nischni Nowgorod, Rostow am Don und Twer. Einige von ihnen wurden der Organisation zufolge mittlerweile wieder freigelassen.
Nach Angaben der „Nowaja Gaseta“ wurde eine Gedenkkundgebung in Sankt Petersburg von den Sicherheitskräften am Abend aufgelöst. OVD-Info berichtete von 64 in der Stadt festgenommenen Personen, darunter ein Fotograf der Zeitung.
Wie viele Menschen in Moskau offen um den Kremlkritiker trauern, ist schwer zu sagen: Die zahlreichen anwesenden Sicherheitsbeamten regulieren den Zugang zum Denkmal akribisch. Nur in kleinen Gruppen dürfen sie passieren. Beim Denkmal angekommen achten die Beamten darauf, dass sie schnell wieder gehen. Viele von ihnen legen rote und weiße Blumen ab. Ein junger Mann bringt sogar einen gelb-blauen Strauß in den Farben der ukrainischen Flagge.
Pjotr kommt mit einem großen Strauß roter Rosen, verteilt einige davon an andere Anwesende, damit sich diese ebenfalls anstellen können, während er auf die Ankunft seiner Freunde wartet. „Der Schmerz ist riesig“, sagt er mit Tränen in den Augen. Vor allem seit Beginn des Krieges, den Russland gegen die Ukraine führt, habe Nawalny ihm Hoffnung gegeben. Sein Tod treffe ihn sehr, so der 27-Jährige. Er ist nicht der einzige, der zuvor sichtlich geweint hat.
Pjotr geht davon aus, dass viel mehr Menschen gerne kommen würden, doch viele haben Angst. Tatsächlich hatte die russische Staatsanwaltschaft die Bevölkerung davor gewarnt, sich an einem Massenprotest im Zentrum der Hauptstadt zu beteiligen. Eine solche Versammlung sei nicht mit den Behörden abgestimmt, hieß es.
Beamte drängen die Wartenden zur Eile
Maria, 22, die ebenfalls mit einem ganzen Strauß Blumen gekommen ist, berichtet über den Moment, in dem die Push-Meldungen über Nawalnys Tod auf ihrem Handy eingingen. „Schock, Entsetzen. Aber natürlich kam die Nachricht nicht unerwartet“, fasst sie ihre Reaktion zusammen. Alle ihre Freunde hätten in Chatgruppen geschrieben: „Wie ist das möglich?“ Dann fügt sie hinzu: „Naja, es war klar, dass das passieren würde.“ Wie sie sich jetzt fühle? „Meine Hände zittern, alles tut weh, und in mir ist ein sehr starkes Gefühl der Wut.“
Das Gedränge wird immer größer, die Ansagen der Beamten immer lauter. „Wenn Sie Blumen ablegen wollen, gehen Sie jetzt bitte nach vorne“, rufen sie mit einem Megafon durch die Kälte. Dann drängen die Beamten all jene, die ohne Blumen gekommen sind, in die nahegelegene Unterführung.
Dort steht auch Sawwatii, 19. „Blumen habe ich nicht dabei, aber ich wollte einfach da sein“, sagt er. Er habe gerade gelernt, als er vom Tod Nawalnys erfuhr. Auch er denkt, dass viele Menschen aus Angst nicht kämen. Er selbst trägt eine Kapuze und einen schwarzen Mundschutz, um nicht erkannt zu werden. „Ich verfolge seine Aktivitäten schon seit Langem“, sagt er über Nawalny. Dieser sei in seinen Augen ein bewundernswerter Politiker gewesen.
Auf der anderen Seite des Denkmals finden sich jene ein, die ihre Blumen schon abgelegt haben. Ein junges Pärchen hält sich im Arm, andere rauchen gemeinsam noch eine Zigarette, stehen beisammen. Doch die allermeisten verschwinden direkt im nächsten Eingang zur Unterführung.